Wie wars?

Die Munition der Minogue

Kylie Minogue, neuerdings Countrygirl, hat am Montagabend (19.11.) schon zum zweiten Mal dieses Jahr in Berlin gespielt. Was war denn da los?

Zwei Mädchen im frühen Grundschulalter halten sich gebannt am Zaun fest. Erste Reihe, Tempodrom. Manege, wie die Stehplatze hier unten heißen. Gleich soll Kylie kommen. Der Security-Mann winkt die Mädchen gönnerhaft am Zaun vorbei, direkt vor die Bühne. Die können ihr Glück kaum fassen. Der Papa will gleich mit dicht an die Bühne, dicht zu Kylie pesen, doch der Security-Mann stoppt mit einer Geste, die zu sagen scheint: „Du nicht, Freundchen!“ Hat fast was von Berghain.

Kylie Minogue
Foto: Christie Goodwin (C) Darenote Ltd

Ach ja, Berghain – da war doch was: Vor acht Monaten gastierte Kylie Minogue schon mal in Berlin, damals im Berghain. Normalsterbliche hatten in etwa 90 Sekunden Zeit, um eines der begehrten Tickets zu ergattern, dann war Ende Gelände. Und wir Journalist*innen haben gleich den Pseudo-Skandal gewittert: „Kylie macht Country in den heiligen Hallen. Wer kommt als nächstes ins Berghain? Bohlen?“

Nun also noch mal Kylie. Kylie für Alle. Von Mädels bis Papa. Nebenan die textsichere Gay-Boy-Clique (ein Schelm, wer jetzt „la la la – la la la la la denkt; noch mehr Schelm, wer jetzt „la le lu“ denkt) und sogar die in Stein gemeißelten Introvertierten, die auch auf Pet-Shop-Boys-Konzerte gehen, ohne mit dem Bein zu wippen. Äußerlich. Innerlich: Oho – it’s a Sin! 20.25, die Bühne leuchtet auf. Eine wüstenstaubige Landschaft wie aus dem Kindertrickfilmklassiker „Littlefoot – In einem Land vor unserer Zeit“. Und wie der süße Dino Littlefoot kommt ja auch Kylie aus einer anderen Zeit, dem Kalten Krieg, aber: forever young.

Die Band gibt sofort 200 Prozent Twang, damit auch die letzte Reihe es nicht wagen würde, an Kylies Country- und Americana-Credibility zu zweifeln. Und Kylie singt den Opener „Golden“ mit einem Vibrato, das extraklar macht: Sie hat Dolly Parton ganz besonders doll lieb, wirklich. Inzwischen sind wir, klar, in einem Saloon. Im projizierten Bühnenbild ist ein Schild an die Wand genagelt, dass der Busverkehr bis auf Weiteres eingestellt sei. Einen Moment fühlt man sich dann doch weiter zurück im Berliner Winter mit der guten alten BVG. Zum Glück steht da auch ein Motorrad auf der Bühne. Gemäß dem Gesetz von Tschechows Gewehr (quasi: „Erwähne nie ein Gewehr, Autor, wenn am Ende nicht geballert wird!“) müsste Kylie eigentlich am Ende des Abends als Rockerbraut über die Glitzerrampe rasen, die ein Bühnenstockwerk weiter nach oben führt, aufs texanische Hoteldach gemäß der Bühnenbildnerlogik. Obwohl: Bühnenbild, Logik, naja.

Foto:: Christie Goodwin (C) Darenote Ltd

Die Tänzer*innen aus Kylies Team geben die Raufbolde, sodass man meint, die gehen gleich los aufeinander, wie Jets und Sharks in der „Westside Story“ und schlitzen sich die Kehlen auf. Aber nein! „Lovers United“ steht auf den Lederjacken paar Songs später. Wir haben uns alle lieb. Zum Beweis flattert künstliches Herbstlaub von der Decke und Kylie schenkt eines der Blätter (gab es das nicht auch bei „Littlefoot“?) ihrem Gitarristen; der kann das Herbstblatt gerade nicht so gut gebrauchen, weil er ja eigentlich Gitarre spielen muss, und legt es zur Seite. Blasphemie! Aber sei’s drum, von der Decke wird ja noch Vieles flattern, standesgemäß auch, wie es sich für eine Schwulenikone gehört, Regenbogenflitter („Waaaaaaah!“), das jedem ESC die Show stehlen würde, und ganz später, passend zum Albumtitel „Golden“ eben auch Goldfstreifchen zum Sichindietaschestecken und Zuhausedamitangeben.

Bisschen doof, dass Kylie ausgerechnet beim schmachtenden „Blue Velvet“-Cover, mit dem der zweite Akt beginnt, gar nicht auf der Bühne steht, sondern nur digital auf der Videowand playbackt, während die analoge Kylie die Zeit für einen Kostümwechsel nutzt. Aber hey, Kostümwechsel gehören eben zur Show, auch wenn man sowieso die bessere Madonna ist. Muss sein. Kylie, die Gala-Diva. Kylie, die beste Freundin in Jeans. Kylie, die Countrybraut. Und so weiter. Cave zu Ehren klingt natürlich auch der gemeinsame Hit „Where The Wild Roses Grow“ an. Kylie schwärmt von Berlin, verrät, dass sie schon zum vierten Mal dieses Jahr hier sei. Was?! Die ersten Reihe wird nervös: Haben wir was verpasst? Neeenee, Kylie beschwichtigt, zwei Mal war sie bloß privat hier, weil sie Berlin eben so mag. Wie man das halt so sagt. Man glaubt es ihr aber spätestens, wenn sie im Lauf der Nacht bei „Your Disco Needs You“ auf Deutsch aufsagt, mit einem Akzent geborgt von Marlene Dietrich.

Inzwischen sind wird auch längst nicht mehr im Countryschuppen, sondern im New York der 1970er, es fühlt sich nach Musical an. „Studio 54“-Style, die Tanz-Crew trägt Schlaghosen, ein schwarzer Typ hat sich besonders in Schale geworfen, ins pinke Outfit der bezaubernden Jeannie. Vom bibeltreuen Westernsaloon ab in die Bude der Sünde. Freiheit der Küsten. Das Publikum geht ab wie Disco-Bolle. Möge Kylie den Amerikaner*innen den Weg weisen! Das Motorrad steht auch nach der zweiten Zugabe „Golden“ noch dumm rum, aber Kylie pfeift eben auf Tschechows Gewehr. Sie hat ihre ganz eigene Minogue’sche Munition.

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