Indie-Indie

Die Stellvertreterin

Amanda Palmer, berühmt geworden als Sängerin der Dresden Dolls, setzt der fucking Düsternis viele Klanglichtlein entgegen – auch auf ihrer neuen Platte „There Will Be No Intermission“.  Wie macht sie das? Wir haben mal angerufen

„Nimm das, Trump!“ Amanda „Fucking“ Palmer scheißt auf Donalds Skala
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Anruf in New York bei Amanda Palmer. Feministin, Autorin, TED-Talkerin, Pianistin und Sängerin der Dresden Dolls. Bekannt für ihre ausgezeichneten Songschreiber-Qualitäten und extravaganten Bühnenperformances. Amanda „Fucking“ Palmer – was nicht despektierlich gemeint ist. Die 43-Jährige benutzt das F-Wort selbst ständig. Es klingelt kurz, dann geht sie ran und beginnt auf Deutsch draufloszuplaudern, wechselt aber doch lieber ins Englische, da ihr deutsches Vokabular nicht ausreiche, um über Emotionen sprechen zu können. Und da kommt man gar nicht drum herum, bei ihrem aktuellen Solo-Album „There Will Be No Intermission“, das sie ihrem Produzenten als das „traurigste in der Welt“ angekündigt haben soll.

Darauf angesprochen seufzt Amanda Palmer erst einmal, dann sagt sie:

„Traurig ist so ein langweiliges Wort. Sicher steckt in diesem Album viel Trauer, aber auch Freude, Licht, Hoffnung. Ich würde sagen: Es ist ein sehr menschliches Album. Das direkteste und autobiographischste, das ich je gemacht habe. Direkt, weil ich mich nicht mehr hinter Metaphern versteckt habe. Jetzt sage ich Abtreibung, wenn ich Abteibung meine – und Tod, wenn ich Tod meine. Das ist ziemlich unmissverständlich. Und autobiografisch, weil ich von meiner Abtreibung und Fehlgeburt erzähle.“

Tatsächlich verarbeitet Amanda Palmer in den 20 Stücken ihres Albums die Tragödien der letzten Jahre, eine Abtreibung, eine Fehlgeburt, den Tod eines guten Freundes. Sie wurde aber auch zur Mutter eines Sohnes und zur Autorin des New-York-Times-Bestsellers „The Art of Asking“. Auf dem Cover der neuen Platte ist sie splitternackt auf einem Holzpfahl zu sehen, in heroischer Pose, ein Schwert in der Hand, im Sonnenuntergang, der anbrechenden Dunkelheit die Stirn bietend.

AP: „Ich halte es für gefährlich, zu glauben, man müsse als Künstlerin Dunkelheit aushalten, um gutes Material für Songs zu bekommen. Es ist viel mehr so, dass jeder Mensch durch fucking Dunkelheit gehen muss. Wir Künstler*innen haben eben das Glück, dass wir unser Leiden in unserer Kunst verarbeiten und mit anderen teilen können. Ich habe keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn ich als Verkäuferin oder in einer Bank arbeiten würde. Vielleicht besteht meine Aufgabe als Künstlerin gerade darin, mich stellvertretend für andere durch die Trauer hindurchzuarbeiten. Das ist ein bisschen wie Gemeindearbeit, die ein Priester macht.

Auf ihrer Patreon-Crowdfunding-Seite hat Amanda Palmer eine eigene Community geschaffen. Mehr als 15 000 Menschen, die sie finanziell unterstützen, damit sie als Künstlerin unabhängig bleiben kann und sich keinem Label mehr ausliefern muss. Zugleich bietet sie damit eine Plattform des direkten Austauschs mit ihren Fans.

AP: „Ich wollte nie so ein enigmatischer, einsamer Popstar sein, das hat mich nie interessiert. Ich habe immer Gefallen gefunden an der Idee, meinen Tribe zu finden, mich mit ihm zu verbinden und etwas gemeinsam mit ihm zu kreieren. Wie zum Beispiel meinen Song „The Ride“, für den ich mir die 1500 Kommentare in meinem Blog durchgelesen habe, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was mein Tribe gerade durchmacht. Um mich dann hinzusetzen und einen Song daraus zu machen. Dafür ist die Kunst ja da, um die Welt zu reflektieren.“

„It‘s all just a ride“ – ein mehr als zehn Minuten langer Song, der von Ängsten handelt, die wir alle teilen, der die Gemeinschaft feiert und Trost spendet. „But isn‘t it nice when we‘re all afraid at the same time.“

AP: „Trost und Sicherheit, das ist etwas, was mir meine Lieblingskünstler immer gegeben haben. Nick Cave, Sinead O‘Connor. Oder die Jugendbuchautorin Judy Blume, die in Deutschland nicht so bekannt ist. In den USA war sie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre allgegenwärtig und extrem einflussreich. Sie schrieb über Sexualität, Menstruation, Masturbation – darüber, was es bedeutet, wenn einem Brüste wachsen. In der liberalen Umgebung, in der ich aufwuchs, waren ihre Bücher leicht erhältlich, während sie in anderen Teilen des Landes von konservativen Amerikanern zensiert und verbrannt wurden. Sie war eine starke Feministin, die einer ganzen Generation dabei geholfen hat, weniger Scham zu empfinden, ohne je dafür als amerikanische Heldin gefeiert zu werden. Wenn es nach mir geht, würde ich ihr Gesicht auf den 10-Dollar-Schein drucken lassen.

Auf den 10-Dollar-Schein?

AP: „Egal, auf welchen, Hauptsache, sie ersetzt die ganzen weißen Männer. Wenn man mich nach meinen Einflüssen gefragt hat, habe ich selbst immer Männer genannt, Nick Cave, Hermann Hesse, Milan Kundera. Nie habe ich an Judy Blume gedacht. Und irgendwann, als ich zufällig im Internet über sie stolperte, schlug ich mir vor Schreck auf die Stirn. Ich hatte sie vergessen. Ein schrecklicher Fehler.

Um diesen Fehler wiedergutzumachen, hat sie Judy Blume einen eigenen Song gewidmet. „You opened beside me and held me when I needed help“, heißt es darin. In gewisser Weise ist Amanda Palmer selbst zu einer Judy Blume geworden, denn auch sie spielt und bricht mit Tabus. In ihren Songs erzählt sie von Müttern, die sich eingestehen, völlig überfordert zu sein, oder aber von der Einsamkeit nach einer Abtreibung – und der Idee, eine Party zu veranstalten für eine Frau, die gerade eine Abtreibung hinter sich hat, ähnlich dem „Baby Shower“ vor einer Geburt.

AP: „Der einzige Weg, Tabus loszuwerden, besteht für mich darin, sie zu ignorieren. Seit Donald Trump an der Macht ist, genieße ich es noch viel mehr, Tabus zu ignorieren – und mich dem Trump‘schen Schönheitsstandard zu verweigern, der Frauen auf einer Skala von 1 bis 10 danach bewertet, wie sehr er sie ficken will. Ich versuche verzweifelt gegen dieses Narrativ anzukämpfen. Es braucht ein starkes Gegengewicht.“

Dann ist die Zeit für das Interview um. Eine letzte Frage noch zu ihrem TED-Talk, in dem sie davon erzählte, wie sie gelernt hat, andere um Hilfe zu bitten. Wie sie sich einmal nackt in eine Menschenmenge warf, um ihren Körper bemalen zu lassen. Woher nimmt sie dieses „fucking“ Vertrauen? Sie setzt schon zur Antwort an, doch dann stirbt die Verbindung – und dann ist ihre Stimme weg und nicht mehr zu erreichen. Die Antwort müssen wir wohl in ihren Liedern suchen.

Info: Fr 6.9., 18.45 Uhr, Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte, VVK ab 47,95 €