Was mich beschäftigt:

Die Volksbühne

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Wenn doch, dann langweile ich mich. Es erreicht mich nicht, ich finde keinen Zugang zur Bühnen­ästhetik, zum Stoff, zum Schauspiel. Vielleicht fehlt mir die Geduld oder das Wissen oder irgendetwas anderes. Es ist ein Mangel, dessen bin ich mir bewusst und bitte die Theatergötter um Gnade. Meine dahingehende Ignoranz strafen die Kollegen Theaterkritiker mit Mitleid und Verachtung. Damit muss ich leben, aber man muss nun mal mit dem für Kultur vorgesehenem Zeitpensum gut haushalten, selbst als Stadtmagazinredakteur. Denn es gibt schließlich noch Musik, Kunst, Literatur, Serien und Filme und sowas.

Nennen Sie mich also ruhig Theaterignorant. Dass ich als solcher aber in den letzten fünfzehn Jahren eine innige Liebe zur Volksbühne entwickelt habe, will da schon was heißen. Für mich persönlich, meine ich, nicht unbedingt für die Volksbühne. Aber es spricht doch für sie und das Konzept der Leute dahinter, allen voran Frank Castorf, der nun gehen muss, der Anlass, zu dem ich diesen Text verfasse. Auf die Debatte rund um seinen umstrittenen Nachfolger Dercon will ich mich aber nicht einlassen, das sollen dann doch lieber die Kollegen machen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Foto: Friedhelm Teicke

Mich interessiert das Phänomen. Die Volksbühne hat es geschafft, selbst dem am Theater leidlich Interessierten einen Referenzraum zu geben. Sie erlaubte mir, mich mit dem Haus zu identifizieren, ohne die ganzen Stücke von Pollesch, Fritsch, Castorf und so weiter gesehen, verstanden oder diskutiert zu haben, ohne in der Kantine abzustürzen oder zum „Umfeld“ zu gehören. Das Logo, die Plakate, die Schrift, die T-Shirts und Streichholzschachteln, die Architektur und die Lampen im Roten Salon – das alles vermengte sich für mich zu einem Kultur­organismus, der so anders war als andere in dieser an Kultur mehr als satten Stadt. Vermutlich ließe sich das mit viel Theorie, dem Hinweis auf Ost/West, den herausragenden Leistungen Castorfs, des Bühnenbildners Bert Neumann und den ganzen Irren, die da so gewirkt haben (Schlingensief, Kresnik, Meese), erklären.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Gewissensfragen. Dieses Mal: Redakteur Jacek Slaski
Foto: Harry Schnittger

Aber Theorie beiseite. Meine Liebe zur Volksbühne war eine Projektion, das Theater hat mich nicht interessiert, die Aura schon. Jener Glanz, der von der Diskursbude ausging und der alles, was in ihrem Inneren vorging, erstrahlen ließ. Denn Gast in der Volksbühne war ich oft. Das Musikprogramm war seinerzeit bahnbrechend, heute ist es immer noch gut. Das Theater bot dem interessantesten Krach, dem zartesten Gesang und dem queersten Beat Platz. Kluge Menschen kamen und diskutierten, debattierten. Dichter lasen, Filmfestivals und Plattenlabels feierten Partys. Hier ging alles, von Berliner Slampoeten und japanischem Extremnoise bis Slavoj Žižek und zurück zu Edward Snowden und John Waters.

Das habe ich verstanden, das habe ich geliebt, das hat mir Theaterdeppen das Herz fürs Theater geöffnet, denn ich wusste, dass all diese Leute auch woanders hätten auftreten können, aber dann wäre es trotzdem etwas anderes. Der besondere Glanz würde fehlen, jener Sound eines Hauses, der osmotisch in alles hineindrang. Das war die Volksbühnenmagie. Was auch immer nun kommen mag, es wird etwas ganz anderes sein.

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