Documenta

Bonaventure Ndikung

Er macht eine ganz besondere Karriere: Der promovierte Biotechnologe Bonaventure Ndikung zählt zu den Kuratoren der wichtigsten Kunstschau in Europa, der Documenta, deren erster Teil jetzt in Athen beginnt  Er trägt meist ein schickes Jackett, auf dem Kopf ein gehäkeltes afrikanisches Käppi: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung ist Ausstellungsmacher, Publi­zist und Ermöglicher, ein Brückenbauer zwischen den Welten und über die Kontinente. Und das mit den Mitteln der Kunst: 2009 gründete er in Neukölln den Kunstraum Savvy Contemporary, der 2013 vom Land Berlin ausgezeichnet wurde und jetzt im ehemaligen Krematorium von Wedding seine Räume hat. Ndikung und das Savvy-Team führen Savvy als Labor für konzeptuelle künstlerische Produktionen und als Ort der kritischen Reflektion. Zudem ist Ndikung Kurator der bezirkseigenen Galerie Wedding. Und er sprüht vor Ideen.

Im März aber hielt sich der gebürtige Kameruner in Athen auf, um dort die letzten Vorbereitungen für seinen kuratorischen Beitrag zur Documenta 14 zu treffen. Zum ersten Mal findet die große Kunstschau nicht nur in Kassel, sondern auch in der griechischen Hauptstadt statt. Am Sonnabend, den 8. April ist Eröffnung. Ndikung nutzt für seine Ausstellung mehrere Orte: im frisch sanierten National Museum of Contemporary Art Athens, kurz EMST, der größten Spielstätte der Docu­menta 14, in der Kunsthochschule ASFA und ihrem Ableger im alten Industrieviertel Rouf sowie im Musikkonservatorium, dem Odeion.

Panafrikanismus im Jugendzimmer

Vor zwei Jahren hat ihn der künstlerischer Leiter der Documenta, Adam Szymczyk, ins Documenta-Team berufen, als „Curator-at-Large“. Denn er wolle von einem wie Ndikung lernen, der „Kunst aus einer spannenden, aber lange marginalisierten, nicht westlichen Perspektive betrachtet“, wie Szymczyk während der Vorstellung einer Zeitschrift der Documenta bei Savvy sagte.

Bonaventure Ndikung, 1977 in Yaoundé geboren, leitet in Berlin gleich zwei Ausstellungsorte
Foto: MICHAEL SETZPFANDT/ michael@setzpfandt.com

Bonaventure Ndikung, 1977 in Yaoundé, Kamerun, geboren, lebt seit 1997 überwiegend in Berlin. Er hat ­Lebensmittelbiologie und dann Biophysik in Montpellier studiert. Für ihn ist es kein Widerspruch, dass einer seiner Schwerpunkte als Kurator heute die deutsche Kolonialgeschichte ist. Zur Kunst sei er durch das Lesen gekommen, sagt der promovierte Biotechnologe. Er sei mit vielen Büchern aufgewachsen, sein ­Vater war Anthro­pologe. Reden vom Panafrikanismus und Postkolonialismus gehörten zum Alltag, erinnert er sich. Die Werke des Autoren und Sozialanthropologen Jomo Kenyatta, später erster Staatspräsident Kenias nach der Unabhängigkeit, habe er verschlungen, erzählt ­Ndikung, im Alter von 14 Jahren hätten sie ihm die Augen geöffnet.

Documenta-Radio aus Berlin

Die Welt durch das Brennglas des globalen Südens zu sehen, habe ihn immer interessiert: die Kunst des Südens, die Philosophie und die Poesie, aber auch die Geschichtsschreibung. Der postkoloniale Diskurs ist ein weiterer Grund, warum Bonaventure Ndikung ins Team der Documenta berufen wurde: Die 14. Ausgabe der wichtigsten Kunstausstellung in Europa beschäftigt sich sehr viel radikaler als frühere mit dem Süden. Viele meinten immer noch, die Kunst sei eine Domäne des Westens, sagt Ndikung, sie gehöre Europa und Nordamerika, in Afrika gebe es „nur Stammeskunst“.

In seinem Beitrag für das Documenta-Magazin „South“ rechnet er vor, dass in den 80er-Jahren Afrika Ähnliches erlitt, wie Griechenland jetzt durch die Austeritätspolitik: einen Kreislauf aus Schulden, Arbeitslosigkeit, Armut. „Athen ist wie ein Prisma, durch das man die ganze Welt sehen kann“, sagt er. Als Ausstellungsmacher will er Räume öffnen für Wissenssysteme, die anders funktionieren als die westlichen. Und Vor­urteile durch Dialog revidieren. Soziopolitische Themen entnimmt er aus der Lage der Welt. Man müsse nur die Augen aufmachen, hinschauen, identifizieren und ästhetische Formen finden.

Mit den Künstlern ist er auf Spurensuche gegangen, auch in Athen mit seiner Geschichte, die viel mit Deutschland zu tun hat. „Künstler sind denkende Körper“, sagt Ndikung. Künstler mit starken Positionen hat er für die Documenta eingeladen, darunter den Fotografen Akinbode Akinbiyi und Emeka Ogboh. ­Einen Schwerpunkt legt er auf Klang, die Übersetzung des Visu­ellen ins Akustische, auf Vielstimmigkeit. Da scheint es fast zwingend, dass er auch ein Zeit und Raum überspannendes Projekt leitet: das Documenta-Radio. Als Radiowellen überwinden Klangkunststücke schnell physische Grenzen. In acht Ländern senden Künstler immer 21 Tage Liveprogramm als Dauerperformance.

„Ndikung gehört zu den aufregendsten Kuratoren der aktuellen Gegenwartskunst“, sagt Ute Müller-Tischler, Kulturamtsleiterin in Mitte, „weil er künstlerische Diversität und Networking als globale Praxis sieht.“ Ab 17. Juni lädt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung in den Berliner Kunstraum Savvy ein: Dann steht die ­Documenta-Sendestation in Berlin.

www.documenta14.de