Documenta 14/ Skulptur Projekte Münster

Im Abflussrohr der Politik

Die Documenta 14 und Skulptur Projekte überzeugen mit präzisen Beiträgen zu politischen Themen. Auch dank reger Beteiligung aus Berlin

Um es gleich zu sagen: Die Documenta 14 in Kassel (d14) und Skulptur Projekte Münster 2017, beide am 10. Juni eröffnet, wirken so frisch, als hätten ihre Kuratoren die Konzepte nicht vor Jahren, sondern vor Wochen geschrieben. Und trotzdem gelingt es beiden Großausstellungen, das aktuelle Weltgeschehen ins Allgemeine und Überzeit­liche zu transponieren. Das verdient Respekt.

Doch zunächst unterscheiden sich die beiden Höhepunkte im Kunstkalender 2017 grundlegend. Das beginnt  beim Publikumsservice. In Kassel erwartet Besucher ein Heft zu Kunst in der halben Stadt, das mehr Designobjekt als Information zu den Arbeiten der rund 320 Künstler ist. Und wer auf den elaborierten Internetseiten nach Angeboten für Familien sucht, muss lang herumstochern. Nachsicht mit den Veranstaltern scheint jedoch geboten. Die Documenta 14 findet in Kassel und Athen statt, wo sie bereits Anfang April begann: Doppelt Arbeit hatte also das Team um Adam Szymczyk, dem auch der Berliner Kurator Bonaventure S.B. Ndikung und Natasha Ginwala (Co-Kuratorin der 8. Berlin Biennale) angehören.

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Besucher von Münster dagegen finden die Ausstellung –umsonst und meist draußen – in einem übersichtlichen Stadtplan verzeichnet, mit Kurzinterpretationen der Werke von 35 teilnehmenden Künstlern, im Netz zudem schnell einen Fahrradverleih und Workshops für Jugend­liche. Die Gastfreundschaft ist wohl der westfälischen Bodenständigkeit zu verdanken. Sie spiegelt sich in der Beteiligung von Landesmuseum Westfalen-Lippe, Westfälischem Kunstverein und 2017 zudem des Skulpturenmuseums Glaskasten im benachbarten Marl. Der Geist von Münster zeigte sich auch auf der Pressekonferenz, als Leiter Kasper König, 73, frei nach Theo van Doesberg sagte: Kunst sei wichtig, ersetze jedoch keine Zahnbürste.

Die d14 setzt auf den Süden

Und doch haben die Ausstellungen ähnliche Schwerpunkte. Beide zeigen viele Performances, beide handeln vom Nord-Süd-Konflikt, von Demokratie, Diktatur und ökologischer Krise, von Kriegen, Flucht und Miteinander in globalisierten Gesellschaften. Und tief in die Wohnviertel hinein wirkt diesmal auch die Documenta 14: in der studentisch-migrantischen Nordstadt von Kassel, wo mit der ehemaligen Hauptpost einer ihrer stärksten Orte steht.

In der brutalistischen Architektur gibt der Berliner Künster Theo Eshetu den Ton an. Seine Sound-Bild-Installation auf riesigen Leinwänden beherrscht das Erdgeschoss: mit Bildern von jenem Transparent, das früher an der Fassade des Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem hing. Fünf kolo­nial-völkerkundlich präsentierte Masken sollten dort die fünf Kontinente symbolisieren. Eshetu hat das Orignal mit Filmaufnahmen von Freunden und Zufallsbekannten unterlegt. Jetzt spricht das Leben, das in den Dahlemer ­Vitrinen musealisiert war, den Besucher gleichsam ­direkt an.

Wasserrohre als Wohnzellen

Wie Warnsignale einer Gesellschaft in Krisenstimmung funktionieren dagegen am Kasseler Friedrichsplatz die Beiträge von Hiwa K und Daniel Knorr aus Berlin. Hiwa K hat 20 Wasserrohre aufeinanderstapeln lassen und sie wie Wohnzellen eingerichtet, ähnlich Behausungen von Geflüchteten im Hafen von Athen. Knorrs Rauchsäule, die der Wind zaust, lässt sich wahlweise als Friedens- oder Kriegszeichen lesen.

Unübertroffen genau aber ist Maria Eichhorns Installation zu einer intensiven Recher­che über Enteignungen unter den Nationalsozialisten, etwa von Büchern und Küchengerät. Sie baut auf Eichhorns Arbeit zu enteigneten Häusern in Berlin-Tiergarten 2015 auf. In der Neuen Galerie hoch über Kassel korrespondiert der Beitrag mit Kabinetten voller Objekte zur Familie Gurlitt, den Verwandten des Kunsthändlers, der noch 2010 aus NS-Raubkunst saß.

Münster: Hilfsroboter in der Sparkasse

Zu den herausragenden Beiträgen von Münster zählt Ayşe Erkmens „On Water“ im Stadthafen. Dort haben an einem Industriekanal Cafés und Büros eröffnet. Doch die Stadtentwickler haben nicht an Fußgänger gedacht, die ans andere Ufer wollen. Sie müssen einen großen Umweg machen. Diese Kurzsichtigkeit arbeitet Erkmen so präzise wie symbolisch heraus: Ihr aufwendiger Unter­wassersteg ermöglicht es Passanten, den Kanal Jesus gleich zu überqueren – freilich barfuß und unter Gefährdung wasser­empfindlicher Wertgegenstände.

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Aggressiver tritt Hito Steyerl mit „Hell­Yeah­We­FuckDie“ im Foyer der Westdeut­schen Landesbausparkasse auf, einer laut regionaler Presse vom anhaltenden Niedrigzins angeschlagenem Geldhaus, das Entlassungen plant. Ihre Ein­bauten mit Leuchtschriften und Monitoren thematisieren Roboter, die in Krisengebieten helfen sollen. Der Zukunftstechnik stehen heutige Aufnahmen aus kurdischen Kriegsgebieten gegenüber. Dabei spielt die Berliner Künstlerin wie nebenbei die angestammte Kunstsammlung der Regionalbausparkasse buchstäblich an die Wand – viel Abstraktes von meist männlichen Künstlern.

Erkmen und Steyerl veranschaulichen, wie in Münster große Themen regional angepasst werden. Gerade im föderalen Deutschland findet das Leben ja nicht nur in Metropolen statt. Das Globale schlägt sich auch sonst im Lokalen nieder – und vice versa. Das spiegelt die Documenta, wenn sie in Kassel die zeitgenössische Sammlung des neuen Athener Nationalmuseums ausstellt, das wegen EU-bedingter Sparpolitik nicht eröffnet hat. Im Fridericianum zeigen sich Strömungen westlicher Kunst aus griechischer Sicht und rücken das Mittelmeer in den Fokus. Allein dieser Perspektivwechsel wäre die Reise wert.

 

Universalismus 2017

Beide Ausstellung aber eint noch mehr: Der Wunsch, mittels Kunst Differenzen zwar zu benennen, aber in einer Art Post-Diversität einen neuen Universalismus zu suchen, den Universalismus nach dem Universalismus des 20. Jahrhundert, der Differenzen und Diversität zu oft gewaltsam negiert hat. In Kassel steht dafür beispielhaft Otobong Nkangas Performancesreihe. Mitarbeiterinnen mit eigens dafür gebauten Bauchläden, die wie Schlemmersch’sche Minireifröcke um ihre Hüften liegen, verwickeln Besucher und Besucherinnen an den Ausstellungsorten in Gespräche über eine dunkle Seifensorte, die Nkanga in Athen hat herstellen lassen und die nun das vornehmlich deutsche Publikum kaufen kann – freilich nur nach einem Gespräch über die guten schwarzen Stücke und deren Herstellung.

In Münster ist es Koki Tanaka aus Japan, der herausgearbeitet hat, wie Menschen trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Identitäten zueinander kommen und versuchen können, einander zu verstehen – in mühsamen, wochenlangen Workshops, an denen alteingesessene Münsteraner und geflüchtete Neuangekommene teilgenommen haben. Die Ausstellung mit den Filmen, Dokumenten und Hinterlassenschaften der Workshops findet an genau dem Ort im Münsteraner Zentrum statt, in der auch sich die Teilnehmenden trafen. ‚“Wie zusammen leben?“ heißt der Titel der empathischen und feinfühligen Arbeit, und sie gibt  tatsächlich einige Antworten. Keine Manifeste, nur Vorschläge – aber das ist viel mehr, als zeitgenössische Kunst, die es sonst oft beim Fragen belässt,  sonst zu wagen pflegt.

 

Documenta: bis 17.9., www.documenta14.de

Skulptur Projekte Münster: bis 1.10., Münster und Marl, www.skulptur-projekte.de

 

Mehr

zum Documenta-Radio, zu Bonevanture S. Ndikung und zu Athen:

Documenta-Radiostation Berlin

Bonaventure Ndikung

Kassel muss warten