Netzaktivismus

Digitale Kampfradler

Der Kampf um die Straße hat sich mittlerweile auch ins Digitale erweitert: Auf Twitter streiten Radaktivisten mit Autofahrern und der Politik. Wer ist dieses „Fahrradtwitter“?

Angriffslustig: Thomas Draschan, österreichischer Künstler, nennt sich @doktorhulk. In dieser Rolle gibt er den Radaktivisten. Dazu dreht er einen Film. Der Titel: „Lob des Fahrradfahrens“ | Copyright: Aleksandra Kwasnik

Ein Reisebus schneidet einem Fahrrad am Brandenburger Tor den Weg ab. Schnitt. Ein Auto zieht mit 80 Stundenkilometern auf der Kynastbrücke an einem Rad vorbei. Schnitt. Ein Transporter drängt ein Rad an einer Kreuzung auf den Gehweg. Schnitt. „Einfach mal die Geschwindigkeit reduzieren und vorausschauend fahren“, wird kommentiert. Oder „Ehrenmann der Fahrer“, oder auch der Klassiker: „Warum pocht ihr Radfahrer immer auf euer Recht?“

Willkommen auf Twitter. Genauer gesagt: Fahrradtwitter. Der soziale Kurznachrichtendienst ist nämlich nicht nur das inoffizielle Lieblingsverlautbarungsorgan Donald Trumps, sondern seit einiger Zeit auch das Zuhause einer regelrechten Fahrradfahrer*innen-Subkultur – und ihrer Gegner. Radaktivist*innen aus dem gesamten Bundesgebiet (und natürlich darüber hinaus) wollen sich da den alltäglichen Wahnsinn auf der Straße nicht mehr bieten lassen, sie organisieren und vernetzen sich, streiten sich mit Autofans, mit Politiker*innen, mit Provokateuren, oder auch untereinander, und sie laden immer öfter Videos hoch, die den Stress auf den Straßen zeigen sollen. Und ganz besonders aktiv ist da, genau, Berlin.

Allein hier diskutieren nach Schätzung einiger Beteiligter tagtäglich um die hundert Leute aktiv mit, viele weitere lesen eher still, followen und liken. Im Gesamtbundesgebiet soll es in die vierstellige Zahl gehen – und auch in anderen Ländern gibt es ähnliche Accounts und Gruppierungen. Diskussionsgrundlagen gibt es schließlich genug: In Berlin allein beispielsweise hat innerhalb des S-Bahn-Rings die Anzahl der Radfahrenden längst die der Autonutzer*innen überholt. Die Infrastruktur aber ist immer noch vor allem auf das Primat des Autos ausgerichtet. Fahrradwege sind oft zu schmal, voller Schlaglöcher, oder schlicht komplett abwesend. Zwar gibt es in der Stadt hier und da sogar erste Fahrradstreifen, die mit Pollern gesichert sind, und auch mehr und mehr Fahrradstraßen, aber vielen Radfahrenden ist das schlicht und ergreifend nicht genug.

Denn laut dem ADFC, dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club, stirbt im Schnitt jeden Tag irgendwo in diesem Land ein*e Fahrradfahrer*in auf der Straße, jede halbe Stunde wird jemand verletzt. Nun kann man sich damit abfinden und das für den Preis halten, den Deutschland für seine automobile Übermacht bezahlt. Oder man kann einen Wandel fordern, der über grün angemalte Fahrradwege hinausgeht: autofreie Innenstädte, oder wenigstens Verbannung von SUVs, Radwege zu Lasten von Autospuren und so weiter. Dass solche Veränderungen für Konflikte sorgen, ist klar.

„Mir ist jeder Tag lieb, an dem ich die Aufnahmen durchgehe und nichts finde, was ich rausschneiden kann. Das bedeutet, dass ich an diesem Tag nicht in Gefahr war“

Will man aber zum Beispiel unter dem Hashtag #ScheissFahrradfahrer gegen Radler keilen, kommt man mittlerweile meist nicht weit: die Fahrradlobby hat sich mittlerweile das Suchwort angeeignet und teilt darunter gegen achtlose Autofahrer aus, gerne eben mit Videobeweis. Die Tweets können zum Beispiel vom Account @BerlinCommute stammen: Hinter dem Account verbirgt sich Sebastian, im echten Leben IT-Experte. Der 33-Jährige möchte auf seinem seit 2018 bespielten „Fahrradaccount“, wie er ihn nennt, die Sicht eines Fahrradfahrers zeigen, der das Rad als Alltagsverkehrsmittel nutzt. Dazu hat er eine Kamera vorne am Lenker, eine hinten befestigt, und nimmt sich fast jeden Tag etwas Zeit, durch die Aufnahmen zu gehen. „Mir ist jeder Tag lieb, an dem ich die Aufnahmen durchgehe und nichts finde, was ich rausschneiden kann. Das bedeutet, dass ich an diesem Tag nicht in Gefahr war“, erzählt er.

Aber oft sieht es anders aus: Es gebe „knapp 300 Videos in 1,5 Jahren, gut zehn gestellte Anzeigen und zahlloses Klopfen an Seitenscheiben sprechen aber eine andere Sprache.“ Zwar sucht er nach gefährlichen Situationen lieber erst das Gespräch mit der Person hinter dem Steuer, aber wenn die Reaktion aggressiv oder beleidigend ausfällt, zeigt Sebastian sie auch an. „Die meisten Ermittlungen werden von der Polizei, spätestens von der Amtsanwaltschaft eingestellt. Meist könnte der Fahrer nicht ermittelt werden, es handele sich um einen Fahrfehler den man nicht ahnden könne, oder es ist kein Vorsatz gewesen“, berichtet er aber. Nur selten erfährt er das Ergebnis – in einem Fall wurde die Person zu einer Zahlung von 200 Euro an den ADFC verdonnert.

Der Twitter-Account von @BerlinCommute

Autos als „Todesmaschinen“

Die Resonanz auf seine Videoclips empfindet er meist aber auch so als hilfreich. Zumindest aus der Fahrradbubble – denn auf der anderen Seite sieht es ganz anders aus: „Viele, die den Radverkehr nicht als Verkehr, sondern als Hindernis sehen, wollen nur pöbeln, meckern und trollen. Scheinargumente wie ‚da muss man eben mal absteigen‘ oder ‚das bringt dir auch nichts, wenn du dann tot bist’ sind weniger Diskurs als eine Verteidigung der gelernten Überlegenheit des Autos.“

„Die Todesmaschinen lassen wirklich keine andere Meinung zu.“

So ähnlich argumentieren auch andere: @doktorhulk zum Beispiel, der in Wirklichkeit kein Hulk ist und auch nicht grün anläuft, aber mindestens genauso wütend wird: „Er bezeichnet Autos als ‚Todesmaschinen‘ und lässt keine anderen Meinungen zu“, beschreibt ihn ein anonymer Twitternutzer. Er antwortet, „die Todesmaschinen lassen wirklich keine andere Meinung zu.“

Der Hulk heißt eigentlich Thomas Draschan, ist österreichischer Künstler und arbeitet zur Zeit an einem Kurzfilm namens „Lob des Fahrradfahrens“. Den Vorwurf, dass er in seiner Position radikal sei, will er so nicht gelten lassen. In eigensinniger Schreibweise formuliert er: „Autofahren ist in seiner mildesten Form, auch im Rahmen des Legalen, auf vielerlei Weise radikal: raumgreifend, lärmend, abgasend, als potenzielle Gefahr welche einschüchtert, in monetärer Hinsicht weil es privat und öffentlichen Haushalt radikal belastet. Autofahren ist radikal. Kann man radikal zu Fuß gehen?“

Zu Twitter kam er, wie die meisten anderen, aus der Fahrradbubble, über den Verkehrsaktivismus. Geblieben ist er, um Akteure zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, und auch um politischen Druck auszuüben.

Wie man damit erfolgreich sein kann, sieht man am Beispiel von Kerstin Stark: Sie gründete 2015 die Initiative Volksentscheid Fahrrad mit, die später im Trägerverein Changing Cities aufging. Der Verein bezeichnet sich selbst als Kampagnenorganisation, die die Verkehrswende von unten vorantreiben will – und nicht ganz unschuldig daran ist, wie zentral das Thema mittlerweile in Berlin diskutiert wird. „Ich leb‘ stark in der Fahrrad- und Verkehrsbubble“, berichtet sie, und die empfindet sie auch meist als konstruktiv: „Es werden etwa internationale Beispiele guter Praxis ausgetauscht, oder es wird auf konkrete Probleme wie unsichere Baustellen hingewiesen und so eine Debatte angestoßen, die dann auch die zuständigen Verwaltungsmitarbeitenden und Politiker*innen erreicht.“ Allerdings gebe es auch viel Schlagabtausch, es würden Diskurse in der Öffentlichkeit geführt, die da gar nicht hingehörten und vor allem gebe es „sehr stark auch machohaftes Verhalten, es geht auch viel um Profilierung“. Da ist es auch beim Thema Fahrrad nicht anders als im Rest des Internets.

Vielleicht auch deswegen gibt es einige in dieser Subkultur, die die Person hinter dem Profil anonym halten möchten: „Ich trete auch in den öffentlichen Dialog mit Nichtradfahrenden und selbsternannten Radfahrer-Hassern. Das wird zuweilen unangenehm, aber das trifft dann meinen Account, nicht mich persönlich“, berichtet eine aktive Radtwitterin. „Ich gehe dann auch davon aus, dass jemand, der schreibt, dass er Radfahrer am liebsten plattfahren würde, das im realen Leben auch nicht macht. Aber sicher kann man sich da nie sein, wenn man so manche Berliner Autofahrer sieht…“

Aktivisten im Netz

Die wichtigsten Twitter- Fahrrad-Kanäle: