fotografie und Geschichte

Fragen an die Großmutter

Johanna Diehl ist in der Ukraine auf ein Thema gestoßen, das für sie und ihre Familie wichtig ist. Es ist das Schweigen über den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit – das bis in die Enkelgeneration weiterwirkt

Johanna Diehl betreibt Forensik mit den Mitteln der Kunst. In den Jahren 2012 und 2013 reiste sie in die Ukraine und fotografierte dort ehemalige Synagogen, die heute als Sporthallen und Kinos dienen. Auf den Fotos lassen sich noch deutliche Spuren der einstigen Gebäudefunktion erkennen: hebräische Schriftzeichen etwa und Wandbilder mit den Tempelanlagen von Jerusalem. Auf anderen dominiert die aktuelle Nutzung. Oder jemand hat mit Graffiti seine Zuneigung zum Rapper Eminem zum Ausdruck gebracht. „Mich interessieren die verschiedenen Schichtungen und Überschreibungen“, sagt Johanna Diehl.

Foto: Roman März
Johanna Diehl. In den Falten das Eigentliche, Installationsansicht, Haus am Waldsee, 2019, Foto: Roman März

Einen Ausgangspunkt für ihre „Ukraine Series“ bildet die Geschichte ihrer Familie: Ihr Großvater starb als Wehrmachtssoldat 1944 in der Ukraine. „Immer, wenn ich eine Synagoge besucht habe, wusste ich, dass hier die Deutschen waren und Zerstörungen angerichtet haben“, erinnert sich Diehl. Anfangs fertigte die in Hamburg geborene und in Leipzig zur Fotografin ausgebildete Künstlerin Serien an der Peripherie Europas, etwa über Kirchen und Moscheen auf Zypern und Überbleibsel faschistischer ­Architektur in Süditalien. Inzwischen arbeitet sie vermehrt im Zentrum. Anlass dafür war der Nachlass ihrer Großmutter, den sie 2010 erbte.
In deren Notizbüchern fand Diehl viele Alltagsdetails, aber nur wenige Hinweise auf Gefühle. Auf den Urlaubsfotos der Großmutter, die mit ihrem zweiten Mann in den 1950er- und 1960er-Jahren nach Afrika, Asien und Amerika reiste, vermisste Diehl ­ihren Vater. Er kam als Kind und Jugend­licher wohl nur selten mit. Er nahm sich 1983 das Leben.

Foto: Roman März
Johanna Diehl. In den Falten das Eigentliche, Installationsansicht, Haus am Waldsee, 2019, Foto: Roman März

Jetzt stellt Johanna Diehl im Haus am Waldsee ihre Recherche aus. Sie steht an ­einer Vitrine und weist auf eine Ausgabe von Fritz Zorns Roman „Mars“ darin, erschienen 1977, im Geburtsjahr von Johanna Diehl. Ihr Vater soll von „Mars“ geprägt gewesen sein. Zorns Roman handelt von dem Aufwachsen eines jungen Mannes aus reichem Elternhaus, der an Krebs erkrankt – und der den Krebs für eine Krankheit hält, die sich aus dem Schweigen der Eltern über die NS-Zeit speist. Neben dem Buch liegt eine Liste mit Fragen von Diehls Vater an seine Mutter: „Wie war meine Geburt? Wie war das im Detail mit der Reinlichkeitserziehung? Wie zärtlich warst du mit welchem Sohn?“

Diehl präsentiert den Brief ohne Antworten, nicht als biografische Notiz, sondern als Instrument zum Verstehen einer Zeit. Er lässt die Reisebilder anders sehen, das Heraustreten der Großmutter aus einem Wigwam in Nordamerika, den stolzen Umriss eines Kreuzfahrtschiffs vor Hongkong. Um die Versehrungen und Verletzungen der Generation ihres Vaters greifbar zu machen, hat Diehl neben die Familienbilder Fotos von Prothesen und Korsagen gehängt. Mit diesen Objekten hatte der Choreograf Johann Kresnik seine Tänzer ausgestattet – und ihnen so eine Verletztheit verliehen, die Diehl symptomatisch hält für die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder.

Verlängert bis 1.3.: Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, 31.1. geschl., 7/5 €, bis 18 J. und Beziehende von Transferleistungen frei