Euch das Ufer, uns die Spree

Die Piraten der Anarche

Ein schwimmender Freiraum soll die Anarche der Freimeuter werden

Anarche Foto: Lena Ganssmann
Anarche
Foto: Lena Ganssmann

Erst jault der Akkuschrauber, dann dröhnen Hammerschläge, es folgt schallendes Gelächter. An einem Kai in der Nähe des Treptower Parks werkeln acht junge Menschen auf einem imposanten 15-Meter-Katamaran, einer wilden Konstruktion aus Holz und Stahl. „Einen Eisbrecher in der Kruste gesellschaftlicher Verhältnisse“ nennen sie ihr Schiff. Für die Einweihungsparty muss der Mast aufgerichtet werden, das Oberdeck hat noch Löcher und kein Geländer und das Klo macht Probleme. Trotzdem setzen sie sich zum Interview alle zusammen. Das basisdemokratische Kollektiv, dem insgesamt 25 Menschen angehören, will mit einer gemeinsamen Stimme sprechen. Die Freimeuter sagen: „Was uns eint, ist, dass wir keinen Bock auf Karriereleiter haben, aber gerne mit Freunden etwas aufziehen wollen, womit wir der Gesellschaft etwas geben. Dafür brauchen wir Raum. Den haben wir hier auf dem Wasser.“

Mit ihrer Anarche wollen sie ein Zeichen gegen die Verdrängung setzen und Alternativkultur in Berlins Mitte tragen. „Die Spree können Investoren nicht kaufen. Da kann man nicht wirklich verdrängt werden, da fährt man einfach ein paar Meter weiter.“ Bald soll am Mast ein Transparent flattern, anders als an Land müssen die Freimeuter die Minidemo nicht anmelden. Das Ufer ist die Tribüne für ihre Aktionen. Die Aufmerksamkeit, die ihrem Schiff entgegen­gebracht wird, wollen sie auch anderen Gruppen und sozialen Bewegungen zugänglich machen. Sie selbst überlegen, Demos vom Wasser aus zu unterstützen, Kinderpiratencamps, Performances, Theater, Kino, Konzerte, Lesungen oder Workshops zu veranstalten, „und wir werden sicher auch mal eine Party feiern“. Ausflüge in andere Städte oder zu Festivals sind ebenfalls in Planung.

Von der Spree kann man nicht wirklich verdrängt werden

Im April 2013 haben die Freimeuter mit dem Bau des durch Partys finanzierten Schiffs begonnen, zwei Monate später wurde die Anarche zu Wasser gelassen, vergangenen Sonntag offiziell eingeweiht. In der Zwischenzeit wurden beim Bau vier Handys versenkt und Unmengen Werkzeug, die Plattform wurde viermal wieder abgedeckt, nicht wenige Menschen sind von losen Planken ins Wasser gefallen, der zentrale Mast wurde – weil zu hoch für die Brücke – mit drei Taschenmessern gefällt, und es gab auch schon eine abenteuerliche Einparkaktion im Licht von Taschenlampen, weil die Beleuchtung ausfiel. Aber: Die Freimeuter haben gelernt. Jeder hat seine Fähigkeiten und Ideen weitergegeben, und so wurde aus einem chaotischen Haufen ein funktionierendes Kollektiv mit Vision.

Sie genießen sichtlich, dass ihre wilde Idee nun in Holz und Stahl gegossen auf der Spree schwimmt. Und haben doch gleich wieder Kritik. Die Aufwertung mache an der Wasserkante nicht halt. Die Liegeplätze würden immer weniger und teurer, und die Innenstadt gehöre fast nur der Weißen Flotte. „Die Revolution bleibt unvermeidbar“, sagen sie. Martin Schwarzbeck

www.anarche.noblogs.org, Trägerverein (gemeinnützig): www.kulturfluss.org