Kriegsdrama

„Dunkirk“ von Christopher Nolan

Packendes Kino als physische Erfahrung von Christopher Nolan

Foto: Warner
ZITTY-Bewertung: 5/6

Über die Wirkung von Kriegsfilmen hat der US-amerikanische Filmemacher ­Samuel Fuller einmal gesagt, dass man dem Publikum eigentlich immer mit echten Kanonen über den Kopf schießen müsste, um einen wahrhaft physischen Eindruck zu hinterlassen. Mit „Dunkirk“, dem Kriegsdrama über die Evakuierung alliierter Truppen aus dem von der deutschen Wehrmacht im Jahr 1940 eingeschlossenen nordfranzösischen Dünkirchen, hat der englisch-amerikanische Ausnahme-Regisseur Christopher ­Nolan („The Dark Knight“, „Inception“) jetzt ein weniger gefährliches, aber kaum weniger wirkungsvolles Äquivalent zu ­Fullers Vor­gabe geschaffen: ein 106 ­Minuten dauerndes Bild- und Tonbombardement, das dem Zuschauer im Wortsinn an den Nerven zerrt.

Ohne viele Dialoge erzählt Nolan die Evakuierungsaktion in drei Handlungssträngen auf drei Zeitebenen: eine Woche, in der ein junger britischer Soldat (Fionn Whitehead) versucht, dem Inferno an der Kanalküste zu entkommen; einen Tag, an dem ein mit drei zivilen Personen besetztes kleines Privatboot – wie Hunderte andere auch – den Kanal überquert, um den Eingeschlossenen zu Hilfe zu kommen; und eine Stunde, in der sich eine britische Fliegerstaffel Kämpfe mit der deutschen Luftwaffe ­liefert. Dabei wird die Zeit nach ­Belieben komprimiert und gedehnt, sodass der ­Eindruck einer unmittelbaren Gleichzeitigkeit entsteht.

So beeindruckend wie die Bilder von Zerstörung und Verzweiflung sind, ist auch die ausgeklügelte Soundlandschaft, die die Kriegsgeräusche mit dem düster dräuenden Hans-Zimmer-Score verbindet: Dumpf ­grollende Bassfrequenzen, spitzes Dauer­stakkato und ein erbarmungsloses symbolisches (Uhren-)Ticken zielen direkt auf die Magengrube. In seiner Unmittelbarkeit ist „Dunkirk“ einer der besten Kriegs­filme – ­daran ändert auch das am Ende dann doch einsetzende, scheinbar unvermeid­liche ­Pathos nichts, mit dem die Briten eine ­militärische Katastrophe so gern in ­einen immer etwas verlogen wirkenden „Wir ­lassen uns nicht unterkriegen“-Triumph umwandeln.

GB/USA/F 2017, 106 Min., R: Christopher ­Nolan, D: Fionn Whitehead, Tom Hardy, Kenneth Branagh, Cillian Murphy, Mark Rylance, James dʼArcy

Dunkirk (2017)