Zwei Wochen Programm

Die perfekten Zwei (5. – 18. 7. 2018)

10. Berlin Biennale
Kunst 10. Berlin Biennale Gras von Sara Haq, u.a. Akademie der Künste, bis 9.9.
Foto: Saskia Uppenkamp

Jeder meiner 14 perfekten Tage hätte 48 Stunden. Das wäre ein Traum. Dann hätte ich nicht nur Zeit, in frisch eröffnete Ausstellungen zu springen, sondern auch Muße, diejenigen ein zweites, ein gründlicheres Mal anzusehen, die ihre Besucher mit interessanten Details und wichtigen Debatten erwarten.

Allen voran zählt dazu die 10. Berlin Biennale, die Anfang Juni eröffnet hat. Die teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen, mehrheitlich aus dem globalen Süden, stellen unter höchst sparsamem, sehr poetischem Einsatz von Material Blickwinkel vor, aus denen sich ein post­koloniales Miteinander der Gesellschaften und Individuen denken lässt.

Einen zweiten Blick ist auch Hello ­World im Hamburger Bahnhof wert, nicht nur wegen der schieren Menge. Das Team der Nationalgalerie hat gemeinsam mit auswärtigen Kuratoren versucht, die auf Europa und Nordamerika fokussierte Sammlung des Hauses mit dem internationalen Kunstgeschehen zu verknüpfen. So erzählt die Schau von vielfältigen Verbindungen zwischen Künstlern auf Bali und im deutschsprachigen Raum. Doch reicht ein Versuch wie „Hello World“, um auch künftig Kunstgeschichte weltumspannend zu erzählen?

Salka Valka, Steidl Verlag, 501 S., antiquarisch

Manchmal bin ich es aber müde, noch mehr Bilder zu sehen. Eine Schau wie „Welt ohne Außen“ im Martin-Gropius-Bau, die statt auf Bilder aufs Erleben setzt, bringt jedoch keine Erleichterung, das tut nur die Literatur, die mir die Freiheit lässt, alle Bilder selbst zu finden. Hätten 14 Tage 672 Stunden, läse ich all die Bücher fertig, die ich am liebsten gar nicht fertig läse, weil ich nicht möchte, dass sie enden.

Literatur Giovanni’s Room Penguin 2013, 176 S.

Zufällig alles Romane von Männern, alles Erzählungen über Emanzipationen. Halldór Laxness’ Salka Valka schildert die Ankunft von Sozialismus und Frauenrechten im ländlichen Island Anfang des 20. Jahrhunderts. In ­Giovanni’s Room verdichtet James Baldwin ein tragisch gescheitertes Coming-out im Frankreich der Nachkriegszeit auf wenigen Seiten. Hédi Kaddour breitet in Die Großmächtigen rasant aus, wie sich die Folgen des Ersten Weltkriegs zwischen Nord­afrika und Berlin aus unterschiedlichen Perspektiven darstellen konnten – ein bildreiches Epos über Araber, Amerikaner, Franzosen, Frauen und Männer, Christen und Moslems, Bauern, Filmschauspieler und Beamte.

Vielleicht hätten zwei Wochen sogar 28 Tage. Dann kaufte ich mir die englische Taschenbuchausgabe von Adam Hasletts Stellt euch vor, ich bin fort! („Imagine Me Gone“), bereits in der deutschen Übersetzung von 2018 ein sprachliches Meisterwerk. Aus fünf (!) Perspektiven erzählt Haslett, wie eine Tochter, zwei Söhne und die Mutter mit dem Freitod des depressiven Vaters leben können – oder auch nicht. Vielleicht nähme ich den Roman mit zum Baden an den Heiligen See bei Potsdam oder raus in den Spreewald, wo im ruinösen Schloss Lieberose die diesjährige Ausstellung der Rohkunstbau unter dem Motto „Mind the Gap“ Spaltungen von Gesellschaften thematisiert.

Heiliger See in Potsdam
Brandenburg Heiliger See Neuer Garten, Preußische Schlösser und Gärten, 14467 Potsdam, von Berlin kommend hinter der Glienicker Brücke rechts rein
Foto: Mina Oleaje

Es blieben noch Stunden übrig. Ich könnte viel schlafen, am See. Gestern hätte es geregnet, jetzt schiene die Sonne durch die Wolken. Wind fährt übers Wasser. Während über mir die Blätter der Pappeln knistern, nicke ich ein und das Buch rutscht ins Gras. Höchste Zeit für Sommerferien.