Animationsfilm

Die rote Schildkröte

Der dialoglose Zeichentrickfilm überzeugt durch klassische Schönheit

ZITTY-Bewertung: 5/6

„In a cartoon you can do anything“ – das Credo des US-Zeichentrickregisseurs Tex Avery gilt auch heute noch. Nur ist dies kein Alleinstellungsmerkmal mehr: Die Weiterentwicklung der Tricktechnik durch den Computer hat auch den Realfilm in die Lage versetzt, „alles“ zu können, ohne dass die Tricks überhaupt erkenntlich sind.

Bei Disney hat man angefangen, Realfilm-Remakes einstiger Zeichentrickklassiker wie „Die Schöne und das Biest“  in die Kinos zu bringen. Die wesentliche Frage lautet nun, auf welche Weise diese Neuinterpretationen die Erwartungshaltung des Publikums beeinflussen. Wird sich bald überhaupt noch jemand für Märchengeschichten als Animationsfilm interessieren? Das Genre muss sich jenseits der Nische als reiner Kinderfilm ein Stück weit neu aufstellen. Einfacher wird es wieder werden müssen, aber künstlerisch wertiger – und sich darauf besinnen, dass seine Stärke in der Vermittlung von Emotionen und Atmosphäre liegt.

Die rote Schildkröte Foto: Universum

Was uns zu „Die rote Schildkröte“ bringt, dem ersten abendfüllenden Animationsfilm des in London lebenden Niederländers Michael Dudok de Wit. Weitgehend in Handzeichnung entstanden, dominieren hier klare Linien und wenige zurückgenommene Farben, die eine simple, mit wenigen Fantasy-Elementen gespickte dialoglose Fabel um den Zyklus des menschlichen Lebens illustrieren.

Der Film erzählt von einem Schiffbrüchigen, der vom Verlassen einer einsamen Insel mehrfach durch eine große rote Meeresschildkröte gehindert wird, die sich wenig später in eine Frau verwandelt. Mann und Frau bleiben auf der Insel, zeugen einen Sohn, trotzen einem Tsunami und erleben, wie der flügge gewordene Sohn in eine unbekannte Zukunft jenseits des Eilands aufbricht.

Der Umgang mit der Natur, die mythologischen Aspekte der Geschichte sowie die Unausweichlichkeit des Lebenszyklus dürften als Themen auch das koproduzierende japanische Studio Ghibli („Prinzessin Mononoke“) angesprochen haben. Die klare Schönheit des Films ließ ihn eine Oscar-Nominierung erlangen.  

„La tortue rouge“, F/B/J 2016, 80 Min., R: Michael Dudok de Wit

Die rote Schildkröte

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