OBJEKT- und FIGURENTHEATER-FESTIVAL

Die Rebellion der Puppen

Beim Festival „Theater der Dinge“ an der Schaubude geht es dieses Jahr unter dem Label „Rebell Boy“ um die subversive Kraft der Puppen

Putin als Prota­gonist: Der Tscheche Divadlo Líšen entfaltet mittels der Aufzeich­nungen der 2006 ermor­deten russischen Journalistin Anna Politkovskaja die Satire einer Ma­trjosch­ka-Gesellschaft – Foto: Vojtech Brtnický

Text: Tom Mustroph

Der analoge Vorgänger der 140-Zeichen-­Provokationsmaschine Twitter ist der Kasper. Er attackiert, meistens recht derb und schert sich nicht um Moral und gute Sitten. „Der Kasper geht ganz eigene Wege, er provoziert, ist politisch unkorrekt. Das alles hat uns gereizt und Lust auf ein Kasperstück und auf ein ganzes Festival im Zeichen des Kaspers gemacht“, erzählt Schaubude-Chef Tim Sandweg, gemeinsam mit der Performerin Sandy Schwermer Kurator der diesjährigen „Theater der Dinge“-Ausgabe. Sich des Kaspers zu besinnen, stellt innerhalb der Szene einen mutigen Akt dar. Jahrzehntelang wehrte man sich gegen das übermächtige Klischee des Figurentheaters als „Kasperletheater“.

Inzwischen ändert sich das jedoch. Immer mehr junge Puppenspieler finden ­F­reude am anarchischen Charakter des Kasper, an seiner Punk-Attitüde. Das Festival setzt so den Fokus auf die Beziehung zwischen Puppentheater und Rebellion und klopft gleich zum Auftakt am 13. Oktober mit der Eigenproduktion „Kasper unser“ das ewige Stereotyp deutschen Puppenthea­ters auf seine aufrührerische Kraft ab. Das Eröffnungsstück versucht den Kerl mit dem kantigen Holzgesicht als eine Aufweck-­Figur in lethargischen Zeiten zu etablieren.

Andererseits gibt es unberechenbare Neo-Kasper ja bereits in der Politik, als tweetenden The ­Donald etwa und seinen Gegenpart Kim Jong-un. „Wir haben überlegt, ob wir unserem Kasper einen Twitter-Account zulegen, haben dann aber doch darauf verzichtet“, erzählt Sandweg lachend. Einer der großen Politkasper unserer Zeit taucht dennoch auf im Festival, bei „Putin fährt Ski“ des tschechischen Divadlo Lísen (15.10.). Nach den Analysen der 2006 ermordeten Journalistin und Putin-Kritikerin Anna Politowskaja entwickelt die dreiköpfige Truppe das Spiel einer Macht-besessenen Matrioschka-Gesellschaft um Lenin, Stalin und Putin.

Dass auch ein Kasper, gebärde er sich auch noch so wild, nur an Strippen gezogen wird, ist Thema des Work-in-Progress-Stücks „Der Tanz der Algorithmen“ von ­Nicole Gospodarek und Christiane Klatt (15. und 16.10.). Hier ist der Kasper als ­Figur gedacht, der seine Individualität auf Knopfdruck auslebt – eine Inkarnation der Daten­gesellschaft. Denn erst die gesammelten Daten und die daraus errechneten Algo­rithmen geben vor, was er im Voll-Energie-Modus unternehmen soll – ein mit Big Data gezähmter Kasper also.

Während „Der Tanz der Algorithmen“ ganz im Sinne des Schaubude-Credos ­„Digital ist besser“ ist, sind viele andere Produktionen überraschend analog. Bei „Happy Bones“ (14.10.) werden Schädel und Knochen per Hand und mit Musik animiert; Spieler ­Matija Solce gilt als einer der experimentellsten Puppenspieler. Einfachste Haushaltmateria­lien werden hingegen von Husam Abed, der in einem palästinensischen Flüchtlingscamp aufwuchs, in der biografisch gefärbten Solo­show „Das ruhige Leben“ (14. bis 17.10.) benutzt. Auch die Arab Puppet Thea­tre Founda­tion aus dem Libanon fällt in „Performance Desperately in Need of an Audience“ (17.10.) mit einfachsten Materialien auf, die aber so satirisch wie poetisch verwendet werden.

Den Zusammenhang zwischen all diesen Produktionen und dem übergreifenden Festivalthema „Kasper“ stellt Co-Leiterin Sandy Schwermer in ihrer künstlerischen Intervention „Tutti. Rebell Delivery“ (14.10.) mit dem Dragon Dance Theatre aus Quebec her, das seit 1976 die Tradition des politischen Protesttheaters mit Großpuppen und Masken hochhält.

13. – 17.10., Schaubude Berlin, Greifswalder Str. 81-84, Prenzlauer Berg. Eintritt 12,50 – 20, erm. 8 –15 €, www.schaubude.berlin

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