Black Box Betäubungsmittel

Die Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg will kostenfrei Substanzen testen

Berliner Drogen werden immer stärker, rein sind sie nicht. Die Beimischungen können Leben kosten. Eine Initiative will das verhindern, indem sie kostenfrei Substanzen testet – gegen den Willen des Senats

Text: Martin Schwarzbeck

Hans Cousto ist vielleicht der erfahrenste Drogenkonsument Berlins. Als die Zeitschrift „Hanf Journal“ fragte, welche Drogen die Leser schon genommen hätten, reichte Cousto ein DIN-A4-Blatt ein, jede Zeile in gedrängter, ordentlicher Handschrift beschrieben. „Am liebsten konsumiere ich Indolpräparate: LSD, Psilocybin, DMT oder 5-MeO-DMT, was sehr lecker ist“, sagt er. Cousto, 66 Jahre, hager, gegerbtes Gesicht, leichtes Zittern, wache Augen, sitzt zurückgelehnt auf einer Couch im KitKatClub. Vor ihm steht ein Tisch, darauf liegen Flyer und Broschüren zu verschiedenen Drogen, Kondome, Lutscher. Fast jede Woche ist Cousto damit auf Partys und Festivals unterwegs. Er und seine Mitstreiter sind die Frontlinie der Drogenaufklärung, so nah am Nutzer wie sonst kaum ein Hilfesystem.

Tödliche Mischungen

Immer mehr Berliner nehmen Drogen. Laut epidemiologischem Suchtsurvey der Bundesregierung von 2012 haben 42,5 Prozent der 15- bis 64-Jährigen Erfahrung mit illegalen Substanzen. Das sind fast eine Million Menschen, die Zahl ist seit 1995 kontinuierlich gestiegen. Und obwohl Drogen wie XTC, Speed und Kokain in den letzten Jahren immer sauberer werden, sind regelmäßig potenziell tödliche Mischungen im Umlauf, weil die Grundsubstanzen dafür günstiger oder leichter erhältlich sind oder die Synthese nicht fachgerecht abläuft.

Ein jugendlicher Partygast beugt sich zu Cousto, erzählt, er habe von PMA gehört, und dass daran Menschen gestorben seien. Cousto weist auf ein paar bedruckte Blätter an der Wand. „Da kannst du gucken, ob deine Pille schon getestet wurde.“ Die Lis­ten kommen aus der Schweiz. In Berlin ist die umfassende Analyse der Polizei vorbehalten. Der Senat verweigert sich diesem Ansatz der Risiko­minimierung. In der Schweiz hingegen fahren Wissenschaftler mit einem mobilen Labor von Party zu Party und testen Drogen, für die Nutzer kos­tenlos. Eine Pille oder ein Zwanzigstel Gramm Pulver brauchen sie dafür, drei Viertel der Pille gibt es nach der Analyse zurück. Die Nutzer erfahren im Normalfall innerhalb von 30 Minuten, was in der Substanz drin ist und wie viel davon. Fast jeden Freitag zwischen 18 und 19 Uhr, pünktlich zum Wochenendeinstieg, schickt Saferparty.ch eine Liste mit aktuellen Warnungen über den Verteiler. Darin sind Drogen beschrieben, die nicht beinhalten, was sie versprechen, oder besonders hoch dosiert sind. Die Schweizer haben jetzt sogar eine App herausgegeben, mit der man die Warnungen direkt aufs Smartphone bekommt.

Nicht nur in der Schweiz, auch in Öster­reich, den Niederlanden und Spanien wird Drugchecking seit vielen Jahren betrieben. Die Analyse fördert auch eine Auseinander­setzung mit dem eigenen Konsum­muster. Die Logik: Wer weiß, was er tut, der geht auch bewusster damit um. Das nackte Wissen erhöht das Reflexions­vermögen. Es macht klar, dass Gefährliches drin ist im Stoff, immer. Die Konsumenten beginnen eine Risiko­abwägung.

Cousto hat 1995/96 mit dem Verein Eve & Rave schon einmal Drugchecking in Berlin betrieben. Für 70 Mark konnten Konsumenten ihre Pillen und Pulver einschicken, die Menschen von Eve & Rave reichten sie an das Gerichtsmedizinische Institut der Charité weiter. 150 Proben wurden analysiert, bis die Staatsanwaltschaft die Vereins­räume und die Charité durchsuchen ließ. Doch das Gericht lehnte die Eröffnung der Hauptverhandlung ab, weil es den Tat­bestand des Besitzes nicht gegeben sah. Die Drug­checker führen die Drogen schließlich nur der Vernichtung durch die Analyse zu. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision, das zweite Gericht bestätigte das erste.

Der Wissenschaftler und die Politik

Doch weil das Bundesinstitut für Arznei­mittel und Medizinprodukte (BfArM) der Charité-Gerichtsmedizin die Erlaubnis entzog, Analysen für Privatpersonen oder Szene­organisationen durchzuführen, wird in Berlin seitdem wieder auf gut Glück geschluckt, geschnieft und gespritzt. Im Dunkeln sozusagen.

Tibor Harrach hat in den 1990er-Jahren das Drug­checking-Programm von Eve & Rave in Zusammenarbeit mit der Charité geleitet. Heute hat der Pharmazeut seinen Apothekerkittel über den Schreibtischstuhl gehängt, um als Mitbegründer der Drug­checking­initiative Berlin-Brandenburg zu sprechen. Außer ihm versammeln sich dort vor allem Mitarbeiter aus der Drogenhilfe, der Suchtprävention und der Aidshilfe sowie Politiker der Grünen und Linken. Harrach sagt: „Viele der 119 Drogentoten in Berlin im vergangenen Jahr starben durch versehent­liche Überdosen und Verunreinigungen. Wir sollten Wirkstoff­dosierungen und gefährliche Substanzen lieber im Stoff analysieren als später in den Toten.“ Harrach sieht im Drugchecking auch eine Möglichkeit, mit Konsumenten, die vom Drogenhilfesystem bisher nicht erreicht werden, in Kontakt zu kommen. „Weil es ein an den Bedürfnissen orientiertes An­gebot ist. Man kann dabei Informationen über Dosierung, Neben- und Wechselwirkung von Drogen sehr glaubwürdig vermitteln und weitergehende Beratung anbieten.“

Nach der Eve-&-Rave-Rechtsprechung ist Drug­checking auch ohne Erlaubnis des Bundes­instituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und ohne Änderung des Betäubungsmittelgesetzes möglich. Bestimmt 100 Labore in der Stadt könnten Drogen mit Methoden wie der Gaschromatografie gekoppelt mit Massenspektro­skopie analysieren. Neben der Polizeitechnik untersuchen mindestens drei weitere landes­eigene Laboratorien Drogen im Auftrag des Senats. Doch die Informationen werden nicht veröffentlicht. Im April dieses Jahres wurde ein Antrag der Piraten, die Analyse-Ergebnisse der Polizei auch Drogenhilfeeinrichtungen zur Verfügung zu stellen, von SPD und CDU abgeschmettert. Konsumenten könnten zwar ihre Drogen von einer Apotheke ins Zentrallabor Deutscher Apotheker schicken lassen, doch die Untersuchung kostet gut 150 Euro. Legal Highs, im Internet bestellbare legale Rauschmittel, werden seit zwei Jahren durch Vermittlung von Legal-high-­inhaltsstoffe.de kostenfrei analysiert, doch wird nur veröffentlicht, was drin ist, nicht, wie viel.

Alles wieder möglich

Dabei ist das Drugchecking sogar im aktuellen Berliner Koalitionsvertrag von 2011 verankert. Dort heißt es auf Seite 84: „Träger der ambulanten Drogenhilfe sollen suchtgefährdeten Konsument/inn/en illegaler Drogen mit ‚Drug Checking‘ einen verbesserten Zugang zu Kontakt-, Beratungs- und Therapie­angeboten bieten. […] Eine gesetzliche Klarstellung der Straf­freiheit des ‚Drug Checkings‘ wird vorangetrieben.“ Bereits ein halbes Jahr vor dem Erscheinen des Vertrags haben Polizei und Staatsanwaltschaft auf einem Symposium der Drug­checking­initiative Berlin-Brandenburg ihre Gesprächsbereitschaft signalisiert. Doch passiert ist nichts. Im Februar 2013 fragte Harrach Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) bei einem Gespräch im Abgeordnetenhaus, ob denn zumindest die rechtliche Klarstellung vorangetrieben werde. Czaja verwies an den Justizsenator, dessen Staatssekretär, ebenfalls anwesend, verwies an Czaja zurück. Im November 2013 hakte Klaus Lederer von der Linken noch einmal nach. Czaja ließ über seine Staats­sekretärin ausrichten, dass zum Drug­checking eine Erlaubnis des BfArM nötig sei. Die Landesdrogen­beauftragte Christine Köhler-Azara unterstützt diese Position. Um eine Genehmigung bemüht habe man sich bisher nicht. Köhler-Azara sagt: „Ich halte Drug­checking für kontraproduktiv, weil es den Menschen Verantwortung abnimmt. Drogen­konsumenten nehmen Drogen, obwohl diese verboten sind, dann müssen sie auch die Verantwortung dafür tragen.“

Nun könnte es sein, dass Berlin über­holt wird. Die schwarz-grüne Koalition in Hessen plant einen Modellversuch zum Drug­checking. Dabei blockieren sich die Hessen nicht mit rechtlichen Bedenken, sondern gehen wie bereits in den 1990er-Jahren bei der Eröffnung der ersten Druck­räume in Frankfurt am Main pragmatisch vor, indem sie Polizei, Staats­anwaltschaft, Verwaltung und Sucht­prävention an einen Tisch holen, um die Bedingungen zur Umsetzung von Drug­checking auszuloten.

Der Guerilla-Drogentester

In Berlin gibt es bisher nur eine Art Guerilla-Drogentest. Martin Steldinger, 32, ist ähnlich wie Hans Cousto regelmäßig mit einem Info­stand auf Partys unterwegs. Doch er bietet noch ein besonderes Gimmick. Anfang des Jahres, eine Goa-Party. Steldinger sitzt am Rand der Tanzfläche auf einem Sofa. Es ist düster, Bässe wummern. Eine junge Frau setzt sich zu ihm, holt ein Tütchen weißes Pulver heraus. Steldinger knipst die Lampe an, die er für die Tests aufgebaut hat, gibt eine Messerspitze Pulver auf einen weißen Keramikteller, den er aus dem Rucksack holt. Auch ein kleines, braunes Fläsch­chen kommt zum Vorschein. Neugierige sammeln sich um die Szenerie. Steldinger gibt einen Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit aus dem Fläsch­chen auf den Teller. Marquis-Reagenz, eine Mischung aus konzentrierter Schwefelsäure und Formaldehyd. Sobald sie auf das Pulver trifft, verfärbt sie sich gelblich. „Das ist wahrscheinlich Speed“, sagt Steldinger. Bei MDMA wäre die Farbe blau gewesen, bei 2CB grün. Die Marquis-Reagenz ist frei erhältlich, doch viele Informationen verrät sie nicht. Nicht, wie viel vom erwünschten Stoff im Pulver oder in der Pille ist, nicht, was noch an gesundheits­schädlichen Sub­stanzen darin steckt. Die junge Frau geht Richtung Toilette, Steldinger kippt Backpulver auf den Teller, um die Reagenz zu neutralisieren, dann kommt das Gemisch in den Müll.

Momentan findet auch in Kooperation mit der Zeit eine große Online-Umfrage zum Thema Drogenkosum statt: Der GlobalDrugSurvey

Mehr zum Thema:

Drugchecking-Initiative Berlin-Brandenburg
http://www.drogenkult.net/
Homepage von Eve & Rave