URAUFFÜHRUNG

Mehrwelten in Echtzeit

In der Simultanaufführung „Die Parallelwelt“ spielen Schauspieler in Berlin und Dortmund zeitgleich dieselbe Inszenierung und sind dabei einander über Livestream zugeschaltet. Die Idee dahinter stammt aus der modernen Physik

Geklonte Clowns: Paralleluniversen im Theaterlabor – Probenfoto: Birgit Hupfeld

Text: Tom Mustroph

Oliver Reeses Auftaktsaison als Intendant am Berliner Ensemble ging recht unspektakulär vorüber. Dass übers Unspektaku­läre überraschend wenig gemosert wurde, lag auch daran, dass die Moserkapazitäten fast komplett durch Chris Dercons Volksbühnen-Desaster gebunden waren.

Zum Beginn seiner zweiten Spielzeit wagt Reese aber tatsächlich ’mal etwas Ungewöhnliches – pikanterweise auf dem digitalen Feld, das sich doch Dercon als programmatisch wichtigste Spielwiese auserkoren hatte. Reese kann sich bei seinem Experiment auf die Vorarbeiten von Kay Voges verlassen. Dortmunds umtriebiger Intendant – als Regisseur bereits in von Reese geleiteten Häusern tätig – gewann den Chef des Berliner Ensembles dafür, über eine 420 Kilometer lange Glasfaserleitung beide Häuser zu verbinden und die Ensembles in Echtzeit das gleiche Stück spielen zu lassen. Die einen spielen die Lebensgeschichte der Protagonisten vorwärts, von der Kindheit bis zum Alter – und die anderen rückwärts.

„Wir treffen uns dann in der Mitte, bei der Hochzeit“, beschreibt Voges das Vorhaben. Weil die Zuschauer dank des Live­streams beide Varianten vor Augen haben, sind für sie Zeitsprünge à la „Zurück in die Zukunft“ oder „Terminator“ möglich. Man sieht in der Vergangenheit, was von dort aus Gegenwart und Zukunft beeinflusst, und kann Zeuge werden, wie die Zukunft wieder auf die Vergangenheit zurückwirkt.

Damit illustriert die Simultanaufführung die Mehrdimensionalität von Welten, wie sie die Quantenphysik, die die unvorstellbar kleinsten Teilchen erforscht, beschreibt. Parallelwelten, Dimensionen von Zeit und Raum, die neben der Zeit und dem Raum existieren, in denen der Mensch lebt, sind in der modernen Physik längst kein Science-Fiction-Stoff mehr: „Unser Bewusstsein ist noch an den dreidimensionalen Raum gebunden. Wir gehen davon aus, das ein Objekt nicht an zwei Orten zugleich sein kann“, sagt Voges. „In der Quantenphysik ist das aber prinzipiell möglich. Wir überlegen nun, wie wir die Entwicklung der Physik ins philosophische und künstlerische Feld übertragen können.“

Zugleich wird der Betrachter im Imaginieren von Abweichungen und Varianten geschult. Denn die Darsteller wurden nicht auf optische Ähnlichkeit gecastet. Anhand der Kostüme und Spielsituationen soll aber laut Voges erkenntlich werden, welcher Darsteller welche Figur in der jeweils anderen Welt verkörpere. Dabei kann in einem Universum eine Person eine Frau sein, im anderen ein Mann, was wiederum die Gender­debatten befeuern dürfte.

Der Aufwand dafür ist enorm. „Für die Infrastruktur benötigen wir vier Kameraleute, einen Director of Photography, der für eine bestimmte Ästhetik sorgt, zwei Bild­mischer, einen Netzwerker, der sich nur um die Datenübertragung kümmert, sowie einen Techniker“, erzählt Voges. Dazu kommt der übliche Theaterapparat an beiden Häusern mit Werkstätten und Maske, Lichtdesign­ern und Inspizienten, Dramaturgen und Assistenten sowie natürlich die Schauspieler selbst.

Für sie alle besteht erhöhter Abstimmungsbedarf: Kostüme und Maske müssen in beiden Häusern einheitlich wirken, Spieltempi miteinander synchronisiert und sogar der eigene Schatten im anderen Theater immer mitgedacht werden.

Der allergrößte Reiz ist allerdings gar nicht planbar: Die Pannen nämlich, wenn die Livebilder nicht nur verzögert ankommen, sondern sogar ganz ausfallen oder ruckeln und wackeln. Die eine Welt havariert, während es in der anderen munter weitergeht. Regelrecht existentielle Fragen können sich dann stellen. TOM MUSTROPH

Premiere 15. 9., 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: 20. und 26.9., 19.30 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Kay Voges; mit Stephanie Eid, Sina Martens, Peter Moltzen, Uwe Schmiede u.a., Eintritt 13–42, erm. 9 €

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