Kino

Die Sanfte

Eine Frau mit einem Paket. Sie wird nie mit Namen angesprochen, ist einfach „Die Sanfte“. Sie steht für die vielen ano­nymen Schicksale, an denen sich zeigt, wie es um die russische Gesellschaft bestellt ist.

Die Titelheldin (Vasilina Makovtseva)
Foto: Grandfilm

Das Paket galt ihrem Mann, der in einem Gefängnis in Sibirien inhaftiert ist, doch man verweigerte die Annahme. Die Frau will es nun selbst zustellen und trifft auf eine Galerie von typischen Gestalten: einen schwatzhaften Taxifahrer, eine alkoholisierte Partygesellschaft, eine zwielichtige Wirtin, einen Zuhälter, einen „Boss“, eine Menschenrechtlerin.

Loznitsa hat sich über viele Jahre vor ­allem dokumentarisch mit Russland befasst. „Die Sanfte“ ist nun sein ­dritter Spielfilm. Die Hinterlassenschaft des Kommunismus ist Loznitsas Thema, dahinter steckt aber eine alte Frage: Warum lassen sich die Menschen in Russland so viel gefallen?

Mit fast zweieinhalb Stunden Dauer ist „Die Sanfte“ in jeder Hinsicht ein anspruchsvoller Film. Bei der Premiere in Cannes 2017 stießen sich einige an der letzten halben Stunde, in der Loznitsa sich für eine märchenhafte Wendung entscheidet: einen originellen Schauprozess. Ohne Zweifel ist „Die Sanfte“ einer der wichtigsten europäischen Filme der jüngeren Zeit, in dem es auch um die ­Frage geht, ob und in welcher Form Russland als ein europäisches Land verstanden werden kann. 

„Krotkaya“, F/D/LIT/NL 2017, 143 Min., R: Sergei Loznitsa, D: Vasilina Makovtseva, Marina Kleshcheva, Lia Akhedzhakova