Dokumentarfilm

Die Stadt als Beute

Der Berliner Regisseur Andreas Wilcke hat sich mit der Kamera im
Gentrifizierungs-Berlin umgesehen – keine schönen Aussichten

ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

Da hat sie nicht schlecht gestaunt, die alteingesessene Mieterin, als sie eines Tages die Tür zu ihrem Bad öffnete: Fenster zugemauert. Genauso in der Küche. Aus dem begehrten Sanierungsobjekt will sie trotzdem nicht ausziehen. Berlins Wohnungsmarkt boomt. Da stören die alten Mieter in ihren billigen Wohnungen nur.

Abgerissen wird derzeit viel in Berlin, aber was kommt dann? Foto: Andreas Wilcke

Regisseur Andreas Wilcke hat sich vier Jahre lang auf die Spur der Gentrifizierung in Berlin gemacht und sich unkommentiert an die Fersen ganz unterschiedlicher Akteure auf dem Berliner Haus- und Wohnungsmarkt gemacht. Immobilienmakler, Investoren, Käufer, Mieter, Eigentümer und Demonstranten –Wilcke lässt sie alle zu Wort kommen. Dabei wertet er nicht, sondern blickt mit großen Kameraaugen auf eine Stadt, die sich aufgemacht hat, in die Fußstapfen von London zu treten. Natürlich auch kulturell – wobei: Wie soll aus Berlin jemals eine Musical-Stadt werden, wenn es der Betreiber des riesigen Theaters am Marlene-Dietrich-Platz nach dem Ende des Udo-Lindenberg-Stücks vorzieht, das Haus leer stehen zu lassen? Doch London ist nahe, was die Zukunft der Immobilienpreise betrifft. Wilcke blickt auf eine Stadt, in der der damalige Stadtentwicklungs-senator und jetzige Bürgermeister Michael Müller die Ohnmacht der Politik repräsentiert. Eine Politik, die die Kassen klingeln lassen will und soziale Interessen nur noch behauptet.

Spätestens in 50 Jahren, so die Prognose -von einem der Experten, werden die Besonderheiten Berlins, mit einst billigem Wohnraum in der Innenstadt, völlig verschwunden sein. Bis dahin sucht ein Herr, der im Nebensatz mal kurz fallen lässt, Geld sei nicht das Problem, weiterhin das Wohnobjekt seiner Begierde, und die ausländischen Wohnungskäufer freuen sich über die Zweit- oder Drittwohnung in Berlin, weil diese für sie billiger ist als der Aufenthalt in einem anständigen Hotel.

Wo sich der Berliner Durchschnittsverdiener bald wiederfindet? Mit Glück noch am Stadtrand, Marzahn-Hellersdorf, Rudow. Wie sagte kürzlich ein „Großkopferter“ im Gespräch angesichts der bescheidenen Löhne und der steigenden Mieten: „Dann müssen die Leute eben enger zusammenrücken und sich Wohnungen teilen.“

D 2015, 82 Min, R: Andreas Wilcke

https://www.zitty.de/event/dokumentarfilm/die-stadt-als-beute-2016/