Soziale Unterstützung

Die zweite Familie

Sie haben mitunter drogensüchtige Eltern, Verwahrlosung und oft schlimme Gewalt erlebt: Viele Kinder, die in Kinderdorffamilien leben, blicken auf eine traumatische Vergangenheit zurück. Doch ihre Zukunft birgt Hoffnungen. Der Verein Albert Schweitzer Kinderdorf Berlin hatte die Zitty eingeladen, den Alltag einer Berliner Kinderdorffamilie kennenzulernen

Die Johannisbeeren im Garten stehen in voller Frucht, es riecht nach frisch gemähter Wiese und Grillgut an diesem Julivormittag, aus dem Haus ist Kinderlachen zu hören.

Feste Strukturen geben Sicherheit: Gemeinsame Mahlzeiten sind bei der Kinderdorffamilie selbstverständlich, selbstgemachtes Gelee krönt das Frühstück
Foto: Stephanie von Becker

Im Wohnzimmer, dessen weit geöffnete Türen auf die Veranda hinausführen, sitzen Alina und der elfjährige John am Tisch. An der Wand hinter ihnen hängt eine Sammlung an Fotos. Darauf zu sehen: die Familie im Urlaub, am See, bei einer Tanzmeisterschaft. „Gelierzucker zur Marmeladenherstellung im Verhältnis zwei zu eins“ soll der Junge besorgen: Die Johannisbeeren aus dem Garten werden gleich Grundstoff für das Gelee sein. John steckt den Einkaufszettel in seinen Rucksack und macht sich auf den Weg zum Supermarkt. Lena baut indessen ihr kleines E-Piano auf dem Teppich auf, um ein neu erlerntes Stück zum Besten zu geben. Es sind Ferien, und in ein paar Tagen will die Familie in den Urlaub fahren.

John* (11), Lena* (8), Lilli* (13), Carolina* (10), Paula* (15) und die Eltern Jan (49) und Alina (48) – eine vielleicht etwas große, sonst aber ganz normale Berliner Familie? Nicht wirklich, denn Jan und Alina sind nicht die leiblichen Eltern der Kinder, sondern sogenannte Kinderdorfeltern beim Albert Schweitzer Kinderdorf Berlin e.V.

Die folgenreiche Entscheidung, „fremde“ Kinder bei sich aufzunehmen, trafen Jan und Alina vor sieben Jahren. Ihre volljährige Tochter hatte gerade das Elternhaus verlassen, um als Juristin Fuß zu fassen, auch der erwachsene Sohn Timo lebte nicht mehr bei ihnen. Alina vermisste den innigen Kontakt, den sie zu ihren Kindern hatte, als diese noch mit neugierigen Kleinkinderaugen die Welt entdeckten. „Ich wollte immer eine große Familie haben“, sagt Alina, die Mitte der 1990er-Jahre von Russland nach Deutschland gekommen war.

Die Heilpädagogin und ihr Lebenspartner, der in der Telekommunikationsbranche arbeitet, spielten mit dem Gedanken, noch zwei weitere Kinder zu bekommen – doch dann hörten sie vom Konzept der Kinderdörfer. Und entschieden sich für ihr „zweites Familienleben“, wie sie es nennen. „Meine leiblichen Kinder sind gut behütet aufgewachsen“, sagt Alina, „Streit gab es selten.“ Nun wollte sie Kindern, die dieses Privileg einer harmonischen Familie nicht kennen, ebenfalls eine Chance geben.

„Wir erkundigten uns zunächst bei den SOS Kinderdörfern“, erzählt Alina. „Doch die Vorstellung, dort hauptberuflich der Tätigkeit als Pflegeeltern nachzugehen, den Feierabend und die Wochenenden aber außerhalb der Kinderdorffamilie zu verbringen, überzeugte uns nicht. Wir wollten Familie leben, als Ganzes. Dann hörten wir von den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern.“

Insgesamt gibt es in der Hauptstadt 40 bis 50 sogenannte „familienanaloge Wohngruppen“, in denen jeweils sechs bis acht Kinder leben, betrieben von unterschiedlichen Trägern. Einer davon ist der Albert Schweitzer Kinderdorf Berlin e.V., der in Berlin mit 19 Kinderdorffamilien vertreten ist. Bezahlt werden die Plätze in den Familienwohngruppen vom Jugendamt, weitere finanzielle Unterstützung erhalten die Pflegefamilien über die Albert-Schweitzer-Stiftung, die Spenden einwirbt. Davon werden unter anderem auch die Immobilien finanziert, in denen die Familien leben. Erst 2005 wurde die Stiftung Albert Schweitzer Kinderdorf Berlin gegründet. Sie ist nicht nur Träger von Kinderdorffamilien, sondern auch von Kindertagesstätten, Familienzentren und Erziehungsstellen.

Dramatische Vorgeschichten

Die Plätze in den Kinderdorffamilien sind rar – der Bedarf sei weitaus höher als das Angebot, sagt Catharina Woitke vom Bundesverband der Albert Schweitzer Kinderdörfer und Familienwerke, „vor allem für sehr junge, kleine Kinder“. Bevor diese einen Platz in einer Familie vermittelt bekämen, verblieben sie in schwierigen Familiensituationen, in Krisenunterkünften, Kliniken und Erziehungsstellen. „Die meisten haben schon eine ziemliche Odyssee hinter sich, bis endlich eine Familie gefunden ist“, sagt Woitke. Deswegen dauerte es nach ihrer Entscheidung nicht lange, bis Alina und Jan Familienzuwachs bekamen – sie erfüllten alle Voraussetzungen, die sie für den Start als Pflegeeltern benötigten.

Zu den Voraussetzungen gehört laut des Verbands eine „tragfähige und stabile Partnerschaft“, außerdem sollte die sogenannte Hausleitung, wie die Kinderdorfmutter oder der -vater bezeichnet werden, eine Ausbildung zum Erzieher beziehungsweise zur Erzieherin haben und bereits mindestens zwei bis drei Jahre in diesem Beruf tätig gewesen sein. Dieser Elternteil wird dann in Vollzeit als Hausleitung angestellt. Der andere Elternteil, auch das wird erwartet und in der Regel über einen Ehrenamtsvertrag geregelt, engagiert sich zusätzlich zu seiner anderweitigen hauptberuflichen Tätigkeit ebenfalls in der Familie. „Wir sind für diesen Einsatz sehr dankbar“, sagt Catharina Woitke.

»Die Kinder haben oft schon einen langen Weg hinter sich: Notunterkünfte, Wohngruppen, Kinderheime«

Ulrike Seifart

Mit der Zusage, als Familiendorfeltern angenommen zu sein, durften Alina und Jan ein 400-Quadratmeter-Haus in Berlins Norden in direkter Nachbarschaft zu zwei weiteren Kinderdorffamilien beziehen. Zur Verfügung gestellt wurde die Behausung durch die Albert Schweitzer Stiftung. Im August 2012 kam dann das erste Geschwisterpaar, da war die Renovierung des Hauses, gerade abgeschlossen. Drei weitere Kinder folgten, die alle im Alter von wenigen Monaten bis zu acht Jahren waren.

Die Familie ist bunt: Carolina und Lena sind Kinder polnischer Sinti. Johns Vater stammt aus Nigeria. Und Paula und Lilli sind Deutsch-Russinnen. „Das Kinderdorf ist meist die letzte Station für die Kinder“, so Ulrike Seifart, ebenfalls vom Bundesverband der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke, „sie haben oft schon einen langen Weg hinter sich: unterschiedliche Notunterkünfte, Wohngruppen, Kinderheime. Die Kinderdorffamilie kommt dem Leben in einer ,echten Familie‘ noch am nächsten, deswegen sind wir glücklich, wenn sich ein Platz in einer Kinderdorffamilie für ein Kind findet.“ Denn hier können die oft stark traumatisierten Kinder eine Heimat finden, bis sie volljährig sind.

Die Kinder kamen mit den unterschiedlichsten, teilweise dramatischen Vorgeschichten zu Alina und Jan. Schicksale, die so schmerzen, dass niemand aus der Familie sie veröffentlicht sehen möchte. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) oder Fetale Alkoholspektrum-Störungen, englisch: Fetal Alcohol Spectrum Disorders (FASD) – eine Entwicklungsschädigung durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft –, sowie Depressionen und Bindungsstörungen kommen in Kinderdorffamilien zudem häufig erschwerend hinzu. „Deswegen ist mein heilpädagogischer Hintergrund sehr hilfreich“, sagt Alina.

Laut der Bundesagentur für Arbeit gehört zu den Aufgaben von Heilpädagog*innen „Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten beziehungsweise Verhaltensstörungen oder mit geistigen, psychischen, körperlichen und sprachlichen Beeinträchtigungen sowie deren Umfeld durch den Einsatz entsprechender pädagogisch-therapeutischer Angebote zu helfen“, wie es bei der Berufsbeschreibung heißt. Und: „Die betreuten Personen sollen … lernen, Beziehungen aufzunehmen und verantwortlich zu handeln, Aufgaben zu übernehmen und dabei Sinn und Wert erfahren.“ Außerdem „diagnostizieren Heilpädagogen vorliegende Probleme und Störungen, aber auch vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten der zu betreuenden Personen, und erstellen individuelle Förder- und Behandlungspläne“.

Dass Alina ein Typ Mensch ist, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt, kommt „ihren“ Kindern zusätzlich zugute. Genauso wie Alinas große Empathie. Wenn sie über die familiären Hintergründe einiger ihrer Kinder spricht, treten ihr immer wieder Tränen in die sonst so leuchtend blauen Augen.

Zu ihren leiblichen Eltern haben die Kinder aus den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern in den meisten Fällen Kontakt. Sofern diese zu einem Kontakt fähig – oder noch am Leben sind. Auf dem Plan steht, dass die Kinder ihre leiblichen Eltern zum Beispiel am Wochenende oder an freien Tagen besuchen, denn die Rückführung in die Ursprungsfamilie sei prinzipiell das Ziel, so Ulrike Seifart. In der Realität jedoch existieren in den Herkunftsfamilien mit Suchtproblematiken oder häuslicher Gewalt teilweise derart massive Probleme, dass regelmäßige Besuche nicht umsetzbar sind. Viele Kinder, so Seifart, blieben bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei ihren Kinderdorfeltern.

Ganz alleine betreuen Kinderdorfeltern ihre Schützlinge ohnehin nicht: Neben einer Haushaltshilfe wird die Familie unter der Woche auch von zwei Erzieherinnen unterstützt, die bei der Hausaufgabenbetreuung helfen, Fahrdienste übernehmen sowie an den freien Tagen der Kinderdorfeltern sowie in deren Urlaubszeit einspringen. Außerdem werden die Kinder in der Regel zwei Mal wöchentlich von Therapeuten besucht. Und Supervisoren stehen bei Krisen, Sorgen und Alltagsproblemen mit Rat und Tat zur Seite.

Denn auch Konflikte, genauso wie Wutausbrüche der Kinder, gehören zur Tagesordnung. Wobei die Heilpädagogin Alina so schnell nichts aus der Reserve bringt: „Strafen gibt es hier nicht“, sagt sie. „Es darf gestritten werden, alle Gefühle sind erlaubt. Nur beleidigen oder hauen, das geht natürlich nicht“, lautet die Maxime der Heilpädagogin. „Ich stärke meinen Kindern den Rücken. Sie wissen, dass ich sie lieb habe, egal was sie tun. Und wenn sie etwas falsch machen, dann ist das auch meine Verantwortung. Dann stehe ich dafür ein.“ Ein Erziehungsprinzip mit Wirkung: Bei jeder sich ergebenden Gelegenheit wird Alina von den Kindern umarmt und geknuddelt, der Umgang im Haus ist freundlich und respektvoll.

Kein Beruf, sondern Berufung

Einige der Kinder nennen Alina „Mama“ und Jan „Papa“, alle haben eine sehr enge Bindung zu ihren Kinderdorfeltern. Entsprechend mögen Jan und Alina das Wort „Pflegeltern“ nicht besonders. So, als stünden „ihren“ Kindern Carolina, Lena, John, Paula oder Lilli nur Eltern zweiter Klasse zu. „Es ist eine Berufung“, erklärt Alina, warum sie soviel Nähe zulässt und ihre Tätigkeit als Kinderdorfmutter eben nicht nur als „Beruf“ begreift.

Das Wochenpensum gut im Blick: Die unterschiedlichen Schulen und Hobbys erfordern eine durchdachte Logistik
Foto: Stephanie von Becker

Eine Einstellung, die ihr offensichtlich die Kraft gibt, den logistischen Aufwand, den die Organisation einer Großfamilie verlangt, zu wuppen. Unterschiedliche Hobbys der Kinder müssen koordiniert werden, Lena etwa ist leidenschaftliche Tänzerin und auf Wettbewerben unterwegs. Aber auch Schulausflüge, Hausaufgaben, Verabredungen mit Freunden, Großeinkäufe, die Mahlzeiten, Krankheiten, Urlaube und Ausflüge wollen gut geplant sein. Immerhin: Die unterschiedlichen Schulen, die die Kids besuchen, sind fußläufig zu erreichen. Ein von der Familie erstellter Wochenplan verschafft einen Überblick über das Tagesgeschehen, außerhalb der Ferien gibt es feste Zeiten für das Aufstehen, gemeinsame Mahlzeiten und eine klare Aufgabenverteilung im Haushalt.

Während der Ferien jedoch ist der Alltag der Familie weniger durchgeplant. Alle schlafen aus, gehen gemeinsam ins Schwimmbad und sitzen bei ausgiebigen Mahlzeiten zusammen. Oder kochen eben auch mal Johannisbeergelee. Hausvater Jan hat noch keinen Urlaub, hilft aber nach dem Familienfrühstück beim Abräumen des Tisches. Dann verabschiedet er sich, macht sich auf zum Job. Zum Feierabend ist er wieder ehrenamtlich als Hausvater tätig, packt in der Küche mit an oder zieht mit den Kindern in den Spielkeller des Hauses, eine Runde Tischfußball spielen. Bei gutem Wetter lockt der Garten, in dem sich die Kinder auf der Schaukel und der Rutsche austoben können. Auch die Sprösslinge der Nachbarsfamilien kommen gerne rüber und besuchen ihre Freunde im Garten oder in deren Zimmern: Jedes Mitglied von Alinas und Jans Familie hat sein eigenes Zimmer.

Dass Alina mal ohne Anhang ist, kommt ziemlich selten vor. Wenn das Wetter es dann erlaubt, entspannt sie sich im Garten, lauscht dem Singen der Vögel und genießt das Alleinsein. Viel eher aber verzichtet sie auf die ihr eigentlich zustehende Freizeit. Tatsächlich stehen ihr 37 Urlaubstage im Jahr zu, auch der Sonntag gilt als freier Tag – den Alina trotzdem meistens mit „ihrer“ Familie verbringt. Gebraucht würde sie ohnehin an rund 365 Tagen im Jahr. „Ich weiß nicht, wie es Familien geht, die seit 20 oder sogar 30 Jahre als Kinderdorffamilie leben. Aber ich bin noch nicht überarbeitet. Ich bin entspannt“, sagt sie.

Eine hehre Arbeitseinstellung, die woanders allerdings umstritten ist. Denn seit ein Bundesverwaltungsgerichtsurteil im Mai 2019 sogenannte Wohngruppen alternierender Betreuung (WaB) – das ist ein Angebot der stationären Jugendhilfe, in dem Kinder ab sechs Jahren rund um die Uhr von wechselnden innewohnenden Betreuer*innen versorgt werden – aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen untersagt hat, herrscht auch bei den Trägern von Kinderdorffamilien Unsicherheit. Sogenannte innewohnende Erzieher – wie Kinderdorfeltern – unterliegen zwar einer Ausnahmeregelung von dieser Einschränkung. Trotzdem sind die Folgen dieses Urteils für familienanaloge Angebote derzeit schwer abschätzbar.

Wir wollen „nicht die Welt verbessern“, stellt sich Alina Vermutungen entgegen, sie und Jan litten womöglich unter dem oft geschmähten Helfersyndrom, einer Form von Altruismus, in der die Helfenden letztlich vor allem nach Selbstbestätigung suchen. „Wir wollen Familienleben möglich machen“, ist stattdessen Alinas Erklärung. Und: „Wir genießen den Alltag hier. Wir kuscheln viel, machen Partys mit den Kindern, gehen zusammen auf Reisen, nach Österreich oder Kroatien.“ Und abends säßen sie alle zusammen, beim Vorlesen, der Fernseher würde nur zwei Mal pro Woche angeschaltet. Oft, sehr oft, wird geredet. „Man kann über alles reden, und für jedes Problem gibt es eine Lösung“, sagt Alina.

Nur die Lösung für das Problem des Fachkräftemangels, der auch die Kinderdörfer betrifft, steht derzeit noch aus. Erzieherinnen, Erzieher und Kinderdorfeltern werden auch bei den Albert Schweitzer Kinderdörfern und Familienwerken händeringend gesucht. Damit auch andere Kinder die Möglichkeit haben, ihre ursprünglich schlechten Startchancen wettzumachen. Doch ein Job, in dem Beruf und Familie eins werden, ist eben kein Job wie jeder andere. Sondern eine Entscheidung fürs Leben – wie in der Familie von Alina und Jan.

*Alle Namen der Kinderdorffamilie von der Redaktion geändert

Albert Schweitzer Kinderdörfer und Familienwerke Kinderdorf Berlin
www.kinderdorf-berlin.de