Die Freiheit des Feldes

Die Zukunft des Tempelhofer Feldes

Die Berliner haben Bauten auf dem Tempelhofer Feld verboten. Aber dürfen sie nun auch bei der Gestaltung der Fläche mitreden? Der Senat mauert, dabei gibt es interessante Ideen. Der Druck, die Bürger einzubinden, steigt.

Tarik Mustafa steht auf dem Stück vom Tempelhofer Feld, das mal seins war, und schwingt einen geknickten Pinsel, den er gerade gefunden hat. „Perfekt, um damit Visionen zu zeichnen“, sagt er. Der Mietvertrag von Mustafas Zwischennutzungs-Kunstprojekt Arche Metropolis wurde Ende 2013 gekündigt. Er hat nun sechs Monate lang aufgeräumt, 6.000 Schrauben aus den Holzkonstruktionen gezogen. Und er ist genau rechtzeitig fertig. Denn was das Tempelhofer Feld jetzt braucht, ist eine Vision.

Der Masterplan des Senats, Randbebauung um eine gestaltete Grünfläche, wurde Ende Mai gesprengt. 739.124 Berliner, 29,7 Prozent der Stimmberechtigten, haben ihr Kreuz bei den Naturfreunden der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld gesetzt. Doch anders als immer vom Senat behauptet, muss das nicht das Ende jeglicher Entwicklung sein, sondern es macht das Feld frei für ganz neue Experimente.
Doch das Veto vom Volk hat die Politik in Schockstarre versetzt. Alle zukünftigen Großprojekte sind nun gefährdet: Olympiabewerbung, 17. Abschnitt der A100, die x-te Flughafenkostenerweiterung – was ist, wenn die Bürger plötzlich „Nein“ sagen? Die Politik steht vor der Herausforderung, die Berliner bei künftigen Projekten einzubinden, nicht an ihnen vorbeizuplanen.

Die Sprecherin von Stadtentwicklungs­senator Michael Müller (SPD) sieht als vorrangige Forderung an ihr Ressort nun die „Erstellung eines Entwicklungs- und Pflegeplans mit Wiesenkataster“. Der Kontrast zu dem Tempo, das der Senat eben noch vorgelegt hat, ist offensichtlich. Noch während das Volksbegehren gegen die Bebauung lief, hat er die Pläne vorantreiben, ja sogar Bagger auffahren lassen.

Senator Müller und Wohnungsbaugesellschaften durchkämmen derzeit die übrige Stadt nach Neubauflächen, die Begeisterungsfähigkeit für das Feld scheint erlahmt. Weder Müller noch seine Staatssekretäre oder die Senatsbaudirektorin wollten zitty ihre weiteren Ideen für die Fläche mitteilen. Auch Christoph Schmidt, Geschäftsführer von Grün Berlin, Verwalter des Feldes, war erst nach wiederholter Nachfrage zum Gespräch bereit. Die für die Entwicklung des Geländes gegründete Firma Tempelhof Projekt GmbH zieht sich zurück und betreut nur noch das Flughafengebäude und das Rollfeld. Das Projekt ist episch gescheitert, die Verantwortlichen scheinen in Deckung zu gehen.

Nur einer zieht nicht den Kopf ein: Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der SPD im Abgeordnetenhaus, schon immer ein Freund der Bürgerinitiativen. Er hat sich sogar mal an eine Sporthalle angekettet, um ihren Abriss zu verhindern. Saleh lud die Oppositionsparteien, die Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld, Landessportbund, Gewerkschaften, BUND und weitere Gruppen ins Abgeordnetenhaus. „Ich möchte eine Diskussion mit der Stadtgesellschaft, wie Wachstum in der Stadt und Partizipation gestaltet werden können.

Die Mitsprache, die zu Recht eingefordert wird, muss aufrechterhalten werden“, sagte Saleh. Die Initiative für ein freies Feld und die Opposition verweigerten die Teilnahme. Begründung: Es sei vorab keine Gästeliste, keine Tagesordnung und kein Ziel zu erfahren gewesen. Mareike Witt von der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld sagt: „Wir wollten kein Gemauschel und uns nicht instrumentalisieren lassen.“

Wenige Tage später schlendert Saleh mit hochgekrempelten Ärmeln Apfel essend über das Feld. Er sagt zwischen zwei Bissen: „Die Stadt hat sich politisiert, das ist gut. Jetzt gilt es, aus den Fehlern zu lernen. Kompromisse muss man rechtzeitig finden. Sonst sind die Interessen irgendwann wie zwei Züge, die aufeinander zurasen. Da gibt es dann nur noch Schwarz oder Weiß.“

Saleh sucht nun das Gespräch mit den Fraktionsvorsitzenden der Opposition, um ein neues Gesprächsformat auszuhandeln. Er will gleich nach der Sommerpause weiter diskutieren, wie man in Berlin mehr Bürgerbeteiligung ermöglichen kann. Doch Saleh ist auch ein großer Freund der parlamentarischen Demokratie. Es geht ihm nicht darum, die Bürger entscheiden zu lassen, sondern sie zu befragen, ihre Exper­tise und ihre Ansichten in den Planungsprozess einfließen zu lassen.

Dauerhaft könnte er sich vorstellen, dazu den Ausschuss bürgerschaftliches Engagement im Abgeordnetenhaus besser auszustatten oder eine Enquete-Kommission zu gründen: Saleh sucht eine Plattform, um die Zukunft der Demokratie zu diskutieren, nicht die Zukunft des Feldes.

Die Visionen für die Freifläche findet man derzeit nicht in der Landesregierung, sondern in der außerparlamentarischen Opposition, unter der dreiviertel Million Berlinern, die den fantasielosen Plan des Senats abgewählt haben, bei Tarik Mustafa, keine 200 Meter von dort entfernt, wo Saleh gerade seinen Apfel isst, oder einmal die vollen zwei Kilometer quer über das Feld, auf einer Bank am Rand eines Gemeinschaftsgartens. Dort sitzt Mareike Witt und strahlt.

„Ich finde es immer noch unglaublich“, sagt die 33-Jährige und meint den Sieg ihrer Initiative beim Volksentscheid. „Der eröffnet unglaublich viele Möglichkeiten, jetzt kann das Feld demokratisch entwickelt werden, wir müssen uns den Stillstand nicht gefallen lassen.“
Das Gesetz sagt: „Um den Freizeitwert so wenig wie möglich zu mindern, sollen Begrenzungen der Verfügbarkeit, soweit es geht, vermieden werden.“

Verboten sind künftig Privatisierung, Gebäude, Camping, Aufschüttungen und Abgrabungen. Die Blindgänger, die im Zweiten Weltkrieg auf die Rüstungszentrale Tempelhof niedergingen, werden dem Gesetz nach für immer beerdigt bleiben. Explizit auf dem äußeren Wiesenring erlaubt sind: Freiluft-Sportflächen, Allmende-Gärten, Gedenkstätten, Sitzgelegenheiten, Tische, Mülltonnen, Klos, Duschen, Wasserspender, Laternen, Leitungen aller Art, Gastronomie, Bäume, mobile oder temporäre Bauten zur Freizeitnutzung.

So ein Bau ist die aus groben Holzbohlen gezimmerte Bank, auf der Witt sitzt. Witt und ihre Mitstreiter schoben sie im Rahmen ihrer Kampagne auf Longboards geschnallt über die ganze Fläche. Als mobiles Sitzangebot. Als Symbol, dass eben doch noch Gestaltung möglich ist. Die nächste Bank wollen sie im inneren Wiesenring aufstellen. Vielleicht einen Steinquader. Der ist auch mobil, zumindest wenn man einen Bagger hat, um ihn zu versetzen. Witt sieht sogar die Möglichkeit zu ganzen Wäldern auf dem Feld: „Man dürfte einfach nicht mehr mähen“, denn nur die Neupflanzung ist verboten. Teiche zur Versickerung von Regenwasser seien ebenfalls vom Gesetz gedeckt, die Grünen sehen das ebenso. Und auch das Bauverbot ist für Witt kein Problem. Eine Menge kleiner und kleinster Bauten steht noch aus Flughafenzeiten auf dem Feld herum. „Kita, Gastro, Tanzschule, da ist alles möglich“, sagt sie. Für den Außenring schlägt Witt Wasserspielplätze und Naturprojekte vor, „man könnte sogar einen Bungee-Turm aufstellen, wenn er nicht fest verankert wäre.“

Heiko Herberg, stadtentwicklungs­politischer Sprecher der Piraten im Abgeordnetenhaus, sieht Tipis, Feriencamps, Kletterturm oder Veranstaltungen wie das Deutsch-Amerikanische Volksfest, die Fan­meile oder das Guggenheim Lab, wenn er über die Fläche schaut.

Sogar der Biergarten, dessen hygienerechtlich nötiger Ausbau durch das Freiflächengesetz unmöglich geworden ist, hat wieder auf, mobile Grills und Bierstände versorgen die Besucher. Auf einer Leinwand läuft ein WM-Spiel der Deutschen. Das Gegröle weht bis zu den Gemeinschaftsgärten, an deren Rand Pirat Herberg auf einem Holz­sessel sitzt. Er sagt: „Die Berliner sind doch nicht so verschlossen, dass sie sagen, hier darf überhaupt nichts mehr passieren. Es geht darum, die Fläche nicht dauerhaft zu versiegeln, sie auch in der Zukunft noch als Potenzial zu haben. Aber temporäre Konzepte sind einige möglich.“
So wie die Pionierprojekte, die mal dafür gedacht waren, auszuloten, was auf dem Tempelhofer Feld möglich und gewünscht ist: Stadtgärten, Öko-Minigolf, Skatepark aus dem Schutt des Palasts der Republik. Sie sind vorerst gesichert. Nur die Arche Metropolis nicht, das Projekt von Tarik Mustafa, dem pinselnden Visionär. Sie musste Ende 2013 dem ersten Baufeld weichen, Grün Berlin lässt sie nun trotz Baustopp nicht zurück aufs Feld. Zu unbequem war wohl das Kollektiv, das ständig darauf pochte, mitzureden, und gelegent­lich sogar Technopartys veranstaltet hat. Wo einst das „Kunstprojekt für die Chancen und Entwicklungen der Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ stand, ist nun grüne Wiese. Doch das muss nicht so bleiben, wenn es nach Mustafa geht. Seine Vision ist eine Dauerausstellung für nachhaltige Entwicklung voll mit Werkhütten und Schaubuden von Start-ups, nachhaltigen Unternehmen, Uni-Fachbereichen. Ein unlimitierter Brainstorm mit IHK, Unis, Kunstszene und Schulen, mit dem Ziel, einen gemeinsamen Traum von einem guten Ort zu entwickeln. Es wäre eine stets versuchshafte Anordnung, deshalb sowieso nur auf Basis temporärer Bauten möglich, wie sie vom Volksentscheid vorgeschrieben werden. Es wäre eine Chance für Berlin, das damit zur Frontstadt der Nachhaltigkeit werden könnte.

Doch dazu müsste Mustafa sich gegen Grün Berlin durchsetzen. Visionär gegen Verwalter, Partymenschen gegen Ordnungshüter, Gedenkkultur auf dem ehemaligen Zwangsarbeiterlager gegen den Wunsch nach mehr Sportflächen: Die potenziellen Konflikte auf dem Tempelhofer Feld sind so zahlreich wie die Interessen. Noch kommen sie sich selten in die Quere, das Feld ist schließlich groß genug, doch jetzt, wo alles wieder offen ist, werden sich schnell Parteien finden, die Anspruch auf mehr Platz, mehr Zeit, mehr Aufbauten erheben. Und wie sollen deren Konflikte gelöst werden? Dem Gesetz nach entscheidet im Zweifelsfall der Eigentümer, de facto: Grün Berlin.

Grün Berlin ist eine senatseigene GmbH, die das Feld auch nach dem Entscheid weiter verwalten wird. Der Park ist keine öffentliche Fläche, sondern untersteht der Herrschaft von Christoph Schmidt, dem Geschäftsführer der Firma. Er und seine Untergebenen entscheiden darüber, welche Demonstrationen, welche Partys, welche sonstigen Nutzungen ihnen genehm sind und welche nicht. Sie sind die Herrscher über das Feld, der Zugriff des Senats ist begrenzt. Auch Transparenz ist kaum gegeben, die Firma muss keine Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz beantworten. Sie entscheidet, wann das Tor geschlossen wird und wer für welche Veranstaltung wie viel zahlt. Doch es gibt einige, die sich an einem Ort, wo so viele Interessen versammelt sind, ein demokratischeres Instrument der Willensfindung wünschen.

Beinahe hätte es die direkte Demokratie, die Volksherrschaft über das Feld, sogar in das nun abgesegnete Gesetz der Initiative geschafft. „Aber wie genau das funktionieren sollte, darüber haben wir uns fast zerstritten. Am Ende haben wir diesen Punkt nicht mit reingenommen“, sagt Mareike Witt. Es gibt zwar bereits Instrumente der Bürgerbeteiligung am Areal, doch sie sind zahnlos. Ein Nutzerbeirat wurde an Grün Berlin angedockt, er soll einen Querschnitt der Interessengruppen repräsentieren und darf Vorschläge machen. Mehr nicht.
Im Umfeld des Senats heißt es, dass dieser Beirat ausgebaut oder neu gegründet werden soll. Heiko Herberg von den Piraten sagt: „Grün Berlin sollte man vom Feld schmeißen und den Parkbeirat abschaffen, der ist eh eine Lachnummer.“ Am 3. Juli reicht seine Partei den Antrag ein, die Verwaltung der Fläche an eine Anstalt öffentlichen Rechts zu übertragen. Verwaltungsbeamte, die politisch kontrolliert werden können. Dazu soll ein demokratisch legitimierter Beirat kommen, der alle Beschlüsse und Protokolle veröffentlicht.

Der Druck, die Nutzer und Anwohner einzubeziehen, kommt von allen Oppositionsparteien. Antje Kapek, stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, sagt: „Nicht der Senat und kein stadtplanerischer Wettbewerb sollen die Zukunft des Feldes gestalten, sondern ein Beteiligungsverfahren.“ Katrin Lompscher, stellvertretende Vorsitzende der Linken im Abgeordnetenhaus, sagt: „Ich denke, dass schnell ein bürgerschaftliches Beteiligungsgremium etabliert werden sollte, das auch Entscheidungskompetenzen hat.“ Für den aktuellen Senat wäre es politischer Selbstmord, das Feld erneut von oben durchgestalten zu wollen, und auch die nächste Landesregierung wird sicher zunächst die Finger davon lassen. Das heißt, es gäbe ein gutes Jahrzehnt, um auf dem Tempelhofer Feld Demokratie zu üben.
Zum Beispiel mit dem Experiment, das die Piraten vorschlagen, der Erweiterung ihres Abgeordnetenhaus-Antrages. Es sieht temporäre Projekte auf dem Feld vor und ein Gremium aus allen Interessierten, das bestimmt, wer wann welchen Teil des Feldes nutzen darf. Jeder Interessierte bekommt einen gleichen virtuellen Anteil, den er einem Projekt seiner Wahl zuschlagen darf. Das bräuchte keine Mehrheit, sondern nur so viele Unterstützer wie Platz. Victor Aouizerat, 29, Pirat aus Neukölln, hat das Modell als Erster skizziert und mitentwickelt. „Das Grundproblem beim Volksentscheid war ja: Viele hätten gerne etwas anderes gewählt als Bebauung oder kahles Feld.“ Sein Modell gäbe jeder Idee eine Plattform. Und passt einem das gewählte Projekt nicht mehr, zieht man seinen Teil vom Feld einfach zurück. „So kann sich der Raum dynamisch entwickeln. Und die Nutzer lernen, Verantwortung für ihn zu übernehmen“, sagt Aouizerat. Weil die Entscheidungen jederzeit widerrufbar sind, dürften bei dem Experiment keine festen Bauten errichtet werden, es wäre ein Weg, den Bürgerwillen im Rahmen des Gesetzes aufs Feld zu bringen.

Aber ist dabei nicht Missbrauch Tür und Tor geöffnet? „Das Experiment ist aufs Feld beschränkt, damit ist es keine Gefahr für die Demokratie, aber es ist eine Chance­, sie lebendig zu erhalten“, sagt Aouizerat. Gerade gründet er den Verein Freies Feld, wo das Modell erprobt werden soll. Seinen eigenen Teil würde er symbolisch freihalten, als Raum für Visionen, als Möglichkeit, weiter über die Stadt von morgen nachzudenken.

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