Lesefrucht-Theater

Die Stunde der Hochstapler

Alexander Eisenach enttäuscht am Berliner Ensemble

Gelehrsamkeitsübung: Cynthia Micas als Prophetin, Marc Oliver Schulze als Steinzeitmensch – Foto: Matthias Horn

„Glauben Sie eigentlich an Wunder“, fragt Cordelia Wege einmal an diesem Abend. Und ja, möchte man ihr zurufen, an sich schon. Sonst wären wir nach dem vergurkten ­„Felix Krull“ zum BE-Spielzeitauftakt kaum wieder ins Berliner ­Ensemble gekommen, um zu schauen, wie Alexander Eisenach den Stoff-Komplex des „Krull“ ein zweites Mal angeht und seine „Stunde der Hochstapler“ präsentiert. Dieses Mal als Regisseur und Autor in Personalunion. Und wenn Spieler wie Wege oder Peter Moltzen dabei sind, die noch jeden Theaterabend retten können, dann ist der Wunderglaube auch nicht grundlos.

Aber denkste. Eisenach plustert sich in seiner plot- und spannungsfreien Gelehrsamkeitsübung erkenntnistheo­retisch auf, lässt in fadem Fachwortgeklingel über Lüge und Ich-Werdung schwadronieren, streift Yuval Noah Hararis „kurze Geschichte der Menschheit“ und die Zukunft des Menschen im Cyberspace und hat überhaupt viel gelesen. Was wir bewundern! Nach 70 deklamationsfreudigen Minu­ten gibt es zum Schein eine Applausordnung.

Hätte Intendant Oliver Reese, der, wie man bei Stephanie van Batums „Pussy“ erleben konnte, ja sogar zum Absetzen von Premieren bereit ist, dort nicht sagen können: Ist gut, ­Leute, reicht, alles drin. Aber nein, es geht noch dreißig Minuten weiter. Und der Glaube ans Wunder weicht einer tiefen existenziellen Verwunderung. CHRISTIAN RAKOW

17., 18., 24. + 25.1., 20 Uhr, 19.1., 18 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Alexander Eisenach; mit Cynthia Micas, Wolfgang Michael, Peter Moltzen, Marc Oliver Schulze, Cordelia Wege. Eintritt 13–24, erm. 9 €