Stadtgeschichte

Die lange Nacht der Anarchie: 30 Jahre 1. Mai 1987

Die Kreuzberger Krawalle am 1. Mai 1987 waren eine Kreuzung aus Party und Bürgerkrieg, der weiträumigste Gewaltausbruch Nachkriegsberlins. Seit 30 Jahren versuchen Linksradikale, jene Nacht zu wiederholen – in der Klaus Kandt, aktueller Polizeipräsident, seinen Knüppel zerbrach. Wir haben sie rekonstruiert

imago/ Peter Homann

Es wird am 1. Mai wieder Ausschreitungen ­geben. Es werden Flaschen in Richtung der Polizei ­fliegen, vielleicht Steine. Die Polizei wird Menschen verhaften und Pfefferspray einsetzen. 1. Mai in Kreuzberg: Da hat Gewalt schließlich Tradition.
Es ist der alljährliche Versuch, 1987 zurückzuholen. Damals, vor genau 30 Jahren, hatten die ­Straßenkämpfer fast die ganze Nacht die Oberhand. 36 ­Geschäfte wurden geplündert, darunter der Bolle-Supermarkt nahe des Görlitzer Bahnhofs, dessen ausgebrannte ­Ruine zum Symbol der Exzesse wurde – zur Krönung des ­Kreuzberger Mythosʼ vom widerspenstigen Bezirk.
Da, wo einst Bolle stand, ist heute eine Moschee, die zum 1. Mai Essen vor der Tür verkauft. Der Tag der ­Arbeit in Kreuzberg ist inzwischen eine Riesen-Open-Air-Party – und ein Geschäft, das die Anlieger für die Jahre entschädigt, in denen sie ihre Fenster verbarrikadieren mussten. Seit 2003 wird gefeiert, wo einst die Barrikaden standen, initiiert von Anwohnern, die genug von den Krawallen hatten.

Mehr als 30.000 Menschen werden dieses Jahr zum MyFest in Kreuzberg erwartet. Es wird trotzdem ­wieder zu Kämpfen kommen. Zwei linke Demonstra­tionen ­ziehen ab 16 Uhr durch Kreuzberg. Eine weitere soll um 18 Uhr unangemeldet am Oranienplatz, mitten im MyFest, starten.

Wir sind dem Mythos, dem sie folgen, nachgegangen, haben Akten gewälzt und mit Menschen gesprochen, die dabei waren, als die Maikrawalle in Kreuzberg mit einem nie wieder erreichten Auftakt begannen: mit Klaus Kandt, damals im Sondereinsatzkommando, heute Berlins Polizeipräsident, mit Albrecht Broemme, damals Oberbrandrat bei der Feuerwehr, heute Chef des Technischen Hilfswerks, mit einem Immer-noch-­Autonomen und einer ehemaligen Hausbesetzerin. Wir ­haben sie gefragt, was an diesem Freitag wirklich geschah.

1. Mai 1987, 4.47 Uhr: Funken im ­Pulverfass

Die Polizei dringt in das Kreuzberger Hausprojekt Mehringhof ein. Das Ziel der Durchsuchung sind Flugblätter gegen die Volkszählung. Der Grund: Verdacht des Aufrufs zu Straftaten. Einige Tausend ­Exemplare werden sichergestellt. Der heutige Polizeipräsident Klaus Kandt sagt: „Die Aktion war einer der Umstände, die das Pulverfass angezündet haben.“ Ein weiterer Funken: Am Abend zuvor wurde die 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin mit einem Festmahl für geladene Gäste eröffnet. Kosten: 450.000 D-Mark. Im Kreuzberger Postzustellbezirk SO36 verdienen 50 Prozent der Einwohner weniger als 650 Mark im Monat. 300 Personen stehen täglich in der Suppenküche Schlange. Für viele Kreuzberger ist die Party eine Provokation.

15.15 Uhr: „Alles ruhig, fröhlich“

Es ist der erste warme Tag mit Temperaturen bis zu 27 Grad. Das aus dem Winterschlaf wiedererweckte Kreuzberg trifft sich auf dem alljährlichen Straßenfest auf dem Lausitzer Platz. Gleichzeitig marschiert ein schwarzer Block von 200 Personen bei der alljähr­lichen ­Gewerkschaftsdemo mit, um 13 Uhr begibt sich ein großer Teil davon nach Kreuzberg. Um 15.15 Uhr geben die Polizisten vor Ort durch: „Alles ruhig, fröhlich, mit dem Charakter eines Happenings.“

16.06 Uhr: Vorbeben

Die Polizei ist im Kiez nur mit Zivilkräften präsent. Dann wird die Besatzung eines Funkstreifenwagens zu einem Unfall gerufen und lässt ihren Wagen an der Süd-Ost-Ecke des Maifestes stehen. M., damals 22 Jahre alt und bis heute Autonomer, sagt: „In den 80ern fuhren keine ungepanzerten Polizeiautos durch Kreuzberg. Dass sie dann einen normalen Bulli hinstellen und niemand sitzt drin: Das war schon eine Ungeschicklichkeit. Dass er umgekippt wurde, musste nicht organisiert oder besprochen werden.“ Um

16.06 Uhr werfen etwa 15 Personen das Fahrzeug um.

Im Jahr zuvor waren nur 20 Polizisten zur Bewachung des Festes abgestellt, dieses Jahr hält die Einsatzleitung wegen der Mehringhof-Durchsuchung 256 ­Beamte bereit. Die erste Einheit erscheint um 16.10 Uhr am Tatort und trifft auf hunderte Schaulustige. Unter Gejohle richten die Polizisten den Wagen wieder auf. Zahlreiche Festbesucher vermummen sich. Dann bleibt die Lage 90 Minuten lang ruhig.

18.20 Uhr: Der Aufstand beginnt

Auf der Manteuffelstraße ermittelt die Besatzung eines Streifenwagens den Halter eines auf der Straße geparkten Autos. Dann hört man sie über Funk: „Maskierte, circa 20 Personen stürmen auf uns zu! Die schmeißen Steine, die schmeißen Steine!“ Die Angreifer zerstören alle Scheiben des Streifenwagens und werfen eine Tränen­gasgranate hinein. Die Polizisten flüchten verletzt in die Naunynstraße. Kurz nach dem Angriff ist die Gegend nordwestlich des Festes voller ­Vermummter. Wo die Polizei eintrifft, wird sie mit Steinen beworfen. M. sagt: „Wir sind denen entgegen. Ich kann mich erinnern an abdrehende Wagen, man lief hinterher und hat da was ruffgeschmissen und hatte die aus der Manteuffelstraße bis zum Görli vertrieben.“ Krähenfüße – Stahlkrallen, die Autoreifen durchlöchern – werden ausgestreut. M. und seine Mitstreiter beginnen mit dem Barrikadenbau.

M. sagt: „Wir hatten ja Anfang der 80er die Besetzerbewegung und das schon jahrelang gemacht: Man räumt erst die Sachen auf die Straße: Bauwagen, Absperrungen, Bordsteinkanten, Flaschencontainer, Möbel. Teilweise gab es Leute, die ihre eigenen Autos da in die Barrikaden geschoben haben, weil – anständige Versicherung, altes Auto. Dann gräbt man Pflastersteine aus und verteilt die dahinter. Man guckt, dass man am besten noch irgendwo Autoreifen besorgt, die dann anzündet, weil die einen schönen schwarzen Qualm geben, einen Sichtvorhang. Viele kannten sich auch aus, wie man auf die Dächer hochkam, um von da Sachen runterzuschmeißen, wenn Angriffe kommen. Es gab ­mehrere hundert geübte Straßenkämpfer. Und tausende Bewohner, die das gut fanden.“

Um 19.10 Uhr, als die Gegend um den Lausitzer Platz schon hart umkämpft wird, halten sich noch 1.200 Menschen auf dem Fest auf. Gruppen von Vermummte starten von hier aus ihre Attacken und tauchen danach wieder in der Menge unter. Der Veranstalter empfiehlt der Polizei, sich zurückzuziehen, dann würde auch die Gewalt beendet. Die Polizei bleibt.

19.42 Uhr: Eine überhitzte Entscheidung

Die Polizei räumt das Straßenfest. Die nicht einmal 100 Beamten stürmen in einen Hagel aus Wurfgeschossen. Nur von Schild, Helm und Schienbeinschonern geschützt. Es ist laut. Polizeisirenen, die johlende ­Menge, das Splittern von Glas, das Klacken der aufschlagenden Steine, das Krachen von Böllern.
G., damals 28 und Hausbesetzerin, sagt: „Da standen Kinder auf dem Spielplatz im Tränengas, hysterische Menschen mit Kindern sind hin- und hergerannt. Ich war allein. Ich bin in eine Pizzeria geflüchtet. Der Wirt hat in einem Affenzahn alles reingeräumt, alle reingeholt und die Jalousien runtergemacht. Ich habe versucht, hysterisch weinende Frauen auf dem Klo zu beruhigen, die panische Angst hatten, weil das Tränengas über die Straße gezogen war und durch die Jalousien ins Innere des Restaurants sickerte. Der Wirt hat versucht, uns über den Hinterausgang rauszulassen. Das war eine heftige Erfahrung, weil ich einen Hausflur betrat, in dem blutende Menschen lagen. Die zusammen­geknüppelt wurden und sich da reingerettet hatten. Man ­hätte einen Krankenwagen gebraucht. Aber da war nix auf weiter Flur. Man hörte nur überall Sirenen.“

Die im Laufschritt räumenden Polizisten ­kommen an der anderen Seite des Platzes an. Aus den umliegen­den Straßen startet der Gegenangriff. Mit den ­ersten Molotowcocktails der Nacht. Und auch von den ­Dächern fliegen die ersten Geschosse.
M. sagt: „Wenn man mit zu geringen Mitteln zu brutal losgeht, dann kommt der Punkt, dass die Leute sehen: Wir können uns wehren. Das Fest mit Tränengas zu ­beschießen ist kein Problem, wenn ich tausend Bullen hab. Das ­hätte man als Kreuzberger schon gekannt. Aber dass hundert ­Leute ein Fest stürmen, wo es Hunderte gibt, die es gewohnt sind, sich zu wehren: Das geht nicht gut – und es ging nicht gut.“

imago/ Peter Homann

20 Uhr: „Es sieht dramatisch aus“

In der Umgebung des Lausitzer Platzes werden immer neue Barrikaden gebaut und in Brand gesetzt, die Straßen sind voller Tränengas. Auch die Züge auf der Hochbahn werden von der Straße her mit Steinen beworfen, kurz danach wird der Zugverkehr eingestellt. Um 20.34  Uhr geht die Sonne unter. Um 20.37 Uhr fasst der ­damals 34-Jährige diensthabende Feuerwehr-Einsatz­leiter Albrecht Broemme einen Entschluss: „Ich fahr lieber mal hin. Ich war in der Leitstelle in Charlottenburg und da kamen Anrufe aus Kreuzberg: ,Bei uns braut sich was zusammen.‘ Ich bin über die Autobahn nach Kreuzberg und habe unterwegs schon etliche Rauchsäulen gesehen, die typischen, wenn Autos oder Autoreifen brennen, das sieht ja immer recht dramatisch aus.“

20.46 Uhr: Plündern und feiern

Der erste Laden, den die Randalierer plündern, ist der Real-Discount Pückler-, Ecke Wrangelstraße. Es werden noch 35 Geschäfte folgen, darunter der zur Legende gewordene Bolle-Supermarkt. Die Plünderer sind auch „Herren, die bürgerlich aussahen und Damen mit Stöckelschuhen“, wie der damalige Berliner Innensenator Wilhelm Kewenig, CDU, später im „Spiegel“ zitiert wird. In einem Bericht ans Abgeordnetenhaus schreibt er: „Angehörige linksextremistischer Gruppen bildeten bei den Ausschreitungen eine geringe Minderheit.“

Die Randalierer haben inzwischen mit Straßensperren und Bränden einen Ring um den Lausitzer Platz gezogen, an dem die Polizei gebunden ist. M. sagt: „Dann fing das Volksfest an. Alle reden durcheinander, die Normalbevölkerung plündert Supermärkte und bringt sich gegen­seitig Windelpakete mit, das war wunderschön anzusehen: Es gehen eben nicht alle aufeinander los. Die Abwesenheit der Polizei heißt nicht, dass alle zu Tieren werden.“

22 Uhr: Chaos und Dunkelheit

447 Polizisten sind auf der Straße. Die Randalierer schießen inzwischen auch mit einem Katapult auf sie, im Lauf der Nacht werden noch weitere eingesetzt. Auf dem Heinrichplatz brennt ein Bagger, die Feuerwehr hat keine Chance, ihn zu erreichen. Immer mehr Einheiten geht das Tränengas aus, über die Kottbusser Brücke wird Nachschub geliefert. Der Polizeifunk ist so gut wie zusammengebrochen, da auf allen Kanälen Einheiten verzweifelt nach Verstärkung schreien. Über die Notrufnummer 110 gehen zahlreiche fingierte Anrufe ein, die Polizisten in Straßen locken, in denen Autonome auf sie warten. Wenn Polizeifahrzeuge vor einer Barrikade stehen bleiben, wird dahinter schnell eine zweite aufgemacht, um die Kolonne einzuschließen. Die meisten Straßenlaternen sind durch Steinwürfe zerstört und viele Straßenschilder schwarz übermalt. Die Polizei ist völlig überfordert.

22.32 Uhr: Gedemütigte Feuerwehr

Die Feuerwehr versucht unter Polizeischutz den ­Bagger zu löschen, wird aber von einem Hagel aus Steinen und Brandbomben zurückgedrängt. Der damalige Feuer­wehr-Einsatzleiter Albrecht Broemme sagt: „Die Feuerwehrleute haben die Brandbekämpfung abgebrochen, den Zündschlüssel vom Auto abgezogen, und sind mit dem Funkgerät unter dem Arm weggerannt. Das war für die Feuerwehrleute, die dabei waren und auch die in der ganzen Stadt ein fürchterlicher Abend, ein demütigender Abend. Und für das Rote Kreuz war es der erste schreckliche Einsatz. Das kannten wir davor nicht, dass das Rote Kreuz, das weltweit in Krisengebieten Schutz darstellt, genauso angegriffen wird. Die hatten auch Schäden an Wagen, das war ein Schock für viele.“ Das Feuerwehrfahrzeug geht in Flammen auf. Die Bilder davon werden bundesweit berühmt.

22.41 Uhr: Bolle brennt

Seit wenigen Minuten weiß die Polizei, dass auch Bolle geplündert wird, nun kommt die Nachricht vom Brand des Supermarkts. Das Feuer, das ihn komplett vernichten wird, gilt bis heute als Symbol für den Kreuzberger 1. Mai. Später kam heraus, dass es von einem zufällig vorbeikommenden Pyromanen gelegt wurde.

Albrecht Broemme sagt: „Da war ein Riesenauflauf. Die Menschen standen bis zur Feuerwache Kreuzberg. Dann gingen die Tore auf, die Feuerwehr fährt raus, wird mit Steinen empfangen und fährt rückwärts wieder rein. Das ist hochdramatisch, wenn schräg gegenüber ein Feuer ist und man kann es einfach nicht erreichen. Ich würde sagen, die meisten waren angetrunken oder betrunken oder auch bekifft. Da hatte sich eine Stimmung ausgebreitet, die ich noch nie erlebt habe. Das war kein Kriegsgefühl. Sondern eine gelöste Stimmung nach dem Motto: Wir bestimmen jetzt, was noch läuft und was nicht läuft. Für viele war das ein Happening. Man haut mal auf den Putz. Fanden sie geil, würde man heute sagen. Und dann gab es einen aggressiven Kern Linksradikaler, aber das ist pure Vermutung. Ich tue mir schwer, das so schwarz-weiß zu malen. Ich bin dann nochmal mit ­einem Feuerwehrmann hin, zu Fuß, und habe versucht, zu verhandeln, ob man nicht doch diesen immer größer werdenden Brand löschen sollte. Ich hatte Angst, das muss ich wirklich sagen. Es flogen Steine in meine Richtung. Wir haben noch einen zweiten Versuch mit dem Fahrzeug gemacht und der ging genauso schief. Ich habe die Leitstelle angerufen und gesagt: Die Einsatzstelle ist nicht erreichbar, das Gebäude brennt lichterloh und wird abbrennen, vor unseren Augen.“

Ab 23 Uhr: Klaus Kandt kämpft

Die Polizei ist in Personalnot. Sogar das SEK wird auf die Straße geschickt, mit dabei Klaus Kandt, damals 26-jähriger Gruppenführer, erst seit kurzem in Berlin.
Er sagt heute: „Als wir zum Einsatz kamen, war das wie ein Bürgerkriegsszenario. Die Gewalt der Linksextremen war beeindruckend. Alles was wir heute erleben, ist nicht vergleichbar. Da wurde ein ganzer Kiez in Schutt und Asche gelegt. Das Adrenalin war stark präsent und da bleiben nur zwei Gefühle: Angst oder Wut. Ich hatte damals Wut. Das weiß ich noch ­genau. Ich hatte keine Angst. Ich war in den besten Jahren, ­körperlich durchtrainiert, SEK-Mann eben, und das ist auch ein Gefühl der Stärke. Die nutzt, das weiß ich heute, auch nicht viel, wenn man massiv mit Steinen beworfen wird. Einen habe ich an den Kopf bekommen. Volles Ding auf den Helm. Mir wurde kurz schwarz vor Augen. Das war schon risikoträchtig das Ganze, auf jeden Fall.“

23.04 Uhr: Die Luft bebt

In einem Bauwagen Ecke Skalitzer/Görlitzer Straße ­explodieren mehrere Propangasflaschen. Irgendwann gehen auch die Tanks des brennenden Baggers und des Feuerwehrfahrzeugs hoch. G. hatte sich da schon in ihr besetztes Haus zurückgezogen, das ganz in der Nähe lag. „Wir hatten gerade neue Fenster und die Handwerker hatten die nur in die Fensterhöhlen reingestellt. Ich stand da und habe in den Explosionen meine Fenster festgehalten. Damit die nicht wieder rausfallen, die waren teuer. Und das war so kompliziert, die machen zu lassen. Und ich habe gedacht, dass kann doch alles nicht wahr sein. Draußen brennt die Luft und ich muss hier meine Fenster festhalten. Wenn die Leute zu sehr in Bedrängnis kamen, haben wir das Haus aufgemacht und sie über Treppenhaus, Dach und Feuerleiter in die andere Straße geleitet. Ich kann mich an ein Netz Zitronen und eine Flasche Kräuterlikör erinnern, die von Bolle bei mir gelandet sind. Der ganze Kiez hat sich gegriffen, was er kriegen konnte. Von Putzschwämmen bis Insektenspray. Das war anscheinend so ein Rausch. Ein Kriegsrausch, Brennrausch, da war irgend so ein Gefühl in der Luft.“

Der Autonome M. sagt: „Es gab einen gewaltigen Rumms. Alle haben sich kurz erschrocken, sich dann angelächelt und sind weitergelaufen. Es war nicht von Kampf und Panik geprägt, sondern es war ein Fest. Gute Laune und Entspanntheit mit Actionelementen. Das Fachsimpeln von Jung und Alt, wie jetzt am besten der Zigarettenautomat mit welchen Werkzeugen kaputtzukriegen ist und der Kaugummiautomat daneben, weil die Kleinen jetzt auch ihren Spaß haben wollten. Unterbrochen von dem lauten Knall und dann wiederkehrend in: Alles ist gut.“ Hunderte schlagen derweil mit Pflastersteinen auf die Träger der Hochbahn, der Lärm ist weit zu hören.

2. Mai, 0 Uhr: Albrecht Broemme unter Beschuss

Am Kottbusser Tor setzen die Aufständischen ein ­eige­nes Tränengasabschussgerät gegen die Polizei ein. Kurz danach kommen erstmals Wasserwerfer ins Einsatzgebiet. Die Polizisten drängen durch Brände in der Oranienstraße in Richtung Heinrichplatz, wo die brennende Barrikade rund um das verlassene Feuerwehr­auto ein Haus gefährdet. Der erste Wasserwerfer hat seine 4.500 Liter nach fünf Minuten verschossen und muss nachtanken fahren.
Albrecht Broemme: „Ich habe dann nochmal probiert, die Gegend zu erkunden und bin zwischen die ­Fronten ­gekommen. Von hinten kam ein Block Demonstranten, die auch Muttern mit Zwillen verschossen haben. Von vorne kam eine Polizeihundertschaft mit massivem Tränengaseinsatz. Da habe ich gedacht: Das ist aber eine saublöde Situation. Du siehst nix mehr, die Augen tränen, du kommst aber auch nicht weiter, weil die von hinten mit Geschossen ballern und wenn einen sowas gut trifft, dann hat man Pech gehabt. Ich bin stehengeblieben, bis die Polizei die Demonstranten nach hinten gedrängt hat.“

imago/ Peter Homann

ca. 1.45 Uhr: Klaus Kandt zerdrischt seinen Schlagstock

Die 40 Beamten vom SEK, darunter der heutige Polizei­präsident, treffen in der Manteuffelstraße auf mehr als 100 Gegner und werden von ihnen umzingelt. Ihnen bleibt nur die Flucht nach vorn. Kandt: „Es ging heftig zur Sache und auch der Schlagstockeinsatz war heftig. ­Irgendwann war der Punkt wohl erreicht, wo es zu viel war.“ Kandts Schlagstock bricht. Er sagt: „Die Holzschlag­stöcke von damals hatten eine Sollbruchstelle, wenn man mit ­großer Heftigkeit zugeschlagen hat, sind die schonmal gebrochen. Aber ich hatte ja auch noch das Schild und war nicht allein.“

Eine halbe Stunde später ist die Polizei mit inzwischen 815 Beamten im Einsatzgebiet, setzt Wasserwerfer und Räumfahrzeuge ein. Die Beamten vom SEK versuchen, ohne Geräteunterstützung in der Manteuffel­straße zu räumen. Klaus Kandt: „Ganz schwierig war, wenn man stehen blieb und sich hat bewerfen lassen.

Also sind wir nach vorne gegangen, haben geräumt, aber wenn wir über eine Kreuzung hinausgegangen wären, dann wären sie von den Seitenstraßen wieder in die Straße rein und hätten uns von hinten angegriffen. Also sind wir vor bis zur Kreuzung, dann wieder zurück, wieder vor. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel. Schräg. Manchmal haben wir ins Tränengas ­hineingeräumt, das war ganz unglücklich. Und einmal habe ich nicht gesehen, dass meine Kollegen zurückgehen und war ein bisschen weit vorne, da kamen sofort zwei ran: Einer hat versucht, mir das Schild runterzureißen und der andere hatte schon einen Stein in der Hand. Die Kollegen haben aber aufgepasst und kamen gleich.“

3.15 Uhr: Letzte Gefechte

866 Beamte sind im Einsatzgebiet. Die Polizei erreicht mit Unterstützung von zwei Wasserwerfern den ­Bolle-Supermarkt. Um 4.05 beginnt die Feuerwehr die völlig heruntergebrannte Ruine zu löschen. Um 5.33 Uhr geht die Sonne auf. Bis 6.14 Uhr werden noch vereinzelte Brände gemeldet. Die meisten ­Randalierer ­haben sich in die Häuser oder in andere Stadtteile zurück­gezogen.
Polizeipräsident Kandt sagt: „Im Grunde ging das bis ins Morgengrauen. Und als es hell wurde, waren einige zu müde oder zu betrunken und hatten möglicherweise auch Angst, in der Helligkeit erkannt zu werden. Und dann ging es zu Ende.“ Der Autonome M. war da schon im Bett: „Wir haben unseren Spaß gehabt, die Nachbarn haben sich ordentlich mit Lebensmitteln eingedeckt, irgendwann ist die Party auch vorbei. Das war gut und jo.“ Die Polizei beginnt, die Barrikaden abzuräumen.

5 Uhr: „In Kreuzberg ist die Welt untergegangen“

Klaus Kandt hat jetzt Feierabend: „Von der Alarmierung bis zum Ende des Einsatzes steht man unter Adrenalin. Und wenn man zur Ruhe kommt, kommt die Müdigkeit, wie ein Hammer. Dann wollte ich nur noch schlafen.“ Hausbesetzerin G. steht gerade wieder auf und schaut sich um: „Es stank alles nach Rauch, die Wracks qualmten noch. Auf den Straßen lag ein Steinemeer.“ Albrecht Broemme fährt kurz darauf nach Hause zu seiner damaligen Freundin: „Ich habe zu ihr gesagt: In Kreuzberg, da ist die Welt untergegangen.“

Danach

Die Behörden ziehen Bilanz: 196 Polizisten und vier Feuerwehrmänner wurden verletzt. Vier Polizisten blieben stationär in Behandlung. 77 Polizeifahrzeuge, 15 Feuerwehrfahrzeuge und zwei Rettungswagen wurden beschädigt. Die Feuerwehr wurde zu 98 Bränden gerufen, von denen 55 nicht erreichbar waren.
36 Geschäfte wurden geplündert und eine unbekannte Menge privater PKW angezündet. Eine Polizeiwaffe mit Munition wird bis heute vermisst. Im Gegenzug wurden 56 Menschen festgenommen, fast alle unter Alkoholeinfluss. 25 – darunter nur ein polizeibekannter Autonomer, aber viele Plünderer – werden verurteilt, eine Person bekommt einen Haftbefehl wegen „Vollrausch“.

Nur fünf Menschen bleiben länger als eine Nacht im Gefängnis. Der wegen Landfriedensbruch festgenommene Norbert Kubat bringt sich am 26. Mai in seiner Zelle um.

Wie viele Zivilisten verletzt oder geschädigt wurden, bleibt unbekannt. Teile der Autonomen sind entsetzt, dass auch kleine Geschäfte geplündert wurden. In der Nacht zum dritten Mai flammen die Kämpfe für zweieinhalb Stunden noch einmal auf. 14 Tage später eskaliert die Lage nach einem Punk-Konzert erneut. Zum Berlin-Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan am 12. Juni 1987 riegelt die Polizei Kreuzberg aus Angst vor Ausschreitungen einfach komplett ab.
Kandt: „Heute achten wir auf Deeskalation. Damals war das immer ein Gewaltexzess, wo auch Rechnungen ­offenblieben. Bei solchen Auseinandersetzungen, wo es Verletzte gibt, bleibt immer was zurück. Klar ist die Polizei in der direkten Auseinandersetzung körperlich stärker, aber das löst ja das Thema nicht. Es hat eine Weile gedauert, bis die Einsicht kam, dass wir uns nicht mit Gewalt durchsetzen können.“

Der spätere Feuerwehrchef Broemme sagt: „Nach 1987 hat sich einiges geändert: Neue Fahrzeuge kauften wir nur noch mit steinwurfsicheren Scheiben. In Kreuzberg ­werden am 1. Mai die Wachen doppelt besetzt und keine freiwilligen Feuerwehren mehr eingesetzt. Das kann man denen einfach nicht zumuten.“ Auch die Polizei verstärkte ihre Kräfte. Zum 1. Mai 1988 standen 1.500 Beamte bereit, vergangenes Jahr waren es 6.500. Noch einmal ließ sie sich nicht überraschen.
Ex-Hausbesetzerin G. sagt: „In den Jahren danach ­haben wir den 1. Mai immer zum Anlass genommen, unsere Keller zu entrümpeln. Wir haben den Sperrmüll rausgestellt und uns gefreut, wenn der Panzerwagen mit dem Pflug vorne dran so richtig – Krach! – da reingerast ist. Dann wussten wir: Die Scheiße ist weg, wir müssen uns nicht mehr kümmern.“

Heute hört man am 1. Mai in SO36 Bässe statt ­Sirenen. Die Straßen sind voll von Menschen, nicht von Steinen. Getrunken wird immer noch viel. Nur gibt es jetzt Caipirinha statt warmem Gratis-Schnaps. Und um 18 Uhr drängen sich dann viele auf dem Oranienplatz: Zusehen, wie Schwarzgekleidete sich zur unangemeldeten Demonstration sammeln und vermutlich recht schnell von der Polizei wieder zerstreut werden. Das ist das kleine bisschen Revolutionsromantik, das bleibt.

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