Berlin lieben

»Disneyland für Erwachsene«

In Berlin fand Autorin Franziska Felber eine nie gekannte Geborgenheit 

Foto: Martin Schwarzbeck

2010 Ach Berlin. Weißt du noch? Silvester 2010 am Landwehrkanal. Es ist kitschig, doch da haben wir uns verliebt. Zur Silvesternacht war ich zu dir gekommen, um zu bleiben. Ohne Plan, ohne Erwartungen – die äußeren Umstände hatten mich zu dir geführt. Und dann, zack bumm, war es vom ersten Moment um mich geschehen. Du sahst aber auch fantastisch aus in deinem Winter-Wonderland-Kostüm. Komplett zugeschneit. Auf den Straßen sind die Menschen reihenweise einfach umgefallen, wegen Blitzeis. Als wäre irgendetwas aus den Fugen geraten. Um Klarheit zu schaffen, hat Wowi festgestellt: „Wir sind nicht in Haiti.“ Stimmt. Ich war am richtigen Ort.

Zwischen Landwehrkanal und Görlitzer Park habe ich mühelos eine Wohnung gefunden und eine Geborgenheit, die ich bis dahin nicht kannte. Die riesige „I love you“-Botschaft an einer Hauswand in der Nachbarschaft war für mich wie unsere Liebeserklärung zueinander. Der Späti im Haus, der M29 vor der Tür, die lustigen Gestalten auf der Straße, die Open Airs, die schrägen Nachbarn – ich habe alles an dir geliebt. Pausenlos hätte ich Geschichten von dir erzählen können. Es kam mir vor, als wäre ich in einem Disneyland für Erwachsene gelandet.

Ist es eigentlich immer so, dass stürmische Lieben und Freizeitparks oft ein trauriges Ende finden? Jahrelang stand für mich außer Frage, dass wir zusammen alt werden. Wenn ich dachte, es könnte nicht mehr besser werden, hast du mich wieder an der Hand gepackt und mir Dinge über dich und mich gezeigt, auf die ich im Traum nicht gekommen wäre. Jedes Jahr zu Silvester feiere ich auch unseren Jahrestag. Auch dieses Jahr hatte ich wieder diesen magischen Moment mit dir, als ich mich auf der Silvesterparty umblickte und überall diese Geborgenheit sah, die du offenbar so vielen Leuten geben kannst.

Foto: David von Becker

Dennoch sind wir ins Schlingern geraten, im verflixten siebten Jahr. Wahrscheinlich ist es der Alltagstest – und verändert haben wir uns beide. Einst habe ich mich in deine Wildheit und in deine Unbekümmertheit verliebt. Gerade erscheinen sie mir oft als Attitüde und fehlendes Format. Oder haben sich meine Bedürfnisse verändert?

Ich weiß nur: Dein schönes Winteroutfit hast du auch schon lange nicht mehr getragen. Jetzt hilft nur Abstand, vorübergehend. Sonst können wir immer noch alternative Beziehungsmodelle testen. Vielleicht auch das Halbjahresmodell, wobei wir uns zumindest für einige Monate im Jahr wieder voll aufeinander einlassen. Zwei Dinge weiß ich noch, Berlin: Unsere gemeinsame Zeit werde ich nie vergessen. Und wenn wir diese Krise überstehen, dann ist es wahre Liebe.


Hilft gegen Liebeskummer: Einfach mal rausgehen

Am Wochenende vormittags vor die Tür gehen. Da sind die Straßen meistens leer. Wenn die Sonne dann schräg auf die Pflastersteine fällt, wenn alles still ist und nur ein paar Gestalten mit glücklichem Grinsen über den Weg wanken – dann vergesse ich alles, was zwischen uns gerade nicht so läuft. Ach ja, und ein Berliner Sommer wie jetzt tut’s übrigens auch.

 

Sieben Liebeserklärungen an Berlin