Drugstore, Potse und Syndikat

Legenden enden

Für mehrere linke Berliner Institutionen geht es derzeit um die Existenz. Den Schöneberger Jugendzentren Drugstore und Potse und der Neuköllner Kiezkneipe Syndikat drohen zum Ende des Jahres Räumungen. Aber kampflos geben sie nicht auf

Auf so viel Andrang ist der BVV-Saal im Rathaus Schöneberg nicht ausgelegt. Es ist der 17. Oktober, 17 Uhr, die Sitzplätze sind voll besetzt, hinter den Stühlen und am Saaleingang drängen sich weitere Schaulustige. Punk schallt von einer Bühne auf dem Vorplatz durch die Fenster, unten findet eine Kundgebung statt. Eine ältere Dame tritt ans Mikrofon: „Es tut mir leid, aber ich muss all diejenigen, die keinen Sitzplatz haben, bitten zu gehen. Der Raum hat nur eine begrenzte Kapazität.“ Beschwerden werden laut, jemand ruft: „Buh!“ Unter Protesten verlassen die Stehenden den Saal. Dann wird es ruhig – schließlich wollen alle hören, ob es Neuigkeiten zur Zukunft der Jugendzentren Potse und Drugstore gibt.

Konzert-Bühne in der Potse
Foto:Saskia Uppenkamp

Diese Zukunft ist derzeit sehr ungewiss. Bis spätestens 3. Januar 2019 sollen beide Einrichtungen aus der Potsdamer Straße 180 ausziehen. Nach 46 Jahren selbstverwalteter und ehrenamtlicher Jugendarbeit müssen sie Veranstaltungsbetrieb und Projektangebote womöglich einstellen. Und damit sind Drugstore und Potse nicht allein: Auch viele linke Kneipen bangen dieser Tage wegen auslaufender Miet- oder Pachtverträge um ihre Existenz – so zum Beispiel Syndikat, Meuterei oder K-Fetisch. Die Stadt wird immer enger. Anders als viele landeseigene Kulturinstitutionen sind die Orte der Alternativkultur kaum vor Verdrängung geschützt.

Drugstore und Potse teilen sich eine Etage im zweiten Stock der Potsdamer Straße 180. Die Wände sind mit verblichenen Plakaten vergangener Veranstaltungen und bunten Wandmalereien bedeckt, eine zeigt einen popelnden Punk. Abgewetzte Sofas stehen in den Räumen, hinter den Bars stapeln sich rote Kästen mit Sternburg-Bier. Die beiden unkommerziellen Jugendzentren sind echte West-Berliner Institutionen: Generationen von Teenagern erlebten hier ihre ersten Konzerte, immer kostenlos. Soilent Grün, die Vorgänger-Band der Ärzte, oder Techno DJ Dr. Motte spielten hier bereits. 1972, vor 46 Jahren, bezog ein Teil des Kollektivs der damaligen Jugendkneipe „Hand Drugstore“ die leerstehenden Räume in der Potsdamer Straße, die dem Bezirk Schöneberg gehörten. Von Beginn an förderte der Bezirk das Projekt und zahlt bis heute dessen Miete. Anfang der 80er-Jahre zog das Potse-Kollektiv auf die andere Seite des Flurs. Beide Orte sind Legenden der Gegenkultur.

Punk beim Popeln über dem Drugstore-WC
Foto: Saskia Uppenkamp

Soso, Domi, Lothar und Paul sitzen auf zwei alten Sofas im Proberaum des Drugstore. Auf einem ausgefransten Teppich steht ein Schlagzeug, einige Verstärker liegen herum. Soso, Domi und Paul arbeiten ehrenamtlich hier, Lothar besucht das Jugendzentrum schon seit den Anfangstagen im Jahr 1972.

„Wir können die Schließung vielleicht nicht mehr aufhalten“, sagt Soso, blaue Haare, schwarzer Pulli. Seit sieben Jahren organisiert sie den Drugstore mit. Den Betrieb zu unterbrechen wäre fatal, fürchten die Ehrenamtlichen. „Jugendarbeit funktioniert über menschliche Bindungen. Häufig können Jugendzentren nach langer Unterbrechung ihre Arbeit so nicht mehr fortsetzen“, sagt Lothar. Einerseits verlieren die Jugendlichen einen wichtigen Treffpunkt, zu dem sie nach einer Wiedereröffnung vielleicht nicht zurückkehren – als Jugendlicher kann sich das soziale Umfeld schnell ändern. Andererseits können bei längerer Pause auch die Kollektive auseinanderbrechen.

Selbstverwaltet und einzigartig

Seit 2013 ist die Intown Property Management GmbH die Eigentümerin des Gebäudes. Im Jahr 2015 stellte sie eine 60-prozentige Mieterhöhung, der der Bezirk nicht nachkommen wollte. Daraufhin kündigte Intown den Mietvertrag. Die Räumung konnte zwar zunächst um drei Jahre aufgeschoben werden, jetzt müssen Drugstore und Potse aber definitiv ausziehen.

Soso, Paul, Lothar und Domi (v. l. n. r.) im Drugstore
Foto: Saskia Uppenkamp

Der Bezirk verhandelt derzeit mit landeseigenen Wohnunternehmen über zwei mögliche Ausweichquartiere. Mit der Gewobag, der Eigentümerin eines Objekts in der Potsdamer Straße 134, befinde man sich bereits in Absprache über den Mietvertrag, allerdings seien die Räume unsaniert und müssten ein halbes Jahr lang umgrebaut werden, so ein Vertreter der Bezirksverordnetenversammlung. Für das zweite Objekt, das der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) in der Potsdamer Straße 140 gehört, liege hingegen noch kein Vertragsangebot vor.
Im Haus der Gewobag wäre spätestens um 22 Uhr Schluss mit dem Musikprogramm. Bandproben und Punkkonzerte könnten in gewohnter Form nicht mehr stattfinden – denn hier gibt es auch Wohnungen. Außerdem sind beide Ausweichquartiere kleiner als die jetzigen Räume. Um ihre Angebote vollständig fortzuführen, wollen Potse und Drugstore daher andere Objekte.

Am Wochenende spielen im Drugstore lokale und internationale Punk- und Rockbands. Sonntags werden im „Katerkino“ Filme gezeigt. Die Jugendlichen organisieren auch Flohmärkte oder kochen gegen Spende für jeden, der mitessen will. Oder sie besuchen gemeinsam Demonstrationen, zum Beispiel für das räumungsbedrohte Hausprojekt Liebig34 in Friedrichshain. Außerdem proben hier regelmäßig Bands und Theatergruppen.

Mit ihrem selbstverwalteten und unkommerziellen Ansatz sind die Jugendzentren Drugstore und Potse in Berlin einzigartig. Die Zentren beschäftigen keine Sozial­arbeiter, daher kümmern sich die Jugendlichen mithilfe der älteren Ehrenamtlichen selbstständig um die Organisation von Konzerten, Kinovorstellungen, Küfas oder Siebdruckworkshops – und lernen so, Verantwortung zu übernehmen. Mit ihrem alternativen Stil ziehen Drugstore und Potse junge Menschen an, die sich für linke Themen oder Punkmusik interessieren. Sie beschäftigen sich mit sozialen und umweltpolitischen Fragen und lernen hier politisches Engagement.

Am 17. Oktober um 17 Uhr, gleichzeitig mit den BVV-Beobachtern in Schöneberg, versammeln sich auch vor dem Rathaus Neukölln viele Menschen. Sie warten auf die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Besucher sind unterschiedlichen Alters, sie halten Fahrräder, Kinder oder Hundeleinen. Einige öffnen bereits die erste Flasche Sternburg. Auf einem weißen Banner steht in Großbuchstaben: „Syndikat bleibt!“ Denn auch die linke Kneipenikone an der Weisestraße hat zum Jahresende eine Kündigung erhalten – nach 33 Jahren im Neuköllner Norden.

Ein paar Tage später, vier Uhr nachmittags: Im Syndikat ist die Theke gewischt, die Stühle sind an die Tische geschoben. Die Wände sind rot, es riecht nach altem Rauch. Hinten steht ein Billardtisch, in der Ecke ein Kicker. Beide sehen aus, als stünden sie schon seit der Gründung im Jahr 1985 hier. Die Kaffeemaschine zischt leise. Christian stellt eine Tasse auf den Tresen und greift nach Milch und Zucker. Sein Kollege Lukas lehnt an der Wand neben dem Schnapsregal und beißt in ein Brötchen. „Das Syndikat ist unser Wohnzimmer”, sagt Christian. Es sei ein wichtiger Ort, um Freunde und Bekannte zu treffen – und ihr Lebensmittelpunkt.

Christian, 41, verbrachte vor 20 Jahren seinen ersten Abend im Syndikat. Zwölf Jahre ist es her, dass er die Tresenseite wechselte und Teil des Kollektivs wurde.

Altes gegen neues Berlin

Das Syndikat in der Weisestraß e
Foto: Saskia Uppenkamp

Der Kollektivgedanke bestimmt den täglichen Betrieb im Syndikat: In Plenen entscheiden die Mitglieder nach Mehrheitsprinzip, zum Beispiel über den Alltag in der Kneipe und wie sie Spendengelder einsetzen. In grundsätzlichen Fragen aber ist Einstimmigkeit nötig. Alle Mitarbeiter erhalten den gleichen Lohn. Häufig veranstaltet das Syndikat Soli-Partys, bei denen die Einnahmen und Trinkgelder gespendet werden, zuletzt an ein anarchistisches Radioprojekt in Berlin und das Weisestraßenfest. Sexismus und Rassismus lehnt das Kollektiv ab, es will einen offenen Raum für emanzipatorisches Denken bieten – und Bier für zwei Euro verkaufen.

An Samstagabenden liefern sich im Syndikat ab halb neun Startup-Mitarbeiter Kickerduelle mit bunt­haarigen Punks, Neuköllner Urgesteine unterhalten sich mit Berghain-Szenepublikum. „Unsere Kundschaft ist kunterbunt“, sagt Lukas, 29, der ebenfalls seit mehreren Jahren Teil des Kollektivs ist. Er hat sich mit Christian an einen der schwarzen Tische gesetzt, hinter ihm steht der alte Kicker. Lange lebte Lukas im Neuköllner Wohnprojekt Friedel54, dessen Kiezladen im letzten Jahr geräumt wurde. Dass dem Syndikat nun womöglich das gleiche Schicksal droht, trifft ihn: „Langsam nehm ich’s persönlich“, sagt er, lacht dabei aber.

„Langsam nehme ich’s persönlich“: Lukas (l.) und Christian im Syndikat
Foto: Saskia Uppenkamp

Der Mietvertrag des Syndikats ist schon öfter ausgelaufen, bisher machte die Hausverwaltung Deutsche Immobilien Management GmbH aber jedes Mal ein Angebot zur Neuverhandlung. Vor dreieinhalb Monaten stellte sie wieder die Vertragserneuerung in Aussicht. Mitte September aber schickte sie plötzlich die Kündigung. Der Eigentümer ist eine Briefkastenfirma aus Luxemburg.

Als das Syndikat Mitte der 80er öffnete, war der umliegende Schillerkiez eine der ärmsten Gegenden Berlins, er lag mitten in der Einflugschneise des Flughafen Tempelhof. Sperrmüll, Hundekot und bröckelnde Hausfassaden prägten das Straßenbild. „Niemand wollte hier freiwillig hinziehen“, sagt Lukas.

Heute treffen sich Familien im Kiez zum Brunchen, in den geputzten Schaufenstern der Frühstückscafés liegen vegane Kuchen aus, Boutiquen im gehobenen Preissegment verkaufen Einzelstücke aus Paris. Seit der Flughafen im Jahr 2008 geschlossen wurde, verändert sich der Kiez rasant. Viele alteingesessene Unternehmen können mit den schnell steigenden Mieterhöhungen nicht mithalten. Der Schillerkiez ist Milieuschutzgebiet. Das Milieuschutzgesetz gilt aber nicht für Gewerbemietverträge – also auch nicht für das Syndikat. Der Bezirk ist machtlos.

Bezirkstadtrat Jochen Biedermann (Grüne) sagt: „Das Syndikat ist eine wichtige Institution im Schillerkiez.“ Da er keine Möglichkeit hat, einzugreifen, bietet er eine Moderation mit dem Vermieter an – falls der sich melden sollte. Seit der Kündigung reagiert die Firma nicht mehr auf Anfragen.

Auch in der Potsdamer Straße 180 prallen seit letztem Jahr altes und neues Berlin aufeinander: Zwei Stockwerke über dem Drugstore zog im Sommer 2016 der Co-Working- und Co-Livingspace-Anbieter Rent24 ein. Der vermietet Gemeinschaftsbüros sowie temporär geteilte Arbeits- und Wohnmöglichkeiten. Das Konzept richtet sich an flexibel arbeitende Unternehmer oder Startups, deren Mitarbeiter dort schlafen wollen, wo sie arbeiten – und das am besten umgeben von Gleichgesinnten. In der Potsdamer Straße 180 befindet sich ein solches Schlaf-Büro. Auf der Website von Rent24 lässt sich ein Blick in die Innenräume werfen: Die Badezimmerwände sind mit Stein vertäfelt, modische Betten mit Schaffellen dekoriert. Ein Doppelzimmer ist ab 55 Euro die Nacht zu haben.

Die Jugendzentren sind auf Rent24 nicht gut zu sprechen – auch weil die Polizei nun öfter wegen Ruhestörung vor der Tür steht und Konzerte beendet. Die Nachbarn scheinen sehr hellhörig zu sein.

Während der Bauarbeiten seien Wasserrohre beschädigt worden, beklagt die Runde im Drugstore-Proberaum. „Wir haben es erst dann mitbekommen, als bei uns der ganze Vorraum unter Wasser stand“, sagt Soso. Vor allem mit den Sicherheitskräften von Rent24 gebe es aber regelmäßig Stress: Auf der Eröffnungsveranstaltung von Rent24 hätten sie Demonstrierende attackiert, in anderen Fällen hätten sie sich wie Türsteher vor der Eingangstür postiert und Besuchern den Eintritt verwehrt. Rent24 teilte uns dazu mit, dass sie  an diesem Abend die Polizei rufen mussten.

Später Knall

Während der Feier zum 46. Geburtstag des Jugendzentrums in der Nacht zum 16. September steht gegen 3 Uhr morgens eine Einsatzhundertschaft der Polizei vor der Tür. Mit der Begründung, dass „Gefahr im Verzug“ bestehe, stürmen die Beamten das Gebäude. Zu diesem Zeitpunkt sind die Konzerte bereits beendet. Das Kollektiv berichtet von massiver Gewalt gegen jugendliche Besucher und Mitarbeiter. Der Einsatz sei verhältnismäßig verlaufen, so die Polizei.

In einer Pressemitteilung kritisiert Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD) das Vorgehen der Polizei. Er will den Einsatz untersuchen lassen: „Wir werden dazu beitragen, eine weitere Eskalation zu vermeiden”, schreibt er. Seit dem Polizeieinsatz fühlen sich die Macher von Drugstore und Potse von der Bezirkspolitik ernster genommen. „Es musste erst knallen, bis Bewegung reinkommt. Nur dass es erst jetzt, kurz vor Schluss geknallt hat, ist ungünstig“, sagt Domi.

Mit dem Syndikat und der ebenfalls räumungsbedrohten Kneipe Meuterei veranstalteten sie vor kurzem Aktionswochen, auf denen sie sich gegenseitig besuchten, über ihre Lage sprachen und ihr gemeinsames Ziel: ihr Überleben als Kollektive. Unter dem Hashtag #unserfreiraum starten sie nun auch eine Videokampagne auf Facebook. Unter dem Motto „Let’s Get United Again“ planen sie am Samstag, dem 15. Dezember, eine musikalische Demo vor dem Rathaus Schöneberg, auf der mehrere Punkbands spielen sollen.

Klare Ansagen am Fenster des Symdikats
Foto: Saskia Uppenkamp

Im Syndikat saßen schon zur ersten Kneipenversammlung am 17. September, die nur über Aushänge beworben wurde, 80 Menschen. „Schon da hat man gemerkt, was das für ein Thema hier im Kiez ist – alle Leute waren um Punkt fünf Uhr da, haben sich hingesetzt und waren still“, sagt Christian, der hier seit zwölf Jahren hinter dem Tresen steht. Bei der zweiten Veranstaltung waren schon mehr als 200 Menschen da.

Jeden Samstag informiert jetzt ein Stand am Herrfurthplatz über die aktuelle Lage; eine Video-AG dokumentiert inzwischen die Kundgebungen und Versammlungen. „Wir wollen den öffentlichen Druck auf die Eigentümer und die Hausverwaltung erhöhen, damit sie sehen, wie wichtig diese Läden für viele Menschen hier sind“, sagt Lukas.

Lukas und Christian sitzen auf den wackligen Hockern am Kneipentresen. Lukas greift nach der Tabakpackung und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen. Eine Kreidetafel hinter ihnen kündigt die Feier zum 33. Geburtstag an, die vor wenigen Tagen unter dem Motto „Doomsday“ stattfand. Am Laden läuft laut lachend eine Gruppe junger Menschen vorbei. Durch die Scheibe hört man, wie sie sich auf Englisch unterhalten. Wie man die anwohnerfreundliche Kiezstruktur trotz steigender Besucherzahlen erhalten kann? Die beiden haben eine letzte rettende Idee: „Wir könnten einfach ein Dorf in Brandenburg zum Erlebnispark für Touristen machen, in denen alternatives Leben nachgespielt wird – mit Flughafen, Kneipen und allem drum und dran.“

Drugstore und Potse suchen nach Ersatz-Objekten, Videomaterial für ein Doku-Projekt und Gründungsmitgliedern: www.drugstore-berlin.de

Siebdrucken, Brettspiele spielen, Proberaum oder Konzerte – alles kostenlos. Öffnungszeiten variieren, Veranstaltungen und Kontakt auf: www.facebook.com/SJZDrugstore

  • Demonstration „Let’s Get United Against Gentrification, Racism and War“: 15.12.,  ca. 14.03 Uhr, Rathaus Schöneberg

Kontakt zum Syndikat-Kollektiv: syndikatbleibt@riseup.net