Was mich beschäftigt:

Die Rückkehr der Handschrift

Schon viel Schelte habe ich für Handgeschriebenes jeder Art erhalten. Die Mitbewohner schimpfen über meine Zettel auf dem Küchentisch. Meine Schwester klagt, unsere ­kranke Mutter könne meine Ansichtskarten nicht ­lesen. Kollegen beschweren sich, was ich ihnen hinterlegt habe, sei nicht entzifferbar. Nicht zuletzt fluche ich über mich, wenn auf meiner Aufgabenliste für den neuen Tag steht: Uuununn­nuing anrufen, und wer, bitte, soll das sein? An schlechten Tagen fürchte ich deshalb, auf dem Weg zum Sozialnerd zu sein.

Selbstverständlich ist meine Schlampigkeit nichts Besonderes. Seitdem der dampfenden indus­triellen Revolution die digitale mit dem Personalcomputer in vielen Varianten folgte, greift jener Teil der Menschheit, der Zugang zu solchen Geräten hat, seltener zum Stift und tippt stattdessen auf Tasten und Feldern herum. Das fällt besonders in den Ferien auf. Noch während meiner Reise zum Polarkreis erhielt ich von einer Freundin per SMS Fotos von ­einem Palmenstrand, doch bei meiner Rückkehr lag nur ein Stapel Behördenpost im Briefkasten, keine einzige Urlaubspostkarte.

Die Vernachlässigung des Stifts hat System: Schön- und Rechtschreibübungen liefen an der Grundschule meines Kindes nur als Kür. Leserlich und fehlerfrei? Ach, das komme von allein, wiegelte die Lehrerin ab. Ich warte noch zu Sohnes Gymnasialzeiten darauf. Zwar geht das Abendland davon nicht unter, auch war früher keineswegs alles besser. Dennoch hoffe ich, dass sich der Trend bald umkehrt. Indizien dafür gibt es.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Diesmal: Claudia Wahjudi

Denn es hat erwiesenermaßen Nachteile, wenig mit der Hand zu schreiben, nicht nur wegen der Klaue. So gehen Sammlung und Konzentration verloren, wie sie von jener aufgeräumte Fläche gefördert wird, die ein Füller haltender Mensch zum Schreiben braucht. Wer mit der Hand schreibt, denkt zuerst und dichtet dann. Am Computer dagegen verhält es sich leider oft andersherum. Zudem bewahren viele Menschen statt privater Mails lieber handgeschriebene Briefe auf, anhand derer spätere ­Leser Gedanken und Entwicklung des Absenders nachvollziehen können. Ganze Forschungszweige leben davon. Am wichtigsten finde ich eine Erkenntnis aus der Neurowissenschaft: Wer mit einem Stift schreibt, merkt sich den Inhalt besser.

Das kennt man vom Handwerken oder Stricken bei Musik: Nimmt man die begonnene Arbeit erneut zur Hand, poppen die Melodien wieder im Gehirn auf. Und so, wie die digitalisierte Gesellschaft das bereits totgesagte Schreinern und Häkeln neu entdeckt hat, das Gärtnern, Nähen, Reparieren, Upcyceln, so wird sie die Handschrift wiederbeleben. Es ist nur eine Frage der Zeit. Auf den Hype um teure Notizbücher folgte der um Füllfederhalter und Druckbleistifte. Dann eröffneten neue Papeterien, und nun ist die Handschrift auf den Do-It-Yourself-Seiten von Frauenzeitschriften aufgetaucht, ein ­sicheres Zeichen für die Ankunft im Main­stream: Führen Sie doch einfach mal Tagebuch, hey, wie crazy, und unten unsere Bestellmodelle. Nichts da. Meine Finger trainiere ich allein. Mit Füller habe ich einen Brief an einen Freund im Ausland geschrieben, und zu desssen Freude gescannt und digital verschickt.

Die Notizen für diesen Text wurden übri­gens mit weicher Kugelschreibermine auf Recyclingpapier festgehalten. Und schlechter als andere ist er ja auch nicht geworden.

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