Berlin

Die Vereinbarkeitslüge

Wir wollten alles anders machen, und jetzt stecken wir in der Falle. Job und Familie sind immer noch kaum zu vereinbaren. Was sich wirklich ändern muss

Bis vor zwei Jahren hatte sie, die wir mal Alexan­dra Dewan nennen, einen verantwortungsvollen Job als Projektmanagerin in der Verwaltungsabteilung ­­einer großen Berliner Gesundheits­einrichtung. Sie betreute wissenschaftliche Publikationen, kümmerte sich um die Außendarstellung der Abteilung und koordinierte internationale Projekte. Heute sitzt die 42-Jährige neben einer Krankenschwester, misst Blutdruck bei Patienten und trägt die Werte in eine Datenbank ein. Wie kommt es, dass eine Frau mit langjähriger Berufserfahrung, akademisch gebildet und zweisprachig aufgewachsen, in einem Job landet, der weit unter ihrer Qualifikation liegt?

Ganz einfach: Dewan hat ein Kind bekommen. Nach ihrer einjährigen Babypause wollte sie zwar wieder zurück in ihren geliebten Job – aber nicht mehr Vollzeit. Doch dafür hatte ihre Chefin kein Verständnis. Wer soll die ganze Arbeit machen? Was, wenn das Kind krank wird? Unter 40 Stunden Wochenarbeitszeit könne man die Aufgaben in dieser Position nicht erfüllen. „Ich habe Konzepte unterbreitet, wie man alles gut bewältigen kann, etwa mit Home-Office und studentischen Aushilfskräften“, erzählt Dewan. Es half nichts, ihre Vorschläge stießen auf taube Ohren. Für ihre Stelle wurde jemand anderes eingestellt, Dewan landete auf dem Abstellgleis.

So wie Alexandra Dewan geht es vielen Frauen, die nach der Geburt ihres Kindes weniger arbeiten wollen: Kind da, Job weg. Die Geschichten, die man im Freundes- und Bekanntenkreis hört, ähneln sich. Auch hier in der Hauptstadt, auch im vermeintlich modernen und fortschrittlichen Berlin. Die Rückkehr in den Beruf ist für viele Frauen oft eine Enttäuschung, schreiben Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem Buch „Die Alles-ist-möglich-­Lüge: Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind“ (Pantheon Verlag, 2014). Halbe Arbeits­zeit wird gleichgesetzt mit halber Leistung, wer nicht permanent anwesend ist, macht keinen guten Job.


Nikita

Frauen arbeiten in Berlin mehr

In Berlin arbeiten 49,5 Prozent aller Mütter 32 Wochenstunden oder mehr. 31,3 Prozent haben Vollzeit-jobs, bundesweit sind es nur 18,1 Prozent. Bei den Männern ist das umgekehrt: 94,1 Prozent der Väter arbeiten in Deutschland 32 Stunden oder mehr, in Berlin nur 84,3 Prozent.

Kein Wunder also, dass die Geburtenraten seit Jahrzehnten gleichbleibend niedrig sind, kein Wunder, dass viele Frauen fürchten, als Mutter ins berufliche Abseits zu geraten. „Wer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen“, dieser Meinung sind heute mehr als die Hälfte aller jungen Frauen, wie eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) vor zwei Jahren herausfand. „Wir sind weit entfernt von einer Arbeitskultur, die honoriert, dass man sich Zeit für die Familie nehmen will“, sagt auch die Hamburger Karriereberaterin Jutta Schwarz, die berufstätige Mütter coacht. Viele Frauen seien total frustriert, weil die Unternehmen sie so schlecht unterstützen, erzählt sie. Und es sind beileibe nicht nur die Chefs, die Vorbehalte haben. Die bittere Erkenntnis berufstätiger Teilzeitmütter ist, dass sie auch von den Kollegen nicht mehr ernst genommen werden. Kommentare wie „Ach, du gehst schon?“ oder „Ich hätte auch gern immer nachmittags frei“ sind da noch harmlos.

Was ist bloß los in diesem Land? Die Gleichberechtigung ist in aller Munde, jeder will sie, jeder findet sie toll. Sobald aber Paare Kinder bekommen, öffnet sich in Deutschland offenbar eine große Tür, auf der steht: „Alte Rollenmodelle bitte hier entlang.“ Und mit jedem weiteren Kind steigt statistisch gesehen die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter zugunsten der Kinder pausiert, zurücksteckt, auf halbtags runterfährt oder ganz aufhört, während der Vater noch mehr arbeitet, beruflich weiterkommt, die Ernährer­rolle übernimmt. Am Ende der Reise stehen – überspitzt gesagt – männliche Führungskräfte und weibliche Depressionen. Waren wir nicht mal anders angetreten, wollten wir dieses Familiending nicht zusammen durchziehen?

Der Mythos der deutschen Mutter

Wer nach den Gründen sucht, warum sich so wenig tut im reichen Wirtschaftswunder-Deutschland, der kann wahlweise nach innen oder nach außen gucken, kann psychologisch oder politisch argumentieren. Innen: Da wäre der starke Beschleunigungs- und Leistungsdruck, der eine extreme Verunsicherung ausgelöst hat. Verträge sind befristet, der Wettbewerb ist unerbittlich, Existenzen werden schnell prekär. Das führt dazu, dass man sich wieder in sichere Rollenmuster begibt. Verborgene Mütterlichkeits­ideale, die schon die Wissenschaftlerin Barbara Vinken vor vielen Jahren in dem Buch „Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos“ eindringlich beschrieben hat, tun ihr Übriges. Frauen wollen arbeiten, aber sie wollen eben auch mit den Kindern alles richtig machen, heile Welten zu Hause schaffen, warme Nester, mit viel Fürsorge und Zuwendung. Das geht offenbar nicht ohne Selbstauf­opferung, also: auf Kosten der eigenen Persönlichkeit und der eigenen beruflichen Ambitionen. Auf die Plätze, fertig, Glucke. Mittlerweile hat die Soziologie dafür den englischen Begriff „maternal gate­keeping“ erfunden. Es bezeichnet das Phänomen, dass Frauen nach der Familiengründung zu Hause das Zepter in die Hand nehmen und es dann nur schwer loslassen können.

Jetzt jammern auch die Männer

„Wir vergessen oft, wie stark hierzulande die Traditionen wirken“, sagt Karrierecoach Schwarz. Die Erwartungen an die Mütter seien immer noch sehr konservativ, insbesondere in den alten Bundesländern. „In Städten wie in München oder Hamburg wird man oft noch schräg angeguckt, wenn man sein Kind mit einem Jahr in die Kita gibt.“ Das ist in Berlin anders, nicht nur wegen der gut ausgebauten Betreuungsinfrastruktur, sondern auch durch die vielen jungen Paare, die anders leben wollen, als sie es aus den Reihenhäusern und Vororten ihrer Kindheit kennen. Andererseits: Wirklich Halbe-Halbe ­machen im Alltag dann aber doch die wenigsten, eher 80:20, 70:30 oder 60:40.


Mehr Väter in Teilzeit

In Deutschland arbeiten 315.000 Väter in Teilzeit, das sind gerade mal 4,8 Prozent. In Berlin immerhin schon 13,2 Prozent. Bei den Müttern sind in Berlin 34,8 Prozent in Teilzeit beschäftigt, deutschlandweit über 42 Prozent.

Mehr Elternzeit

Berliner Väter nehmen mehr Elternzeit: 3,9 Monate sind es im Schnitt, bundesweit 3,1 Monate.

Mehr Betreuung

62 Prozent aller Kinder in Deutschland sind im Kindergarten, in Berlin sind es 68 Prozent.

Stefanie Lohaus und Tobias Scholz wollten sich damit nicht zufrieden­geben. Schon zu Beginn der Schwangerschaft stand für das Berliner Paar fest, dass sie Kinderbetreuung, Haushalt und Erwerbs­tätigkeit strikt nach dem 50:50-Prinzip aufteilen wollen. Und wenn dafür die Stunden am Schreib­tisch und die Stunden am Herd akribisch abgezählt werden müssen. Wie das im Alltag mit einem Neugeborenen aussah, mit welchen Selbst­zweifeln und Querelen, aber auch mit welchen Glücks- und Erfolgs­erlebnissen ihr Experiment verbunden war, haben sie in dem unterhaltsamen Buch „Papa kann auch stillen. Wie Paare Kind, Job & Abwasch unter einen Hut bekommen“ (Goldmann Verlag, 2015) aufgeschrieben. Herausgekommen sind kluge, manchmal auch nachdenkliche Selbst­bekenntnisse, die vor keiner Windel und keiner Kloschlüssel halt­machen – gerade deswegen macht das Buch Mut und gute Laune.

Ganz anders liest sich eine andere Neuerscheinung dieses Frühlings, das Buch der zwei „Zeit“-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing. „Geht alles gar nicht“ heißt es und der Tenor wird schon im Untertitel deutlich: „Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können“ (Rowohlt Verlag, 2015). Ausnahmsweise steht nicht die weibliche Perspektive im Vordergrund, sondern die von Vätern, die sich mehr Vereinbarkeit wünschen, im Alltag aber regelmäßig scheitern. Viele Männer seien beruflich der­art am Limit, dass sie auch am Wochen­ende nicht abschalten können, ständig müde, ge­nervt und überarbeitet sind, Streit mit ihren Partnerinnen haben, sich nicht auf die Kinder einlassen können. Es ist ein Bild des Jammers, das die beiden Autoren zeichnen. Und einen Ausweg haben sie nicht anzubieten. Stattdessen werden ausgerechnet erschöpfte Karriere-Mütter zitiert, die sich zurück in die Hausfrauenrolle wünschen, und eine Ex-Ministerin, die es bereut, einen Kitaeingewöhnungs­tag ihres Kindes verpasst zu haben. Auch wenn sie wortreich das Gegenteil beteuern, scheint bei Brost und Wefing zwischen den Zeilen immer wieder ein angestaubtes westdeutsches 1970er-Weltbild durch.

Die leidige Präsenzkultur

Die beiden Journalisten befinden sich damit in bes­ter konservativer Gesellschaft: Als Familien­ministerin Manuela Schwesig letztes Jahr den Vorschlag einer steuerfinanzierten 32-Stunden-Woche ins Spiel brachte, gab es Kritik und starken Gegen­wind – nicht nur aus der Wirtschaft, auch aus dem Kanzleramt. Dabei belegen Studien, dass Frauen gerne mehr und Männer gerne weniger arbeiten würden. Als ideal gilt eine Arbeitszeit, die sich bei etwa 32 Stunden pro Woche einpendelt und die es beiden Eltern ermöglicht, sich auch noch um die Kinder zu kümmern. Aber Deutschland setzt immer noch auf Vollzeit – und die wird definiert als 40 plus 10.  Dazu kommt, dass viele Unternehmen verbissen auf ihrer Präsenzkultur beharren.


Thema Alleinerziehende

In 32 Prozent aller Berliner Haushalte mit Kind lebt nur ein Elternteil. Bundesweit sind es nur 20 Prozent.
Von den 94.000 weiblichen Alleinerziehenden arbeiten zwei Drittel, die Hälfte davon Vollzeit. Alleinverdienende Frauen verdienen in Berlin mit 1.350 Euro netto mehr als der Bundesschnitt und mehr als alleinverdienende Väter, die durchschnittlich ein Nettoeinkommen von 1.200 Euro haben. Das traditionelle Modell – Vater und Mutter in Ehe mit mindestens einem Kind – trifft in Berlin nur noch auf 51 Prozent aller Familien zu.

Ist das ein Überbleibsel des viel zitierten protestantischen Arbeits­ethos oder sitzen immer noch zu viele konservative Patriarchen auf dem Chefsessel? „Wir dürfen bei dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht vergessen, dass wir alle noch Pioniere sind – auch die Väter“, sagt Beraterin Schwarz. Es bleibt viel zu tun, bis die äußeren Bedingungen so ideal und ermutigend sind, dass nicht jedes Paar das Gefühl hat, es müsse den ewigen Vereinbarkeits­kampf immer wieder alleine und von vorne führen. Wir müssen endlich hin zu flexiblen Arbeitsmodellen, fordern deshalb Autorinnen wie Garsoffky und Sembach. Die so gestrickt sind, dass man bei Reduktion der Arbeitszeit die Quantität der Aufgaben reduziert, nicht die Qualität. Die es ermög­lichen, flexibel zwischen Teil- und Vollzeit zu wechseln, immer dann, wenn es gerade notwendig ist: Wenn die Kinder ganz klein sind, wenn sie eingeschult werden oder später, wenn es Pflegefälle in der Familie gibt. Lebensphasen­orientierte Personal­politik nennt man das im Fachjargon. Und bitte mit eingebauten Karrierechancen – trotz Vier-Tage-­Woche.

In Schweden sind Überstunden uncool

Doch keine politische Partei scheint einen solchen fundamentalen Strukturwandel – und den damit verbundenen öffentlichen Gegenwind – riskieren zu wollen. Stattdessen wird seit Jahrzehnten nach dem Prinzip Gießkanne planlos und widersprüchlich Geld verteilt. Kinderfreibeträge und Kindergeld kommen hauptsächlich der Mittelschicht zugute, das Ehegattensplitting begünstigt materiell und psychologisch die Alleinverdiener-Ehe, der Kita­ausbau verläuft schleppend, die Hortbetreuung ist oft nicht mehr als eine Kinderaufbewahrung. Es gibt Eltern­geld, das Frauen nach einem Jahr zurück in den Beruf locken soll, aber auch die Herdprämie, die alle belohnt, die dann doch keinen Kitaplatz in Anspruch nehmen. Und es gibt eben auch immer noch  quer durch alle Branchen viele unfaire und unwillige Arbeitgeber, die nicht bereit sind, Vätern Elternzeit zu gewähren oder Frauen nach der Geburt Teilzeit auf ihre früheren Positionen zurückkehren zu lassen.

Andere Länder sind da schon weiter, auch weil sie viele Jahrzehnte früher mit dem selbst verordneten Mentalitäts­wandel angefangen haben: In Schweden oder Dänemark etwa gibt es keine Team-Besprechung nach 16.30 Uhr, weil es normal ist, dass ­Väter und Mütter ihre Kinder vom Kindergarten abholen. Wer Freitagabend Überstunden schrubbt, anstatt mit seiner Familie beim Abendbrot zu sitzen, gilt als uncool. Bis sich das hierzulande ändert, müssen Frauen und auch Männer weiter unbequem bleiben, auf ihre Rechte pochen, lautstark Forderungen stellen. Das bedeutet auch, Konfrontationen und Konflikte auszuhalten – was wiederum Frauen im beruflichen Kontext oft schwerfällt.

Alexandra Dewan verhandelt gerade das x-te Mal mit ihrer Chefin – bis jetzt noch ohne Ergebnis, sagt sie. Am Telefon klingt sie müde. Sie hat ein An­gebot von einer internationalen Firma bekommen. Dort hätte man keine Bedenken, ihr als Mutter Verantwortung zu übertragen. Sie überlegt noch, ob sie annehmen soll. „Die Deutschen verändern sich sehr langsam“, sagt Karrierecoach Jutta Schwarz. „Aber wenn sie es machen, machen sie es gründlich. Das gibt mir Hoffnung. Auf Dauer gibt es keinen Weg zurück.“


Text: Ulrike Schattenmann und Astrid Herbold, Fotos: Saskia Uppenkamp