Bastion der Beständigkeit

Die Kurpfalz-Weinstuben

Falsche Weinreben, echte Geweihe: Die Kurpfalz-Weinstuben sind ein Stück Stadtgeschichte – und dank des Weinbar-Hypes der Ort der Stunde
Text: Eva Biringer Fotos: Patricia Sevilla Ciordia

Viel hatte man gelesen vor dem ersten Besuch der Kurpfalz-Weinstuben, hängen blieb vor allem das: Getrunken wird ausschließlich aus Schoppengläsern. Versteckt in einem Charlottenburger Hinterhof sind die Kurpfalz-Weinstuben eine beharrliche Anachronie. In den Worten ihres Wirts Rainer Schulz: „Hier bleibt alles beim Alten, nich.“ Das hanseatisch-kokette „nich“ am Satzende ist freilich nicht als Frage gemeint.

2015 gibt es doppelten Anlass zum Feiern: das 80-jährige Bestehen der Kurpfalz-Weinstuben und das 40. Dienstjahr von Rainer Schulz. Als er 1975 deren Leitung übernahm, sei Berlin eine „Weinwüste“ gewesen. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, wo die Cordobar zu den angesagtesten Orten der Stadt zählt, das Restaurant von Punk-Sommelier Billy Wagner schon vor seiner Eröffnung 1.000 Facebook-Likes hat und selbst die mit der Clubkultur liebäugelnde Neue Heimat exzellenten deutschen Riesling ausschenkt. Auch das Partyvölkchen kennt mittlerweile den Unterschied zwischen Spätlese und Auslese und weiß, dass es sich bei einem Großen Gewächs nicht um eine Geraniensorte handelt.

Der Kontrast zu den Kurpfalz-Weinstuben könnte nicht größer sein. Drückend-schwere Holzvertäfelung, Bänke, wie man sie sonst nur noch in süddeutschen Dorfkirchen findet, falsche Weinreben und echte Geweihe – der wahr gewordene Traum eines jeden Touristen aus Japan. Hier tranken schon Hans Albers, Hildegard Knef, Curd Jürgens und Harald Juhnke. Cees Nootebooms Roman „Allerseelen“ spielt in dem holzgemütlichen Ambiente. Verändert hat sich seither kaum was. Außer natürlich das legendäre Handy-Verboten-Schild, von dessen Antennen-Ikonografie sich kein Smartphonebenutzer angesprochen fühlen muss. Wo das Schild übersehen wird, schreitet der Weinstuben-Wirt persönlich ein, zwei Mal an diesem Abend wegen eines wiederum herrlich altmodisch-polyphonen Klingeltons.

Rainer Schulz trägt dieselbe Brille wie auf dem Foto eines alten Zeitungsartikels. Cognacfarben, mit kreisrunden Gläsern und dezentem Farbverlauf. Exakt dasselbe Modell gibt es in einem sogenannten Pop-up-Store auf der Torstraße zu kaufen, sein Träger ist also absolut auf der Höhe der Zeit. So wie mit dem Brillenmodell verhält es sich auch mit Schulz’ Philosophie – abwarten, bis einem der Zeitgeist in die Hände spielt. Plötzlich sind Klassiker der deutschen Küche wieder in, deutsche Weine sowieso. „Seit 38 Jahren habe ich vergeblich auf den Flaschenweinkonsum gewartet“, feixt Herr Schulz. Plötzlich durstet es seine Gäste danach: Abwarten und Wein trinken hat sich als Motto bewährt.

Telefonieren ist hier verboten. Aber was hält der strenge Wirt von Gästen, die ihre Weinflaschen abfotografieren, um den Preis im Internet zu vergleichen? Erwartungsgemäß wenig. Ebenso wenig hält er von Naturweinen und „diesen Bioleuten“. Dabei hat auch er ein paar Bioweine im Programm. Meistens findet er diese jedoch stumpf, unspannend. Und Bio ins Barrique-Fass? Du lieber Himmel! Wovon der Weinstuben-Wirt auch wenig hält sind prätentiöse Kritikernasen, die „nassen Hund“ oder „Tankstelle“ oder „verbrannten Schreibtischlampenstaub“ wittern: „Da ist die deutsche Sprache missbraucht.“

Herr Schulz, was ist von all den neuen Weinbars zu halten, die zwischen Mitte und Neukölln von jungen Leuten eröffnet werden. „Viele dieser Jungspunde übernehmen sich in ihrem Wissen. Schön mineralisch ist ein bisschen dürftig. Manchen geht es aber auch gar nicht um tiefe Kenntnisse, sondern eher dieses‚ wir machen uns mal einen lustigen Abend.“ Anlegen will sich Schulz mit keinem; eher herrscht mildes Desinteresse. Was ihn hingegen ärgert, sind die Preise, die sich diese Jungspunde mitunter herausnehmen. Und dann schenken sie nur in Zehntelgläsern aus! Solche „Pfiffchen“ stehen zwar auch auf seiner Karte, wer nicht danach verlangt, bekommt allerdings einen viertel Liter, großzügig eingeschenkt wohlgemerkt. Außerdem stört ihn, dass es „da ja immer nichts zu essen gibt.“ Aber Herr Schulz, was ist mit der Cordobar, wo sie beinahe auf Sterneniveau kochen? Waren Sie da schon mal? „Nein. Ich habe einen einzigen freien Abend, da ziehe ich nicht um die Häuser.“ Allerdings muss selbst er gestehen, dass dieser Hype auch seine guten Seiten hat. Seit etwa zwei Jahren kämen „junge Lütt“ zu ihm, darüber freut er sich.

Für diese jungen Lütt wurde eine Facebook-Seite ins Leben gerufen, der letzte Beitrag stammt allerdings vom September 2014. Kundenbindung à la Schulz geht so: Statt den virtuellen Daumen zu heben, können Gäste bei ihrem realen Besuch der Kurpfalz-Weinstuben ihre Adresse hinterlassen und bekommen dann halbjährlich eine Karte mit dem aktuellen Sonderprogramm. Per Post, „ordentlich frankiert“ und handgeschrieben von Sabine Kunkel, Schulz’ einziger Mitarbeiterin.

Stichwort Frauen. Trinken die anders Wein als Männer? Schulz überlegt. „Schwierig sind die älteren Damen mit ihrem ‚Ich hab ’da neulich einen getrunken …‘ Na toll, denke ich mir, wir waren ja nicht dabei!“ Und warum arbeiten so wenige Frauen in diesem Metier? Diese, er sucht nach dem passenden Wort, „Sommelièr-innen“ seien oftmals zu ambitioniert. Heitere Anekdote à la Schulz: Bei einer Verkostung von 70 Sorten Bordeaux seien einige Frauen schon bei Nummer zwölf gewesen, da war er erst bei Nummer zwei. Die 70 Weine hätte natürlich keine geschafft, „bei 30 war Schluss und dann war das Gejammer groß.“ Er lacht. „Weil die auch noch jedes Glas ausgetrunken haben. Diese Mädchen mit ihrem losen Ehrgeiz!“

Von losem Ehrgeiz kann bei ihm keine Rede sein. In seiner Geburtsstadt Hamburg absolvierte er eine Ausbildung zum Hotelfachmann, wo er sich durch Keller voller Raritäten trank. Ende der 1960er kam er nach Berlin, 1975 übernahm er die Kurpfalz-Weinstuben. Es war nicht immer leicht – auch bei guten Getränken gibt es Durststrecken. An seine allererste Flasche Wein erinnert er sich genau, ein 1953er Riesling Auslese von Reichsrat von Buhl. Flasche ausgetrunken, „sterbenskrank“ geworden, so war das damals. Jugendsünden habe es keine gegeben. Wie? Gar keinen Fusel, keine abenteuerlichen Mixturen? Nein, Bowlen waren das höchste der Gefühle.

Nach 40 Jahren Weinwirt-Dasein lautet die entscheidende Frage: Wie pflegt man eine Gastronomenleber? Klarer Fall: mit einer täglichen Dosis Wein. Kein alkoholfreier Tag also? „Nein, dann wird die Leber krank.“ Für alkoholfreie Tage gebe es schlichtweg zu viel Gutes. „Und die Zeit rennt!“

Und ja, das tut sie. Selbst in den Kurpfalz-Weinstuben. Man merkt das daran, dass nach dem Glas Binger Riesling vom Weingut Riffel ein 2007er Douro Ardosino von Werner Näkels Weingut Quinta da Carvalhosa ausgeschenkt wird. Weine jenseits der deutschen Grenze hätte man hier nicht vermutet. Was aber noch viel mehr erstaunt, ist, dass weder der Rheinhesse noch der Portugiese im Schoppenglas kommen. Sondern in einem ganz und gar zeitgenössischen Modell.

Wilmersdorfer Str. 93, Charlottenburg, U Adenauerplatz, Tel. 883 66 64, Di-Sa 18-1 Uhr, So 18-24 Uhr, www.kurpfalz-weinstuben.de Auf Karte anzeigen

weitere Adressen

Briefmarkenweine

Die Gemütliche: Im Briefmarkenweine sitzt man im charmanten Wohnzimmerambiente.

Karl-Marx-Allee 99, Friedrichshain, U Strausberger Platz, Tel. 42 02 52 92, tägl. 17.30-24 Uhr, www.briefmarkenweine.de


Cordobar

Die Angesagte: riesige Weinauswahl kongenial kombiniert mit Lukas Mraz‘ Küche.

Große Hamburger Str. 32, Mitte, S Hackescher Markt, Tel. 27 58 12 15, Di-Sa 18-23 Uhr, www.cordobar.net auf Karte anzeigen

Foto: Michael Hughes


Maxim

Die Besondere: Das Maxim hat sich auf Vin Naturel spezialisiert.

Gormannstr. 25, Mitte, U Rosa-Luxemburg-Platz, Tel. 65 83 39 62, Di-Sa 18-1 Uhr, www.vins-cochonneries.com Auf Karte anzeigen

Foto: unit Berlin GmbH


Rutz Weinbar

Der Klassiker: nach wie vor der beste Weinkeller Berlins.

Chausseestr. 8, Mitte, U Naturkundemuseum, Di-Sa ab 16 Uhr, Tel. 24 62 87 60, www.weinbar-rutz.de


Thal

Die Südländische: Im Thal gibt es einen Aperitivo wie in Italien.

Wielandstr. 38, Charlottenburg, S Savignyplatz, Tel. 54 71 05 51, Mo-Sa 15-22 Uhr, www.thalberlin.de


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