Deutsche Waffen, deutsche Wurst

Dietmar Wischmeyer im Interview

Dietmar Wischmeyer, der Bösewicht unter den Kabarettisten, ist mit seinem ­Programm „Achtung Artgenosse‟ unterwegs. Ein Gespräch über Moral, Rollkragenpullover und Pegida
Interview: Lutz Göllner

Dietmar WischmeyerFoto: Jens Schmidt © JCS / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 / GFDL
Dietmar Wischmeyer
Foto: Jens Schmidt © JCS / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 / GFDL

Dietmar Wischmeyer

Seit 1988 ist Wischmeyer nun im komischen Fach tätig, zunächst bei der legendären Sendung „Frühstyx­radio“ von Radio FFN, später auch im Fernsehen bei „Upʼn Swutch“ und der „heute-show“. Doch daneben ist er auch immer als Autor und mit eigenen Bühnenprogrammen unterwegs. Mit der Zeit wurden seine Kolumnen und Bücher immer politischer, ver­loren allerdings nie den anarchischen und wortverliebten Humor der Anfangsjahre.

Herr Wischmeyer, viele Ihrer Texte haben einen sehr bösen Hintergrund, sind sie eigentlich Moralist? Ich hoffe nicht, denn Moralisten erheben sich gerne über andere. Mir geht es eher darum, andere Menschen wie Menschen zu behandeln. Moral ist ja auch eine intellektuelle und keine Gewissensleistung. Aber ich gebe mir Mühe, immer halbwegs berechenbar zu sein.

Vielleicht liegt es an Ihrer Stimme, aber wenn man Ihre wöchentliche Kolumne auf Radio 1 hört, stellt man sich einen misanthropischen Dichter vor, ein bisschen wie Thomas Bernhard. Ach ja, der Bernhard. Das wird mir öfters unterstellt. Aber ich halte es da eher mit den Briten als mit der österreichischen Kaffeehauskultur: „I love mankind, it’s people i can’t stand“. Ich finde ja die Menschheit ist im Vergleich zu anderen Lebensformen auf diesem Planeten, etwa zur Gottesanbeterin oder zum HIV-­Virus, ganz okay. Am meisten beeindruckt mich, dass sie ihr vorbestimmtes Los, sich umbringen zu lassen, einfach nicht akzeptiert und immer weiter kämpft. Sie lässt sich von der Kacknatur schlicht nichts vorschreiben.

Natur als etwas ganz Furchtbares, kommt da ihre bäuerliche Herkunft und Lebensweise durch? Und dieses städtische Rumgeeiere und diese Naturverehrung gibt dem Bauern dann den Rest. Nö, schon meine Mutter wusste: Natur muss ausgerottet werden. Notfalls eben mit Rosenschere und Unkrautbekämpfung. Natur zu erhalten ist einfach blöde, weil ja vieles von Anfang zum Sterben verdammt ist. Ich kann auch mit dem Nachhaltigskeitsgesäusel und dem die-Natur-ins-Gleichgewicht-bringen der Grünen nichts anfangen.

Sie selber galten bei Ihren Anfängen im Frühstyx-radio eher als Comedian, haben Sie inzwischen eine Evolution zum veritablen Satiriker durchgemacht? Als ich anfing gab’s noch nicht mal den Begriff ­ „Comedian“! Es ging uns immer eher um eine Haltung. Wir wollten gegen das klassische Kabarett Stellung beziehen, dieses rollkragenpullovrige, bei dem die Leute im Publikum genau das zu hören bekommen, was sie erwarten. Und gegen diese Affirmativität haben wir damals Anarchie gesetzt, kindliche Spielerei. Inzwischen ist dieses Rumgealber aber die Ausnahme geworden.

Woher kommt die erhobene Nase, die Kabarettisten immer noch gegenüber Comedians haben? Kann ich auch nicht genau sagen. Ich weiß nur: Die wollen die Menschen eben nicht unterhalten, sondern benutzen Komik als Vehikel für politische Botschaften. In meinen Augen meinen die es mit dem Witz nicht ernst. Wir wollten nie vorformulierte Denkvorschriften verbreiten, die die eigene Meinung nur bestätigen.

Die CD zu ihrem Programm „Achtung Artgenosse!“ ist jetzt seit Oktober zu kaufen, trotzdem touren Sie fleißig weiter. Welche Unterschiede gibt es denn zwischen den beiden? Das Liveprogramm wird ständig aktualisiert. Ich lese Zeitung und versuche aktuelle Ereignisse einzubauen. Aber manche Texte kann ich nicht austauschen, das sind Inseln, die vom Publikum erwartete werden.  Ungefähr die Hälfte des Liveprogramms und der CD sind identisch.

Nach den Morden an den „Charlie Hebdo“-Mitarbeitern haben sie den Islam sehr scharf kritisiert: „Irgendetwas an diesem Islam ist oberfaul“. Begeben Sie sich damit nicht in die Nähe von Pegida? Nein! Ich muss mich da nicht abgrenzen, ich kann mich doch nicht von jedem Idioten abgrenzen. Nur weil ich auch ein Säugetier bin, muss ich mich doch nicht vom Stinktier distanzieren. Vielmehr bemitleide ich alle Muslime, weil sie in der Öffentlichkeit so über einen Kamm geschoren werden: Jeder Türke, jeder Syrer, jeder Iraki wird automatisch und ohne Unterschiede zu machen als Muslim beschimpft.

Können Sie mit Satire da eine Änderung bewirken? Zunächst mal will ich zwei Stunden Lachen bewirken. Und dann vielleicht die Erkenntnis: Leitkultur, das sind deutsche Waffen und deutsche Wurst. Und weil ja Worte ein bildevozierendes Mittel sind, rede ich etwa viel über Weißwurst und bezeichne sie als bleichen Katzenfötus, der aus der überfahrenden Mutter geschält wird. Bestimmte Bilder gehen einem danach nicht mehr aus dem Kopf, deshalb wird doch Helmut Kohl heute immer noch als „Birne“ bezeichnet.

Ist Kartharsis da auch ein wichtiges Element? Klar! Das Pfeifen im Wald. Macht ist nicht mehr so bedrohlich, wenn man sie lächerlich macht. Das ist ja auch der Ursprung des Karnevals, dessen Auswirkungen ich zwar ablehne, den ich aber prinzipiell gut finde.

„Achtung Artgenosse“, 8.–11.12., jeweils um 20 Uhr, -Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8. Eintritt 25 €. Die Veranstaltungen sind inzwischen leider alle ausverkauft, aber am 28.10.2016 liest Dietmar Wischmeyer zusammen mit Oliver Kalkofe in der Columbiahalle aus dem gemeinsamen Buch „Die Arschkrampen – Das Leben ist eine Deponie“. Der Vorverkauf läuft bereits.

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