Tourismus

Die Welt zu Gast bei Nörglern

Berlin streitet um ein Tourismuskonzept, das Partytouristen und Anwohnern vereint. Wir hätten da mal ein paar Vorschläge

Die TourismusHauptstadt

  • 480.000 Besucher sind an einem Durchschnittstag in Berlin Sie bleiben im Schnitt 2,3 Tage
  • Eine Nacht im Hotel kostet im Schnitt 89 Euro, in Barcelona 124 Euro, in New York 191 Euro
  • 51,10 Euro gibt ein Tourist durchschnittlich jeden Tag aus. Der Tourismus erwirtschaftet pro Jahr neun Milliarden Euro
  • Die meisten Übernachtungen hat Mitte: 6,46 Millionen pro Jahr,  Friedrichshain-Kreuzberg 2,4 Millionen. Letzter Bezirk ist Marzahn-Hellersdorf: 156.000 Übernachtungen

Ein Gespenst geht um: das Gespenst des bösen Touristen. „Heute Journal“ und „Tagesthemen“ zeigen Anwohner, die das Ende von Kreuzberg kommen sehen. Die Grünen laden zur Diskussionsveranstaltung „Hilfe, die Touris kommen“. Und an den Ampeln kleben Aufkleber mit dem Symbol: „Berlin doesn’t love you“. Touristen sind die neuen Schwaben, so scheint es.

Eines ist klar: Berlin braucht Touristen, die gut situierten Opernbesucher wie die jungen Spanier. Berlin ist eine Stadt von Zugezogenen, von Besuchern, die geblieben sind. Und die Stadt braucht das Geld: Die Zahl der Übernachtungen stieg zwischen 1993 und 2010 von 7,5 auf über 20 Millionen pro Jahr. Allein dem Gastgewerbe bringt der Tourismus im Jahr 3,85 Milliarden Euro ein.

Viele meinen deswegen, Berlin sollte die Tore weit auf machen. Wen der Lärm an der Admiralbrücke oder in seinem Hinterhof stört, solle doch einfach aufs Land ziehen! Doch so leicht ist das nicht. Berlin ist schließlich auch Wohnraum. Und muss wirklich jeder damit rechnen, dass aus seinem ruhigen Kiez ein Lonely-Planet-Tipp wird? Die dezentrale Kiezkultur ist Fluch und Segen zugleich. Es gibt kein klassisches Amüsierviertel, sondern mehrere, die auch noch wechseln. Clubs verstecken sich in Hinterhöfen, eine Sperrstunde ist selbst für die CDU unvorstellbar. Kreuzberger Nächte sind nicht erst seit gestern lang. Touristen kommen genau deshalb nach Berlin, eigentlich eine vorbildliche Integration.

Viele aus der Subkultur, die sich sonst vom Mainstream abschotten, sehen im Tourismus eine Chance. Ehemalige Hausbesetzer betreiben Hostels, Clubgänger bieten Stadttouren an. Was fehlt, ist ein langfristiges Konzept. Hotels eröffnen, obwohl sie nicht gebraucht werden. Tausende kommen mit Billigfliegern, doch das Ende der 10-Euro-Flüge ist absehbar. Will Berlin die Partystadt Europas sein oder grünes Wellness-Zentrum? Wer profitiert vom Boom und wer hat die Folgen zu tragen? Welche Stellschrauben bleiben der Politik? Es sind zentrale Fragen, für die es mehr als eine Antwort gibt. Wir haben mal ein paar Szenarien durchgespielt.

Modell: „Anything goes“, Vorbild: Las Vegas

Im Grunde fehlt nicht mehr viel. Berlin hat schon jetzt den Ruf des „Ibiza des Nordens“. Nirgendwo sonst auf der Welt wird so lang und exzessiv gefeiert. Und fast hat es den Anschein, als hätte sich der Senat bereits inoffiziell auf das Modell „anything goes“ geeinigt. Also warum nicht offen dazu stehen? Die Stadt wird wie Las Vegas zu einer Sonderpartyzone erklärt. Schaffen wir die Nachtruhe ab und geben alle Drogen frei! In der Pilotphase könnte man dies auf Friedrichshain-Kreuzberg beschränken und den Bezirk international verständlich in „Party“ umbenennen. Der Werbeeffekt wäre gigantisch. Allerdings auch die Folgen. Als vorbildlicher Wissenschaftsstandort ließe sich Berlin dann nicht mehr vermarkten. Darüber hinaus bestünde die Gefahr, dass Investoren von der ausschweifenden Atmosphäre abgeschreckt werden. Und wo alles erlaubt ist, fühlt sich auch die organisierte Kriminalität wohl. Eine Stadt, in der die Mafia regiert, ist kein schöner Ort. Auch nicht für Touristen.

Modell: Billiger werden! Vorbild: Mallorca

Berlin könnte billiger werden, wenn die Stadt es will. Helgoland macht es vor, dort müssen keine Steuern bezahlt werden. Also: Subventionen  für Hotels und Gastronomie und ein Flughafen nur für Billig-Airlines. Die Pauschaltouris könnten Pakete buchen, etwa das „Berlin-All-Inclusive-Paket“. Ein rotes Bändchen für Trinken und Feiern am Wochenende: 99 Euro für Kreuzberg, inklusive Mitte 149 Euro. Die Pubcrawls waren erst der Anfang. Nur das Image wäre dahin. Berlin wäre endgültig Ballermann.

Modell: Teurer werden! Vorbild: London

Wenn die Briten einen drauf machen wollen, fliegen sie nach Berlin. Anfahrt, Übernachtung, Getränke und Eintritt sind immer noch günstiger als eine Partytour durch London. Will Berlin das Image der billigen Partymetropole loswerden, gibt es eigentlich nur eine Lösung: Die Stadt muss teurer werden! Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Bettensteuer wie in Köln oder eine City-Tax. Diskutiert wird derzeit eine Art Kurtaxe zwischen 1,50 Euro bis 2,30 Euro pro Nacht. Wobei dies den Billigtourismus nicht verhindert, da der Sparfuchs auf Privatunterkünfte ausweichen kann, oder die Nacht gleich ganz durchmacht. Also müssten Getränke und Eintrittspreise teurer werden, wie im Watergate, wo ein Bier bereits vier Euro kostet. Warum nicht acht Euro für das Bier und 30 Euro Eintritt nehmen? Als Ausgleich könnte man Saisonkarten einführen, wie in Skigebieten. Berliner würden dann weitaus weniger bezahlen. Gerecht ist das nicht, und ob die reichen Touristen wirklich die besseren Touristen sind, das darf ebenso bezweifelt werden, siehe Modell Quote.

Modell: Disneyland, Vorbild: Amsterdam

Berlin gilt als alternative Künstlerstadt, vergleichbar mit Amsterdam, wo kleine Kunstprojekte großzügig gefördert werden. Dennoch gibt es in Berlin immer wieder Streit. Streit um die Zukunft von Projekten wie dem Tacheles, Haus Schwarzenberg, dem RAW-Gelände. Einige führen sogar zu einem Volksbegehren, wie der Fall Bar 25 und Mediaspree zeigte. Touristen kommen nach Berlin, um diese kämpferische Alternativkultur zu sehen, nicht wegen der Bürohäuser. Daher könnte die Stadt langfristig ganz auf  alternative Projekte setzen und etwa leer stehende Gebäude kaufen und an Künstler vermieten. Allerdings könnte Berlin eine Art Disneyland der Alternativkultur werden, die Bewohner zu Austellungsobjekten. Aber das ist auch wieder langweilig! Denn gerade das Labile ist das Wesen der Off-Kultur. Kreativität kann man nicht konservieren, sie muss sich ständig neu erfinden.

Modell: Schützenfest, Vorbild: Rio de Janeiro

Rio de Janeiro hat seinen Karneval und München das Oktoberfest. Diese Städte konzentrieren das Feiern auf einen bestimmten Zeitraum, in dem der Ausnahmezustand herrscht. Anwohner und Geschäftsleute wissen, was ihnen blüht und fahren entweder in den Urlaub oder verdienen an den Besuchern. Das Fernsehen berichtet weltweit, das bringt einen positiven Effekt für das Image der Stadt. Ähnlich funktionieren Großereignisse wie die Olympischen Spiele oder eine Fußball-WM. Leider war die WM bereits und die Olympischen Spiele wollen nicht nach Berlin. Bliebe nur noch ein regelmäßiges Großereignis. Eines, das Tausende nach Berlin lockt und weltweit bekannt ist. Nur: Das letzte Großereignis war nicht gewünscht und konnte nicht gehalten werden. Es hieß Loveparade.

Modell: Alles öko! Vorbild: Nordseeinsel

Berlin ist nicht nur Party-, sondern auch Biostadt. Und sehr grün. Füchse fühlen sich am Potsdamer Platz heimisch, Wildschweine stöbern durch die Vorgärten. Also: Die Stadt als Lebensraum für Mensch und Tier. Ohne 30 Millionen Besucher im Jahr, ohne Flughafen Schönefeld und Autoverkehr in der Innenstadt. Stattdessen könnte man Grunewald in ein Naturschutzgebiet verwandeln,  die Spree renaturieren und Thermalquellen gibt es sicher auch irgendwo. Berlin wäre in wenigen Jahren ein viel lebenswerterer Ort, allerdings keine Stadt mehr.

Modell: Reservat, Vorbild: München

Müssen Touristen nachts marodierend durch die Straßen laufen? Können sich die Partykids nicht da austoben, wo es niemanden stört? Rund ums Berghain am Ostbahnhof sind Bau- und Großmärkte entstanden, die man zu Diskotheken umbauen könnte. Zudem wäre Platz für etliche Hostels drum herum. Sonderzüge würden die Betrunkenen am Sonntag zurück nach Schönefeld fahren. Der Feiertourismus wäre auf ein Gebiet beschränkt, die Stadt hätte ihre Ruhe. In München nennt sich das Modell Kultfabrik, früher Kunstpark Ost. Ein durchkommerzialisierter Ort, der ein wenig an die Berliner Diskothek Q-Dorf erinnert, aber mit 250.000 Besuchern im Monat viel größer ist. Cool sind solche Amüsierviertel nicht, eher abschreckend, wie das Beispiel Simon-Dach-Straße zeigt. Der Effekt wären noch mehr Ballermann-Touristen, während die kulturinteressierten Clubgänger in andere Städte fahren würden. Aber wohl immer noch besser als das Modell Singapur mit „Zero Tolerance“-Strategie.

Modell: Quote, Vorbild: Kitzbühel

Gibt es gute Touristen und schlechte Touristen? In Kitzbühel glaubte man das für einen kurzen Moment, und dachte etwas zu laut über die Einführung einer Russenquote nach. Reiche Russen machten sich in den Nobelhotels breit, das missfiel der Stammklientel. Diese beklagte sich über das ungehobelte Verhalten der neuen Gäste aus Osteuropa. Doch die Überlegungen über die Russenquote kamen nicht gut an. Sie wurde als fremdenfeindlich und diskriminierend abgelehnt, in Russland wurde extra eine Pressekonferenz abgehalten, die die angedachte Quote als absurde Idee verhöhnte. Christian Harisch, Direktor des Tourismusverbandes Kitzbühel, ruderte sogleich zurück und gestand einen „Kommunikations-Supergau“ ein. Die Moral der Geschichte: Ein guter Gastgeber heißt jeden Gast willkommen. Quoten kommen im Tourismus nicht gut an.

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