Guaia Guaia

Die kreativen Edelpenner

Armut ist nur ein anderes Wort für Freiheit: In ihren Songs verarbeiten Guaia Guaia ihr Leben auf der Straße oder in besetzten Berliner Häusern. Nun kommt das Duo ins Kino und mit seinem ersten Album womöglich auch noch groß raus.

Luis Zielke wird gleich wieder lachen. Weil er immer lacht, ein wenig meckernd, wenn er etwas sagt. Auch wenn das, was er sagt, ernst und ihm wichtig ist. „Dieses Leben ist vor allem aus dem Wunsch entstanden, unabhängig zu sein“, sagt Zielke an diesem sonnigen Sommertag in einem Café, in dem der Kreuzberger Kreativnachwuchs sitzt, um abschätzig auf vorbeiflanierende Touristen zu blicken. Zielke mit seinen wilden Locken und sein Freund Elias Gottstein mit den langen blonden Haaren sehen zwar aus, als könnten sie sich hier notfalls problemlos assimilieren, aber ihre etwas schäbigen T-Shirts und abgenutzten Shorts stammen nicht aus dem Designerladen um die Ecke, sondern aus den Containern der Altkleidersammlung, die sie plündern. Dafür müssen die  beiden, die als Guaia Guaia zusammen auf der Straße leben und Musik machen, auch nicht zum Praktikantenjob in die Werbeagentur. Stattdessen stehen draußen ihre Fahrräder, große Kisten vor den Lenker montiert, in denen sie ihr Hab und Gut herumfahren. Eigentlich könnten sie einfach losfahren und verschwinden.

Es geht also um das Leben. Sicher, darum geht es immer im Leben. Irgendwie. Aber selten so konkret wie bei Guaia Guaia. In der Musik, in den Texten und eben auch in ihrem Leben. Leben ist jedenfalls das Wort, das am häufigsten fällt, wenn man sich mit Gottstein und Zielke unterhält. ­Leben wie in „Lebensentwurf“ oder „Lebenslauf“, wie in „unabhängig leben“ oder „auf der Straße leben“. Oder in einem anderen Satz von Zielke: „­Unser Leben ist keine politische Aktion, das ist in erster Linie unser Leben.“

Dazu muss man wissen: Zielke und sein Freund Elias Gottstein haben sich in der Schule in Neubrandenburg kennen gelernt, dort begonnen zusammen Musik zu machen und eine Idee entwickelt. Kaum volljährig brachen sie die Schule ab, zogen zuerst nach Frankfurt am Main und absolvierten ihren Zivildienst. Dann gingen sie im Sommer auf Reisen, schlugen sich als Straßenmusiker durch und kündigten ihre Wohnung. Seitdem leben sie als kreative Edelpenner im Sommer auf der Landstraße und im Winter in leerstehenden Gebäuden, die letzten drei Jahre in Berlin. Sie treten auf in Fußgängerzonen und an Straßen­ecken, suchen im Müll nach Nahrungsmitteln, schlafen unter Brücken und unter Bäumen, und singen: „Ich reise um die Welt, besuch’ das Paradies.“

Die Reise geht wohl bald zu Ende. Im August werden die beiden 24 Jahre alt, sie sind jetzt bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag und ihr Leben kommt ins Kino. Für „­Unplugged: Leben“ war der Filmemacher Sobo Swobodnik zwei Jahre lang unterwegs mit Gottstein und Zielke. Nun kann man sehen, wie die beiden zuerst mit riesigen Tonnen, später auf den umgebauten Fahrrädern ihr Musikequipment und ihr bisschen Besitz durch die Republik transportieren, hier und dort auftreten und das Zufallspublikum mit Electro-Beats, Gitarre und Posaune zum Tanzen bringen, wie sie das Bahnwärterhäuschen am Ostbahnhof besetzen, dem sie ein Lied geschrieben haben, und vor allem versuchen, ihren Traum von einem möglichst selbstbestimmten Leben zu verwirklichen, in dem weniger mehr ist und Armut, die sie lieber „Reduktion“ nennen, zu persönlicher Freiheit führt.

Außerdem ist – zählt man die CDs nicht mit, die sie bislang haben pressen lassen, um sie an die Zuhörer ihrer Spontanauftritte zu verkaufen – unlängst das erste Album von Guaia Guaia erschienen. „Eine Revolution ist viel zu wenig“ berichtet mit Hilfe von zum Teil extrem eingängigen Melodien und einer zwar dreisten, aber grundsympathischen Mischung aus Folkpop und Hip-Hop von, wie es in einem Song heißt, „Straßenromantik, die Insel im Gepäck“, aber auch grundsätzlicher und weniger naiv aus einem Leben, das zwar niemals so geplant war, aber nun wirkt wie ein Gesamtkunstwerk mit politischer Aussage.

„Ich häng’ mit meinen Jungs, Du hängst nur am Besitz“, singen die beiden in einem Song, der zu dem Schluss kommt: „Mehr kann ich nicht gewinnen.“ Vielleicht liegt es an dieser zwar fatalistischen, aber befreienden Grundeinstellung, dass Guaia Guaia instinktiv niemals ernsthaft den klassischen Weg verfolgt haben, um mit Musik ihr Leben zu bestreiten. Vor Jahren haben sie einmal eine E-Mail an einen Veranstalter geschickt und eine weitere an eine Platten­firma. Auf beide gab es keine ­Reaktion, also sind sie stattdessen einfach auf eigene Faust losgefahren, haben ihre Verstärker aufgestellt, den kleinen Generator angeworfen und los ­gelegt. „Ich tu nur, was ich lieb’“, quengelt Gottstein in einem Song, „der Rest kommt von allein.“

Was kam, war irgendwann eine Plattenfirma. Nun sind sie unter Vertrag beim Plattenmulti Universal, dessen deutsche Zentrale nur ein paar Hundert Meter entfernt vom Café, am anderen Ufer der Spree, liegt. ­Natürlich ist das ein Widerspruch, geben die beiden zu. Auch wenn sie weder ihre Musik noch ihren Lebensentwurf als politisches Programm verstanden wissen wollen, ist ihnen doch klar, dass beides in seiner Gesamtheit dann doch eine Aussage birgt, die sie konterkarieren, wenn sie von einem Entertainmentkonzern plötzlich auf einen Schlag so viel Geld bekommen, wie sie in all vergangenen Jahren insgesamt mit der Straßenmusik nicht verdient haben.

Die beiden wissen, dass mit dem Erfolg, sollten sie welchen haben, ihr bisheriges Leben vorbei ist. Dass das nicht geht: ­Bekannt sein und Menschen an einer Straßenecke überraschen. Hier stellt sie sich also wieder, die ewige Frage nach dem richtigen Leben im falschen. Die auch ­Guaia Guaia nicht abschließend und zu vollster Zufriedenheit beantworten können. Aber sie versuchen es wenigstens. Das ist mehr, als die meisten von sich sagen können. Und noch weniger können davon so schön singen wie Elias Gottstein und Luis Zielke.