Progressives Puppenspiel

Diversity-Spielzeug aus Berlin

Die blonde Barbie oder Ken, das Muskelpaket: Mainstream-Spielzeug strotzt häufig vor Klischees.Do-It-Yourself-Unternehmer sorgen für Vielfalt im Kinderzimmer – zum Beispiel die Berlinerin Mirjam Schröter, die den Shop „Diversity-Spielzeug“ betreibt

Wenn sich Becky, eine stets gut ­gelaunte, schlanke Blondine in ihrer Traumvilla fortbewegt, steht sie regelmäßig vor einem Problem. Sobald sie von einem ins andere Zimmer möchte, gibt es kein Weiterkommen mehr: Der Rollstuhl, auf den die „Barbie Collector # 20202 Becky im Rollstuhl“-Puppe angewiesen ist, passt nicht durch die Türen ihrer ­Luxusbehausung.

Dabei wollte Mattel mit der „Becky im Rollstuhl“-Puppe eigentlich alles ­richtig machen. Lange genug war die amerikanische Spielzeugfirma von Eltern kritisiert worden, das Aussehen ihrer berühmten 29-Zentimeter-Puppe realistischer zu gestalten. Statt der mageren Taille nebst den dürren Gliedmaßen wurden Rundungen und überhaupt mehr Vielfalt gefordert: eine größere Bandbreite an Ethnien, unterschied­liche Körperformen, eine weniger klischeehafte Geschlechtlichkeit. Und eben auch die Integration gehandicapter Spielfiguren.

Kleine Spielfigur von Djeco Arty Toys. Der Kopf und die Arme können bewegt werden, der Zauberstab ist entfernbar und kann bei Bedarf wieder angesteckt werden.
Kleine Spielfigur von Djeco Arty Toys. Der Kopf und die Arme können bewegt werden, der Zauberstab ist entfernbar und kann bei Bedarf wieder angesteckt werden.   Foto: diversity-spielzeug.de

Das Ziel ist, ein Panorama der gesamten Gesellschaft ins Kinderzimmer zu ­tragen. Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland sind zum Beispiel schwerbehindert. Jedes siebte deutsche Kind im Alter zwischen drei und 17 Jahren ist übergewichtig. Verändert hat sich auch die Bevölkerungsstruktur: 39,1 Prozent aller in Deutschland lebenden Kinder unter fünf Jahren haben einen Migrationshintergrund.

Identitätsentwürfe erproben

Schaut man sich in Kinderzimmern um, ­findet diese Wirklichkeit nur wenig Entsprechung. Fast alle Spielfiguren „sind weiß, jung, schlank, gesund und gehen ­einem ­attraktiven Beruf nach“, hat Wiebke ­Waburg festgestellt, Pädagogik-Professorin an der Universität Koblenz-Landau. Frustrierend für Kinder, die nicht derart stromlinienförmig sind. Schließlich sei Spielen „die Hauptbeschäftigung von Kindern“. Sie erleben dabei ihre „Person- und Sozialwerdung“, schreibt Waburg 2018 in einem Aufsatz: „Spielerisch erproben Kinder sich, inszenieren Identitätsentwürfe, entfalten Bilder von sich selbst und der Welt …“

Dass sich ihre Tochter und der Sohn in ihren Spielzeugen wiederfinden ­können, das hatte sich auch Mirjam Schröter, 32, ­gewünscht. Doch auf der Suche nach Puppen, Puzzles oder mit Figuren bedruckten Ranzen und Turnbeuteln für die ­inzwischen fünf- und siebenjährigen Kinder eines schwarzen Vaters, musste sie feststellen, dass das Angebot an Spielfiguren mit dunkler Hautfarbe äußerst dürftig ist. Ob in Läden oder in Online-Portalen. „Ich habe mich schließlich dabei wiedergefunden, wie ich rassistische Begriffe in Such­maschinen eingegeben habe, nur um endlich zu Resultaten zu kommen“, sagt sie.

Puppe mit Hörprothese

Neue Gespielin im Kinderzimmer: Die „Wildlife Photographer Mia Puppe“ trägt eine Hörprothese

Angespornt von Facebook-Gruppen wie „Empowerment durch Medien“ oder ­„Eltern schwarzer Kinder“, wo andere Mütter und Väter über ähnliche Probleme bei der Spielzeugsuche berichten, entschloss sich Schröter, damals noch Studentin für Sozialarbeit, den Online-Shop „Diversity-­Spielzeug“ zu gründen. Dort offeriert Mirjam Schröter größtmögliche Vielfalt. So sind Barbies bei ihr nicht nur in dunkelhäutigen, sondern auch in „kurvigen“ Varianten zu haben – im Kampf um ­schwindende Marktanteile kommt die Firma Mattel Kundenwünschen inzwischen entgegen. Außerdem gehört Schröters Online-Shop zu den wenigen Adressen, wo die „Wildlife Photographer Mia Puppe“ zu haben ist, eine 18 Zentimeter große, in der Optik eines Schulkindes gestaltete Spielfigur, die – ganz selbstverständlich – ein Cochlea-Implantat trägt, eine Hörprothese. Und Schreiblernspiele sind bei Mirjam Schröter in Spielarten zu haben, bei denen Blinden- und Gebärdenzeichen gleichberechtigt neben dem lateinischen Alphabet ausgeschrieben sind.

Auch bei Puzzle- oder Gruß- und Geburtstagskartenmotiven achtet Schröter ­darauf, dass Minderheiten nicht nur als Quotenbringer vorkommen, sondern fester Bestandteil einer Szenerie sind. Außerdem verkauft sie Biegepuppen, also Figuren für Puppenhäuser, nicht, wie von den Herstellerfirmen vorgesehen, in mono-ethnischen Mutter-Vater-Kinder-Gruppenkartons, sondern als Einzelfiguren. Das ermöglicht etwa, Regenbogenfamilien zusammenzustellen – oder Konstellationen, in denen Familienmitglieder voneinander abweichende Hautfarben haben.

Durch Mundpropaganda ist Mirjam Schröters Online-Shop inzwischen bekann­ter geworden. Nicht nur Familien bestellen dort, auch Kitas und andere öffentliche Einrichtungen. Für einige Berliner Kinder­gärten hat Schröter sogar schon Diversity-­Spielzeugkisten bestückt. Das Spielzeug ­darin tut nicht nur Kindern aus Randgruppen gut. Auch für andere Kinder ist es ­beruhigend zu sehen, dass Abweichungen dazugehören – und nicht zum Ausschluss führen. Warum diese Weihnachten also nicht mit „Becky im Rollstuhl“ unterm ­ ­Tannenbaum herumsausen?

diversity-spielzeug.de

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