Gesundheit

Drugchecking: Vertrauen ist gut, Kontrolle wäre besser

Der Senat bereitet ein deutschlandweit einzigartiges Modellprojekt vor: Das Drug-Checking. Jede*r soll so anonym und kostenlos seine Drogen auf ihre Zusammensetzung testen lassen können. Wie soll das funktionieren?


Es ist Wochenbeginn in Berlin, ein Dienstag zum Beispiel. Die Vorfreude aufs Wochenende stellt sich bereits langsam ein, dieses Mal soll es so richtig abgehen. So richtig, das heißt natürlich, das was geholt werden muss. Dieses „was“, das sind Drogen. Ecstasy, MDMA, Speed, Kokain, Ketamin, GHB, je nach persönlicher Vorliebe. Man fährt zu seinem*r Dealer*in oder – wenn man keine*n hat – zur Warschauer Straße oder zum Görlitzer Park, Berlins deutschlandweit bekannten Drogenverkaufsplätzen. Und kauft „was“. Nur, ob das illegal erstandene Tütchen weißes Pulver auch das ist, was der Dealer vorgab, einem zu verkaufen, weiß man nicht. Vertrauen ist gut, Kontrolle gibt es nicht.

Das soll sich nun ändern. Der Berliner Senat plant, das sogenannte Drug-Checking einzuführen. Das Konzept: als Konsument*in Drogen anonym und kostenlos auf ihren Inhalt testen lassen zu können. Man gibt eine kleine Probe an einem von drei Standorten ab; ein paar Tage später erhält man online, per Telefon oder persönlich das Ergebnis. Denn der Stoff vom Schwarzmarkt kann mit allen möglichen Substanzen gestreckt sein, von harmloser Lactose bis zu Entwurmungsmitteln. Manche Streckmittel sind pharmakologisch unwirksam, andere hingegen nicht.

Pillen gezielter schmeißen

Gefährlich werden können nicht nur die Streckmittel, sondern gerade bei Ecstasy auch die Konzentration des Wirkstoffs. Der medienwirksame Fall einer Touristin, die nach dem Konsum von zwei Ecstasy-Pillen im Berghain verstarb, wäre vielleicht nicht eingetreten, wenn sie gewusst hätte, wie hochdosiert manche Pille sein kann. Dass man mit einer Vierteltablette beginnen sollte. Denn auch das ist Teil des Drug-Checkings: Zur Abgabe der Drogenproben gehört neben den Tests ein informierendes und beratendes Gespräch.

Schön weiß, das Pulver. Aber was ist wirklich drin? Vielleicht ja Entwurmungsmittel…
Foto: Susan Schiedlowsky

In der Schweiz, in Österreich und in den Niederlanden gibt es das, zum Teil schon seit den 90er-Jahren. Auch hierzulande wurde damals noch Drug-Checking durchgeführt. Der Verein Eve & Rave organisierte solche Tests beispielsweise in Kooperation mit dem gerichtsmedizinischen Institut der Charité. Doch nachdem 1996 die Polizei eine Razzia in den Räumen des Vereins durchgeführt hatte, war damit Schluss. Nicht genehmigter Besitz von Betäubungsmitteln lautete der Vorwurf.

Seitdem schien eine rechtliche Grundlage für das Drug-Checking in Deutschland nicht gegeben. Dass diese vom politischen Willen abhängt, zeigt sich jetzt: Der Koalitionsvertrag der Berliner Regierung sah ein solches Projekt vor, eine rechtliche Stellungnahme wurde eingeholt. Demnach „ist das hier vorgelegte Konzept für das Drug-Checking legal“, erklärt ein Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit. Anschließend lag es an den Senatsverwaltungen für Justiz und Inneres zu entscheiden, „ob wir der Rechtsauffassung folgen können“. Da der Wille da war, konnten sie.

Drei Trägerorganisationen mit Erfahrung in der Suchthilfe sind als Anlaufstelle für das stationäre Drug-Checking bereits ausgewählt. Nun müssten nur noch die Absprachen mit den Testlaboren getroffen werden, so der Sprecher. Einen konkreten Starttermin möchte daher noch niemand nennen – er scheint jedoch in naher Zukunft zu liegen.

Dass das nicht alle befürworten, ist klar. Die FDP kritisiert das Vorhaben als „Förderprogramm für die organisierte Kriminalität“. Der Vorwurf, Drug-Checking impliziere eine Billigung und Quasi-Legalisierung von illegalen Drogen, liegt nahe. Der Ansatz hinter dem Drug-Checking geht jedoch davon aus, dass Drogen sowieso genommen werden – ob sie nun verboten und verunreinigt sind – oder nicht. Eine Annahme, die durchaus der Realität entsprechen dürfte. So ergab eine im vergangenen Jahr erstellte Studie zum Thema Drogenkonsum im Berliner Nachtleben, dass rund die Hälfte der Befragten im vergangenen Monat Amphetamine oder Ecstasy genommen hatte. Davon ausgehend soll Drug-Checking schadensmindernd wirken: Man wolle Konsument*innen frühzeitig erreichen, Überdosierungen vermeiden und wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema gewinnen, so die Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit.

Clubgänger*innen, die Zielgruppe, begrüßen das Projekt sehr, wie eine spontane Umfrage der Autorin in einigen Berliner Clubs ergab: „So können Leute Pillen viel gezielter schmeißen und besser einschätzen“, sagt etwa eine junge Berlinerin, die anonym bleiben möchte.

Zukünftig könnte also zwischen Drogeneinkauf und Rausch ein weiterer Schritt stehen: ein Gang zum Drug-Checking. Dass den nicht alle User*innen auf sich nehmen werden, ist klar. Dennoch: Die Möglichkeit zu einem aufgeklärten Drogennehmen wird da sein.