Berlin

Die Rettung des Knabenlands

Ein paar simple Zutaten reichen aus, um aus dem Hobby eines Kindes ein Politikum zu machen. Man nehme: Ein bisschen Gender, ein bisschen Kulturgut – und dann kann man das Popcorn auspacken und der Welt beim Brennen zusehen

Der Berliner Staats- und Domchor hat ein Mädchen abgelehnt. Der älteste Chor Berlins, der sein Entstehen ins 15. Jahrhundert datiert und mittlerweile zur Universität der Künste gehört, nimmt nur Jungen und Männer auf.

Die Familie einer jungen Berliner Sängerin wollte diese Regel nicht hinnehmen. Warum sollten nur männliche Sänger zugelassen werden in einen staatlich geförderten Verein, der sich der musikalischen Ausbildung verschrieben hat?

Berliner Staats- und Domchor: Hier würde in einer fairen Welt ein Mädchen stehen Foto: Zörnig

„Weil es Tradition hat“, kam die Antwort von vielen Seiten. Weil Knabenstimmen nun mal Knabenstimmen seien. Weil man bei der Gleichberechtigung ja nun nicht einfach körperliche Gegebenheiten ignorieren könne. Am besten wäre, man fragte die junge Sängerin selbst, warum sie so gerne beim Staats- und Domchor mitsingen möchte. Aber das ist leider nicht mehr möglich, denn längst haben diejenigen, denen schon beim Wort Gender der Hut hochgeht, eine Kontroverse nach dem Muster „Genderwahn vs. abendländisches Kulturgut“ daraus gekocht: konservative Medien und rechte Politiker. Die Frage, ob ein Mädchen in einem Chor mitsingt oder nicht, hat plötzlich das Potenzial, zu einem ungemütlichen Shitstorm zu werden, dem sich die Sängerin nicht aussetzen möchte.

Bereiche, in denen Männer und Frauen strikt getrennt werden, gibt es kaum noch. Knabenchöre sind einer davon. Knabenchöre sind etwas Besonderes. Etwas, das durch die Aufnahme von Mädchen nun mal … ja, was eigentlich? Verschlechtert wird? Entweiht? Die Berliner Juristin Susann Bräcklein, die mit dem Mädchen in Verbindung steht, sagt: „Um den Ausschluss von Mädchen aus einem staatlich getragenen oder staatlich geförderten Kinderchor zu rechtfertigen, müssten zwingende Gründe angegeben werden.“ Derartige Gründe sieht Bräcklein nicht. „Man müsste vortragen, dass Mädchen wegen ihres Geschlechts grundsätzlich nicht singen können, dass sie den Chor verunstalten, dass sie nur fiepen oder brummen können, und ihnen die Teilnahme grundsätzlich unmöglich ist.“

Wie genau klingt „Reinheit“

Man muss einwenden, dass weibliche Sängerinnen in Berlin nicht auf der Strecke bleiben, nur weil sie vom Staats- und Domchor ausgeschlossen sind. Im Gegensatz zu anderen Orten, wo Knabenchöre der einzige Einstieg in die musikalische Karriere sind, ist das Angebot für singende Mädchen und junge Frauen in Berlin zufriedenstellend. Das sieht auch Anwältin Bräcklein so. Sie kritisiert vielmehr die Botschaft, die man hier an junge Sängerinnen aussendet. „Stellen Sie sich vor, man würde alle Jungen ab morgen aus der Staatlichen Ballettschule im Prenzlauer Berg werfen, aus ‚künstlerischen Gründen‘. Mädchen tanzten einfach schöner und anmutiger als Jungen.“

Weit verbreitet ist die Meinung, Knabenstimmen klängen anders als Mädchenstimmen. Das ist aber gar nicht der Grund dafür, dass man so oft getrennte ­Kinderchöre findet. Knabenchöre existieren, weil Frauen im Mittelalter und stellenweise bis ins 19. Jahrhundert hinein am Altar verboten waren. Die christliche Idee vom Mann als Geist- und von der Frau als Körperwesen mischt sich mit dem Knaben-Ideal aus der Antike.

»Man müsste vortragen, dass Mädchen grundsätzlich nicht singen können, nur fiepen oder brummen«

Susann Bräcklein, Anwältin

„Knabenstimmen klingen reiner“, werden viele sagen, wenn sie versuchen zu beschreiben, was hier den entscheidenden Unterschied macht. Reiner? Wie genau klingt denn Reinheit? Kühler vielleicht? Metallischer, weniger rund, durchdringender? Man kommt in Schwierigkeiten, wenn man versucht, hier wertfreie Begriffe zu finden. Und stimmt es überhaupt, dass Jungs und Mädchen sich grundverschieden anhören? In England, wo die kirchlichen Knabenchöre fast nationales Erbe sind, stellt man sich diese Frage schon länger. Vor ein paar Jahrzehnten haben dort viele traditionell rein männliche Chöre begonnen, auch weibliche Sängerinnen aufzunehmen – und damit ähnliche Entrüstung erzeugt, wie der Berliner Fall dieser Tage. Deshalb hat man dort schon Anfang der 2000er Jahre Experimente durchgeführt, in denen Stimmexperten das Geschlecht eines Kindes auf einer Tonaufnahme erkennen sollten. Einer dieser Versuche ergab, dass die Testpersonen bei etwas über 70 Prozent richtig lagen. Das ist nicht überzeugend, wenn man bedenkt, dass sie schon bei bloßem Raten in 50 Prozent der Fälle richtig gelegen hätten.

Vielleicht sitzen wir einer uralten Autosuggestion auf, wenn wir behaupten, dass Jungs anders klingen. Und selbst wenn Knabenstimmen öfter „metallisch“ klingen und man diesen Sound gerne kultivieren möchte: dann gibt es sicher Mädchen, die genau diesen Klang produzieren. Was die Trennung nach Geschlecht überflüssig machen würde. Die Kinder müssten eben vorsingen. Das müssen sie ohnehin.

Text: Peter Weissenburger