vor 70 Jahren

Die letzten Tage der Schlacht um Berlin

In unserer Stadt wurde Weltgeschichte geschrieben. Hier tobte vor 70 Jahren der Endkampf der Nazis. Wir präsentieren die spannendsten Geschichten aus den letzten Tagen der Schlacht – und was an den Originalschauplätzen heute so passiert
Texte: Martin Schwarzbeck und Lutz Göllner

14.4.1945: Murellenberge

Ein 18-jähriger Wehrmachtssoldat hat seinen Urlaub überzogen – und wird dafür erschossen. Mindestens 231 weitere „Wehrkraft­zersetzer“ und Deserteure wurden nordwestlich des Olympiageländes bereits hin­gerichtet. Heute stehen hier 104 Verkehrs­spiegel im Wald, eine Installation zum Gedenken an die Opfer. Der Hinrichtungs­platz selbst liegt wahrscheinlich vor einem heutigen Polizei-Munitions­depot, ist ein­gezäunt, aber einsehbar.

In den Murellenbergen

16.4.1945: Seelower Höhen, 60 km östlich Berlins

Zugewucherte Schützengräben und Bombenkrater bezeugen heute noch die größte Artillerieschlacht der Geschichte. Vier Tage brauchen die Sowjets, um die deutschen Verteidigungs­stellungen zu durch­brechen. Mit 2,5 Millionen Soldaten, 6.250 Panzern, 7.500 Flugzeugen, 3.255 Raketenwerfern und 41.600 Artilleriegeschützen waren die Russen aufmarschiert. Die deutlich schwächeren Deutschen ziehen sich vom Oder­ufer bis auf die Seelower Höhen zurück, wodurch der Angriff der Russen ins Leere läuft. Die wollen die Wehrmachts­kämpfer mit Scheinwerfern blenden, doch durch deren Rückzug wird so vor allem der eigene Vorstoß beleuchtet. Weil die Deutschen das Oder­bruch durch Sprengung von Dämmen geflutet haben, kommen die russischen Soldaten nur schwer voran. Sie schaffen es trotz massiver Verluste durch die deutschen Linien, der Weg nach Berlin ist offen. Eine Gedenkstätte über den Gräbern von 7.000 Russen erklärt die Schlacht heute anhand historischen Kriegsgeräts.

21.4.1945: Karstadt am Hermannplatz

Um 11.30 Uhr schlagen die ersten Granaten in Berliner Boden ein, abgefeuert von russischen Kanonen am Stadtrand.

21.4.1945: Malchow

Um 12 Uhr überschreitet die Rote Armee erstmals die Stadtgrenze.

21.4.1945: Hartmannsdorf

Die SS ist bereits abgezogen, ein Voraus­kommando der Russen eingetroffen. Die Bewohner hängen auf Anraten des Bürger­meisters weiße Tücher aus den Fens­tern, sie wollen sich ergeben. Doch statt der Russen kommt die SS zurück und tötet jeden, den sie findet, 16 Menschen insgesamt.

22.4.1945: Telegrafen­amt Oranienburger Straße

„Viel Glück für euch alle“, lautet die Nachricht des letzten Telegramms, das im umkämpften Berlin eintrifft – aus Tokio.

22.4.1945: Beelitz

Am 21. April, als die Rote Armee nur noch wenige Kilometer entfernt ist, lässt der KZ-Kommandant Kaindl die berlin­nahen Lager Ravensbrück und Sachsenhausen räumen. 30.000 Häftlinge müssen in 500er-Kolonnen zum Todesmarsch Richtung Nordwesten antreten. Am Abend des 22. kommt eine ver­irrte Gruppe in Beelitz an und lagert in einer Scheune gegen­über der Volksschule. Als die Hausmeisterin der Schule die abgerissenen Gestalten verpflegen will, wird ihr das von SS-Soldaten verboten. Die rotwangige Frau baut sich vor dem Anführer auf und schnauzt ihn an: „Mein Mann ist länger in der Partei als der Führer, Sie haben mir gar nichts zu sagen.“

22./23.4.1945: Zellengefängnis Lehrter Straße

Im Gefängnis ist bereits eine erste russische Granate eingeschlagen. Da entscheidet SS-Gruppenführer Heinrich Müller persönlich, wer freigelassen und wer getötet werden soll. 16 Gefangene bekommen erzählt, sie würden freikommen, werden dann aber von der SS per Genickschuss exekutiert, nur einer überlebt schwer verletzt. In der Nacht darauf werden noch einmal drei Menschen umgebracht, der Rest wird am 25. April entlassen. Es ist die letzte große Mord­aktion der Nazis an Gefangenen. Heute befindet sich innerhalb der ehemaligen Gefängnis­mauern ein Park, die Lage der ehemaligen Gebäude ist mit erhöhten Rasenflächen markiert. Im Park steht der Nachbau einer Zelle. Betritt man ihn, ertönen Ausschnitte aus den Moabiter Sonetten von Albrecht Haushofer, der unter den Ermordeten war. Der Veranlasser seines Mordes, SS-Gruppenführer Müller, tötet sich wenige Tage später selbst.

Flüchtlinge am Lehrter Bahnhof

Flüchtlinge am Lehrter Bahnhof (Foto: imago stock&people)

26.4.1945: Straße des 17. Juni

Hanna Reitsch und Robert Greim erreichen mit einem Kleinflugzeug des Typs „Fie­seler Storch“ das eingeschlossene Berlin. Greim wird verwundet, die berühmte Testpilotin Reitsch landet die Maschine vom Rücksitz. Dann kommt heraus: Hitler hat Greim nur zu sich bestellt, um ihm den Ober­befehl über die so gut wie nicht mehr exis­tente Luftwaffe zu übertragen.

Straße des 17.Juni
Foto: Petra Konschak

27.4.1945: Wohnung Bleibtreustraße

Hermann Fegelein, Generalleutnant der SS, wird im Führerbunker vermisst. Man findet ihn in seiner Wohnung nahe dem Kurfürstendamm – sturzbetrunken. Er erbittet sich Zeit zum Rasieren. Als er weiter nicht auftaucht, findet der Suchtrupp ihn wieder in seiner Wohnung: frisch rasiert, aber immer noch dicht, in Anwesenheit einer jungen Frau, die durchs Fenster türmt. Hitler hält ihn für einen Deserteur und will ihn schnellst­möglich ab­urteilen lassen. Dafür ist Fegelein aber immer noch zu betrunken. Erst am 30. April wird er erschossen.

28./29.4.1945: Flugfeld Tempelhof

Die Russen besetzen den Flughafen Tempelhof, eine zentrale Rüstungsproduktions­stätte der Nazis. Vor allem in einem Fracht- und einem Eisenbahntunnel unter dem Gebäude werden Bomber und Jagdflug­zeuge zusammengeschraubt. Das Netz­werk der Keller unterm Flughafen beinhaltet ein Wasserwerk, ein Kraftwerk, Unmengen Versorgungs­tunnel. Durch dieses Gewirr stoßen die Russen vor und sprengen eine Tür. Tage­langes Feuer zerstört daraufhin im Dokumenten-Bunker auf Zelluloid gelagerte Luftaufnahmen. Das KZ Columbia­haus nebenan ist 1945 schon abgerissen, doch am Nordrand des Feldes steht noch ein Zwangs­arbeiterlager. Und das alte Flughafengebäude von 1923, mitten auf dem Feld, wird noch angeflogen.

Flughafen Tempelhof
Foto: USAF – Gemeinfrei – Wikimedia Commons

29.4.1945: Pichelsdorfer Brücken

Sie sind das Einfalls­tor für die russischen und polnischen Einheiten von Westen her, gleichzeitig aber auch der letzte Flucht­weg in diese Richtung. 600 Hitler­jungen verteidigen die Brücken aus ihren Gräben und Schützenlöchern heraus verbittert mit Panzerfäusten. Angeblich auch, weil ihnen kurz zuvor der Film von Leni Riefenstahl über das Olympia­stadion gezeigt wurde, das sie mit den Brücken ebenfalls zu verteidigen meinen. Beide Brücken werden am Schluss gesprengt, um die Russen aufzuhalten. Die westlich gelegene Freybrücke wurde gerade (März 2015) schon wieder zerlegt, doch eine neue Konstruktion ist bereits im Aufbau.

29.4.1945: Möckernbrücke

Die Russen bereiten sich vor, die Brücke zu stürmen. Da hört Feldwebel Nikolaj Masalow ein weinendes Kind. Unter Feuerschutz kriecht er über die Brücke, findet ein dreijähriges Mädchen neben der toten Mutter und rettet es aus dem Schlacht­feld. Die Brücke ist immer noch nicht einzunehmen, zu massiv ist das Feuer der eingegrabenen Tiger-Panzer der Deutschen. Dann kommt ein Russe auf die Idee, einen ihrer Panzer mit Benzin zu übergießen und Nebelgranaten anzubringen. Während der Panzer auf die Brücke zufährt, geht er in Flammen auf, die Deutschen denken, er sei außer Gefecht, und beachten ihn nicht weiter, bis es zu spät ist, weil der Panzer die Brücke bereits überrollt hat und direkt in den Nahkampf geht.

30.4.1945: Reichstag

Am Reichstag
Graffitikünstler im Reichstag
(Foto: imago stock&people)
Die Russen greifen ab 14 Uhr den Reichs­tag an und erobern noch am selben Tag die Obergeschosse, ab 22.40 Uhr weht ihre Fahne auf dem Gebäude, deren Hissen wird für das berühmte Foto später noch einmal nachgestellt. Im Keller wird noch bis zum Abend des 1. Mai weiter­gekämpft. Nach dem Sieg hinterlassen die Besatzer drastische Graffiti auf Russisch, zum Bei­spiel: „Ich ficke Hitler in den Arsch.“

30.4.1945: Bunker unter der Reichskanzlei

Adolf Hitler heiratet Eva Braun, anschließend begehen beide Selbst­mord. Heute ist der Bunker mit Schutt verfüllt, 8,5 Meter darüber liegt ein Parkplatz an der Gertrud-Kolmar-Straße in Mitte.

1.5.1945: Zoo

Wo jetzt Kamele, Nas­hörner und Vögel residieren, stand bis 1948 ein Flakturm mit der Grundfläche eines Häuserblocks und einer Höhe von 40 Metern. Von seinem Dach feuern die Geschütze pausenlos. Unter dem Hochbunker und der daneben gelegenen Feuerleit­warte für die gesamte Berliner Flak gibt es Tiefbrunnen, mit den gelagerten Mengen an Vorräten und Munition könnten die Nazis den Bunker noch ein Jahr lang halten, egal, was drum­herum passiert. Neben der Besatzung befinden sich geschätzte 30.000 Zivilisten und inzwischen 500 Tote im Turm. Dazu werden hier auch Kunstschätze wie Teile des Pergamonaltars gelagert. Der Lärm der Aufzüge für die Granaten ist beinahe unerträglich. Unter Vorspiegelung, sich ergeben zu wollen, bricht die Besatzung des Bunkers durch die russischen Linien aus, die Zivilisten verlassen ihn daraufhin freiwillig. Vor der Tür: Verwüstung. Von den vielen Tausend Tieren des Zoos haben nur 91 überlebt, darunter Flusspferdbaby Knautschke. Die übrigen wurden durch Bomben getötet oder von hungrigen Berlinern gegessen.

2.5.1945: Landwehrkanal

Am Landwehrkanal, wo heute die Fußgängerbrücke zum Technikmuseum führt, muss die Stelle gewesen sein: Um 7.56 Uhr sprengt die SS den Tunnel der Nord-Süd-Bahn, um den unter­irdischen Vorstoß der Russen zu bremsen. In einem riesigen Strudel sackt das Wasser aus dem Kanal in den S-Bahn-Tunnel, verteilt sich auch in die U-Bahn Richtung Neukölln und Pankow. „Alle Leute, die dort Schutz gesucht hatten und nicht schnell genug waren, ertranken in den Fluten“, schreibt eine Berlinerin. Die Wirklichkeit ist wohl noch grausamer: In stillgelegten S-Bahn-Wagen in den Tunneln sind Hilfs­lazarette eingerichtet worden. Wer hier liegt, hat keine Chance zur Flucht. Auch von den 5.000 Menschen, die gerade den Bunker am Anhalter Bahnhof geräumt haben und durch die Tunnel auf der Flucht sind, überlebt nur ein kleiner Teil. Bald treiben Leichen durch Berlins Unterwelt.

gesprengter S-Bahntunnel
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R97751 / CC-BY-SA – Wikimedia Commons

2.5.1945: Schulenburgring 2 in Tempelhof

Der Kampfkommandant von Berlin, Helmuth Weidling, kapituliert im Gefechts­stand des russischen Generals Wassili Tschuikow, mit ihm die Berliner Verteidigung. Mit starken Lautsprechern wird die Forderung, die Kämpfe einzustellen, in der Stadt verbreitet. Für die Berliner ist der Zweite Weltkrieg beendet. Heute ist in dem Haus eine Gedenkstätte untergebracht.

9.5.1945: Russisches Hauptquartier Karlshorst

Zwei Tage zuvor hatte die Wehrmacht bereits im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, nun wird das Prozedere um 0.16 Uhr im Haupt­quartier der Russen in Berlin wiederholt, dem ehemaligen Offiziers­kasino einer Wehrmachts­schule. Der Saal in der Zwieseler Straße 4 ist original erhalten und Teil des Deutsch-Russischen Museums.

Wilhelm Keitel unterzeichnet die Kapitulation

Wilhelm Keitel unterzeichnet die Kapitulation (Foto: imago stock & people)