Meinung

Durchatmen oder Ausrasten? Gegen den Achtsamkeits-Hype

Stadtleben-Redakteurin Eva Apraku wird augenblicklich aggressiv, wenn von „Mindfulness“ geschwafelt wird.

Keinen Bock auf Mindfulness! Foto: imago images / imagebroker
Keinen Bock auf Mindfulness! Foto: imago images / imagebroker

Es ist dieser ausdruckslos-milde Blick, mit dem sogenannte Achtsamkeits-Trainer*innen aus ihren Werbeprospekten durch einen hindurch schauen. Es sind die Buddhafiguren, Blumen und der leise plätschernde Brunnen, die in ihren aufgeräumten, mit matt glänzendem Parkett ausgelegten Seminarräumen als dezente Deko herumstehen. Und es ist die Aussicht auf den Gong von Klangschalen oder den künstlichen Sound von Meeresrauschen-CDs, die mich ganz kribbelig – und aggressiv machen:

Wenn mein Alltagsstress zu groß wird, soll ich zu diesen Gurus der Gelassenheit fahren, mich dort mit fremden Menschen in einen Kreis auf den Boden setzen – und mich für teuer Geld darüber belehren lassen, wie ich durchzuatmen habe, meine Gedanken auf nichts beziehungsweise auf schöne Erinnerungen fokussiere und mich „mit mir selbst anfreunde“. So gestärkt geht’s dann wieder zurück in den fordernden Job, die chaotische Familie, die schwierige Beziehung.

Warum wundert es mich nicht, dass Firmen wie der Google-Konzern ihren Mitarbeiter*innen hausinterne Achtsamkeitskurse finanziert? Es sind Unternehmen, die für ihre wirtschaftliche Aggressivität bei gleichzeitig mangelnder gesellschaftlicher Solidarität (Steuervermeidung!) bekannt sind. Gekaufte Achtsamkeit – psycho-deutsch: Mindfulness – ist für den Status Quo sehr praktisch, da bestens kompatibel mit der „Leistungsgesellschaft“.

Beim Achtsamkeitskonzept machen sich Individuen fit für oft schwer erträgliche Gegebenheiten – anstatt dass umgekehrt Rücksicht auf sie genommen wird. Außerdem: Unser Stress, das Chaos und die Schwierigkeiten sind Warnsignale. Und bergen ein großes Potenzial: Sie können uns wütend machen, dafür sorgen, dass wir auf den Tisch hauen. Stopp mit der Überforderung! Weniger ist mehr! Die frei gewordene Zeit nutzen wir dann dazu, öfters mal gar nichts zu tun. Was nicht nur sehr entspannend, sondern sogar kostenlos ist.