Berlin

Die Piep-Show

Ein Phänomen: Immer mehr Berliner füttern im Winter wilde Vögel. Ökologen streiten sich über die Folgen

Die Blaumeise isst Blattläuse, Spinnen und Schmetterlinge, im Winter Bucheckern und Eicheln – normalerweise Foto: marsj/ photocase.de

Die Blaumeise isst Blattläuse, Spinnen und Schmetterlinge, im Winter Bucheckern und Eicheln – normalerweise
Foto: marsj/ photocase.de

Die Menschen, die sonntags, wenn die Läden eigentlich geschlossen sind, zum Drogeriemarkt am Bahnhof Südkreuz eilen, haben beim Wochenendeinkauf meist nur eine Kleinigkeit vergessen: Eine Haartönung, um am nächsten Tag im Job frisch auszusehen. Windeln für das Baby. Oder Waschpulver. Trotzdem liegen später auf dem Förderband an der Kasse ungeplant oft diverse Variationen an Wildvogelfutter: eine Sechserpackung Meisenknödel in Plastiknetzen. Eine Tüte Sonnenblumenkerne. Vielleicht aber auch eine Erdnussstange zum Aufhängen an Sträuchern und Bäumen. Wer nicht ganz hartherzig ist, kann hier nur schwer widerstehen. Denn bereits am Ladeneingang erinnern Sonderpostenkisten mit Wildvogelfutter und aufgedruckten, niedlichen Rotkehlchen oder Kohlmeisen links und rechts daran, dass jetzt die kalte Jahreszeit ist und die urbanen Piepmätze Hunger haben könnten. Und egal, ob Wilmersdorfer Oma, die auf ihrem Balkon ein uriges Futterhäuschen zum Vogelmagneten macht, oder Neuköllner Designer mit selbst entworfenem „Birdhain“, einer Vogelversion des legendären Berghain-Clubs: Zuzuschauen, wie sich Spatzen und Finken um das ausgelegte Futter balgen macht offenbar Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten Spaß.

So ist der Drogeriemarkt am Bahnhof Südkreuz beileibe nicht das einzige Geschäft, das sich mit der großstädtischen Liebe für die urbane, wilde Fauna ein ordentliches Zubrot verdient. Bereits ab etwa Ende August findet sich Wildvogelfutter seit ein paar Jahren längst nicht nur in den Auslagen der klassischen Zoogeschäfte, die damit laut Antje Schreiber vom Zentralverband Zoologische Fachbetriebe 2015 rund 15 Millionen Euro umgesetzt haben. Auch Baumärkte, der Lebensmittelhandel oder Kaufhäuser wollen an diesem – derzeit im wesentlichen noch saisonalen – Geschäft teilhaben und reservieren bis März, April Regalmeter oder Sonderpostenkisten für Wildvogelnahrung.

Seit etwa drei, vier Jahren habe das Geschäft mit diesem Tierfutter stark angezogen, bestätigt auch Timo Rahmer, Juniorchef der alteingesessenen Rahmer Mühle in Heilbronn, deren Tochterfirma Vogelpick seit 27 Jahren Wildvogelfutter herstellt und nach Eigeneinschätzung europaweit zu den fünf größten der Branche zählt. Vogelpick-Meisenknödel oder Sonnenblumenkerne werden in Ungarn erzeugt und unter anderem an Aldi, Kaufland, Kik oder Woolworth geliefert. Um Nachfragen auch außerhalb der Herbst-Wintersaison zu befriedigen, existiert inzwischen zusätzlich ein Online-Shop.

Dass das Interesse an der Wildvogelfütterung so stark gestiegen ist, führt Rahmer unter anderem auf ein kleines Ratgeberbüchlein zurück. 2005 veröffentlichten der bekannte Ornithologe Peter Berthold zusammen mit Gabriele Mohr von der Vogelwarte Radolfzell im Kosmos Verlag den Titel „Vögel füttern, aber richtig. Das ganze Jahr füttern, schützen und sicher bestimmen“. Das Buch löste nicht nur eine heiße Diskussion unter Experten über Sinn und Unsinn der Fütterung von frei lebenden Vögeln aus. Die weit über 100.000 verkauften Exemplare kurbelten auch das Geschäft der Vogelfutterhersteller massiv an. Um rund 350 Prozent sei bei ihm der Verkauf gestiegen, sagt etwa Timo Rahmer.

Unumstritten ist die Wildvogelfütterung jedoch nicht. Gegner führen an, man würde nur „die Satten noch satter machen“, sprich: Allerweltsvogelarten unterstützen, denen das Überleben in der Stadt ohnehin nicht schwer fällt, die aber den gefährdeten Vogelarten den Lebensraum streitig machten. Zudem würden ungewollt auch als lästig empfundene Wildtierarten mit gefüttert werden: Ratten, die sich an herabfallenden Körnern laben, gelten hierbei als besonders unliebsame Vertreter. Andere Kritiker bemängeln die Qualität der Futtermischungen und fragen: Woher stammen die Fette der Meisenknödel? Sind sie artgerecht? Außerdem beanstanden sie, dass es im wesentlichen nur Körnerfresser sind, die von den Futtergaben profitieren, und dass die ausgestreute Tierkost mitunter Samen von Ambrosia artemisiifolia, einer stark Allergie auslösenden Pflanze, enthielten.

Tatsächlich ist es für Konsumenten schwer, die Qualität von Vogelfutter zu beurteilen. Auch Stiftung Warentest hat dazu bislang noch keine systematische Untersuchung durchgeführt. Wenn Katrin Koch, Beraterin am Wildtiertelefon des Naturschutzbundes Deutschlands (NABU) in Pankow, zum Thema Wildvögelfütterung befragt wird, dann windet sie sich ein bisschen. „Natürlich macht man Vögeln, denen man Futter anbietet, das Leben leichter und es überleben mehr Tiere“, sagt sie. Doch echter Naturschutz hätte sehr viel weitreichendere Dimensionen. Urbane Vögel bräuchten als Schutzraum und Nahrungsquelle deutlich mehr einheimische Sträucher, die auch Früchte trügen. Außerdem fehlten „unaufgeräumte Grünflächen“ mit größerer Pflanzenvielfalt, in denen Laub über Winter auch mal liegen bleiben könne: Unter den verrottenden Blättern tummeln sich verschiedene Insekten – für viele Vogelarten eine unersetzliche Nahrungsquelle.

Noch entscheidender für die Situation der Wildvögel sei aber die Situation auf dem Land. Großflächige Monokulturen, der Einsatz von Herbiziden und Insektiziden hätten dort zu einer drastischen Verarmung von Pflanzen- und Tierarten – und für die Flucht von Wildtieren in die Städte gesorgt. Nicht nur Füchse oder Wildschweine, auch viele Vogelarten fänden in Großstädten wie Berlin günstigere Lebensumstände vor.

Wer fertiges Vogelfutter erwirbt, unterstützt diese Landflucht womöglich. Denn auch Sonnenblumen – ihre Kerne sind eine gern gekaufte Vogelfutterart – werden im großen Stil angebaut. Um dessen optimales Wachstum zu gewährleisten ist in der Agrarindustrie beispielsweise das Herbizid Bandur® des Chemiegiganten Bayer beliebt. Laut Beipackzettel gibt es dazu diverse Warnhinweise: „Kann Krebs erzeugen.“ Oder: „Sehr giftig für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung.“


Infos zur Wildvogelfütterung

Auf seiner Internetseite informiert der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) unter anderem darüber, wie Vogelfutterglocken selbst hergestellt werden können oder welche Futterausgabestellen sonst noch geeignet sind.
https://berlin.nabu.de
www.nabu.de

Persönliche Fragen werden darüber hinaus bei der NABU-Wildtierberatung
Mo-Fr  von 9-17 Uhr beantwortet.
Tel: 54 71 28 91
wildtiere@nabu-berlin.de

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