Berlin

Die Neudefinition der Arbeit

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit, das wird in Berlin vor lauter Straßenfesten und Antifa-Demonstrationen oft vergessen. Die Arbeiterklasse sitzt derweil mit Laptop und Latte -Macchiato in Straßencafés oder schlägt sich als Hartz IV-Aufstocker durch. Die Arbeitgeber spannen Endverbraucher ein, um unfertige Produkte weiterzuentwickeln und Personalkosten zu sparen. Schöne neue Arbeitswelt? Die Hauptstadt ist ein Labor der Postmoderne, zwischen Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung. Dafür gibt es viele neue Begriffe – und die alten werde neu definiert

Die Zukunft der Arbeit
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Arbeitgeber

Arbeitgeber
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Oben kommen Bohnen rein, unten frischer Kaffee raus. Bonaverde heißt die Kaffee-Röst-Mahl- und Brüh-Maschine, die gutes Kaffee-Handwerk für den Hausgebrauch erschwinglich machen will. Der Auftraggeber für das ambitionierte Berliner Projekt? Die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer! Auf den Crowdfunding-Plattformen Indiegogo, Kickstarter und Seedmatch sammelten die Erfinder fast zwei Millionen Euro ein. Immer mehr Gründer werben auf diese Weise beim Kunden um Geld, noch bevor das Produkt marktreif ist. Doch die Crowd ist kein entspannter Auftraggeber. Immer wieder müssen sich die Bonaverde-Erfinder für Lieferschwierigkeiten rechtfertigen.


Arbeitsplatz

Sie heißen betahaus, Weserland oder Agora Berlin. Über 100 Coworking-Spaces zählt der Senat derzeit in Berlin, was die Stadt zum bundesweiten Zentrum der Coworking-Bewegung macht. Selbständige, Startups und kleinere Unternehmen, die nicht nur alleine für sich arbeiten wollen, leben eine neue Kultur des Miteinanders. Sie haben das Konzept des Großraumbüros weiterentwickelt. Im Coworking-­Space arbeiten Menschen verschiedener Fachrichtungen nicht nur gesellig im selben Raum. Abends gibt es zudem Networking- und Weiterbildungs-Events, die den vorherigen Homeoffice-Arbeitern endlich zurückbringen, was im vergangenen Jahrhundert noch selbstverständlich war: den Flurfunk und die Gerüchteküche unter Arbeitskollegen.

Arbeitsplatz

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Arbeitszeit

Arbeitszeit
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Wir nennen es Arbeit“, heißt der Titel eines Buches, den die Berliner Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo bereits im Jahr 2006 verfasst haben. Darin preisen sie eine schöne neue Arbeitswelt, in der Job und Privatleben verschmelzen: Mit dem Laptop auf dem Schoß können vor allem Kreativschaffende cocktailschlürfend am Strand des Müggel- oder Wannsees so tun, als hätten sie ständig Freizeit, und dabei trotzdem Geld verdienen. Diese Work-Life-Balance fordert heute eine ganze Generation ein. Allerdings übersieht diese Generation Y dabei oft, dass ohne richtige Arbeitszeit auch das Privatleben zu kurz kommt. Nicht nur die Gewerkschaft verdi warnt vor einer schleichenden Selbstausbeutung, auch immer mehr Berliner wünschen sich mittlerweile vor allem eines: einen klar definierten Feierabend.


Einkommen

Einkommen

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Arm aber sexy ist nicht nur die Stadt Berlin, sondern auch ein Teil ihrer Einwohner. 105.000 Frauen und Männer müssen in der Hauptstadt Hartz IV als Aufstockung zu ihrem Lohn beantragen, obwohl sie einem geregelten Arbeitsverhältnis nachgehen. Im Internet gibt es Möglichkeiten zum Zuverdienst: Unter dem Titel „Clickworker“ nehmen auf Plattformen wie CrowdGuru fleißige Freiwillige für ein Minimalhonorar den Unternehmen lästige Aufgaben ab. Da werden auf dem Heimweg alle Bäume in einer Allee gezählt, von zuhause aus seitenlange Excel-Tabellen sortiert oder Lexikonartikel auf Rechtschreibfehler geprüft. Solche sogenannten „kreativen Herausforderungen“ sind nicht sexy, und oft so schlecht bezahlt, dass die IG Metall bereits einen Mindestlohn dafür fordert.


Flüchtlinge

Flüchtlinge
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Rund 70.000 Flüchtlinge kamen seit Anfang 2015 in Berlin an. Ende Februar fand in Neukölln eine gut besuchte Job-Messe für Refugees statt. An Orten wie dem ­Migration-Hub Berlin brainstormen findige Innovationsberater für und mit Flüchtlingen, welche Projekte den Neuankömmlingen helfen können. Und mit Hilfe von Mentoren-Programmen und speziellen Existenzgründer-Seminaren werden die Flüchtlinge bei der Gründung von eigenen kleinen Unternehmen beraten. Angst um ihre Arbeitsplätze müssen die Berlinerinnen und Berliner dabei nicht haben. Die Integration der Flüchtlinge stellt die Stadt vor so viele Herausforderungen, dass auch deutlich mehr Aufgaben vorhanden sind.


Bedingungsloses Grundeinkommen

Bedingungsloses Grundeinkommen
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Wenn zu wenig Arbeit da ist, damit alle Geld verdienen können – warum gibt man dann nicht jedem einen bestimmten Geldbetrag, einfach so, und lässt die Menschen mit ihrer Zeit machen, was sie wollen? Diese charmante Idee wird europaweit zu allererst in Finnland umgesetzt. Hierzulande sind es Berliner Aktivisten, die das Grundeinkommen über einen Umweg salonfähig machen und den Bürgerinnen und Bürgern damit mehr Freiheit schenken wollen. Mit Hilfe von Crowdfunding auf www.mein-grundeinkommen.de können sich Menschen mit kreativen Ideen bewerben. 39 Mal wurden bereits je 12.000 Euro ausgeschüttet, damit Einzelpersonen sich mehr Bio-Produkte leisten, Kinder großziehen oder durch eine Lebenskrise manövrieren können.


Lebenslauf

Man ist nicht mehr Informatiker oder Grafiker, sondern IT-Grafiker. In Zeiten gebrochener Lebensläufe und unzähliger Zusatzqualifikationen nehmen auch die Bindestriche in Jobbeschreibungen zu.

Lebenslauf
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Yoga-Joomla-Coaches, Design-Thinking-CEOs oder Social-Media-Education-Coaches drängen auf den Berliner Arbeitsmarkt. Wie soll man da noch den Überblick behalten? Manchmal hilft ein Blick ins Wörterbuch. Dann entpuppt sich ein Grassroot-Facilitation-Manager womöglich als ein Hausmeister. Das moderne Erwerbsleben endet dann oft nicht im Ruhestand, sondern als Silver Potential – hochqualifizierte Senioren werden gern lebenslänglich beschäftigt.


Permanent Beta

Permanent Beta
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„Chorei kaì oudèn ménei“, sagte schon Heraklit und meinte: Alles ist im Fluss, nichts ist fertig. Die permanente Beta-Version praktizieren vor allem Startups in Berlin, wenn sie unfertige Services oder Produkte auf den Markt werfen. Sie verlassen sich auf den aktiven Konsumenten, und verlangen von ihm, sie auf Fehler hinzuweisen. Passt irgendwie ziemlich gut zu Berlin.


Prosumer

ProsumerWarum lange an der Supermarktkasse Schlange stehen, wenn man auch selber scannen kann? Der Kunde kann alles besser. Wenn der Postbote das Paket nicht richtig zustellt, ist das kein Problem – der Kunde kann es ja an der Packstation abholen. Und Selbstbedienung ist nicht nur bei McDonald’s, sondern auch in gehobeneren Berliner Restaurants an der ­Tagesordnung. Bedeutet mehr Verantwortung für den Kunden mehr Spaß und mehr Konsumerlebnis? Wo der Kunde sich als kostenloser Mitarbeiter einspannen lässt, spart mitunter der Arbeitgeber einfach nur eine gehörige Portion Geld.


Shareconomy

Shareconomy

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Über 11.000 Wohneinheiten sind für Berlin in der Wohn-Tauschbörse ­AirBnB verzeichnet. Kaum zu glauben, dass die Mieterinnen und Mieter diese Wohnungen lediglich zum Tausch anbieten. Vielmehr hat sich in der Hauptstadt ein Geschäft rund um die Untervermietung von Zweit- und Drittwohnungen entwickelt. Was früher frei getauscht wurde, wird heute zum – möglichst steuerfreien – Geldmachen herangezogen. Share­conomy heißt das Phänomen, und via Internet kann man alles Mögliche temporär gegen Geld eintauschen: Eine Mitfahrgelegenheit, Kinderspielzeug, Werkzeug oder das eigene Fahrrad. So wird aus jeder Nachbarschaftshilfe ein kleiner Job und Arbeit durchdringt alle Bereiche.


StartUps

StartUps
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Unter den europäischen Metropolen gilt Berlin als die ­Startup-Hauptstadt. Spätestens seit Klaus Wowereit das kreative Potenzial Berlins erkannt hat, boomen nicht nur ­Elektro-Clubs, sondern auch Coworking-Spaces, Startup-Acceleratoren und Business-Angel-Beratungsstunden. Etwa ein Drittel aller deutschen Startups sitzt in Berlin – wobei eine Definition, was denn ein Startup ist, gar nicht existiert. Früher hätte man vielleicht „Unternehmensgründung im Mittelstand“ gesagt, was natürlich weniger fancy klingt. Und Fancyness wird in dieser Branche großgeschrieben: Die Büros sehen aus wie eine Mischung aus Neuköllner Hipster-Bar, Ikea und Spielplatz für Erwachsene. Explizite Arbeitszeiten gibt es nicht, weil man ja sowieso nie Feierabend hat, und natürlich darf der obligatorische ­Kickertisch nicht fehlen.

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