Queerer Glam-Punkrock

Eat Lipstick

Eat Lipstick gelingt der schier unmögliche Spagat, einerseits alte Rock’n’Roll-Helden wiederauferstehen zu lassen und andererseits – mit der Hilfe von Peaches – das queere Party-Berlin zu feiern

Gitarrist The Shredder, Bassistin Citizen Pain, Anita Drink und Schlagzeuger Tom Petersen (im Uhrzeigersinn von links oben)
Foto: Eat Lipstick

Vor der Tür des Quasimodo grüßen nicht nur die unvermeidlichen Kürbisse, sondern auch mit Kerzen eingerahmte Fotos von Lemmy Kilmister, Bon Scott und David Bowie. Und anderen toten Helden. Unten im Club ist von dieser leicht sakralen Anmutung wenig zu spüren. Der Soundcheck ist gerade vorbei. Backstage geht es zu wie im Bienenstock, drei Bands tummeln sich dort. Die Gastgeber und Starband des Abends sind Eat Lipstick.

An diesem Abend feiert die vierköpfige Berliner Glam-Punk-
rock-Gruppe nicht nur „Hell-O-Ween Madness“, sondern auch den Release ihres zweiten Albums „New Wig! No Rules!“. Der Name deutet es an, die leidenschaftliche Live-Show wird es später bestätigen: Die Platte ist ein energiegeladenes Plädoyer, sich neu zu erfinden. Bevor es losgeht, nehmen sich Sängerin Anita Drink und Gitarrist The Shredder Zeit für ein Interview. Sie tragen für den anstehenden Auftritt hellblaue Kleidchen wie die der Grady-Zwillinge aus Stanley Kubrick Horrorklassiker „The Shining“, natürlich blutverschmiert.

Schlurig-amerikanisch ausgesprochen klingt der Name Anita Drink, als verlange jemand vehement nach einen alkoholischen Getränk. Der Satz fällt im Interview oft, denn der Kalifornier Juan Chamié spricht von seinem Bühnen-Alter Ego meist in der dritten Person. Warum wiederum The Shredder heißt wie er heißt, erschließt sich spätestens, wenn man ihn an seiner Gitarre erlebt. In einem Promotext der Band wird der Eat-Lipstick-Sound als Mischung aus dem urbanen Spirit der Musikszene von Los Angeles und dem Charme des Berliner Underground bezeichnet.

»Gender Politics sind in Berlin
das künstlerische Salz in der Suppe«

Anita Drink

Aber eigentlich stammt Chamié alias Anita Drink aus San Francisco. Doch Los Angeles mit seinem härteren Rock-Vibe löst vielleicht die stimmigeren Assoziationen aus, auch wenn Anita Drink diese Zuschreibung zuerst einmal mit einem Schulterzucken quittiert. Klar, Kalifornien habe sie geprägt, schließlich sei sie da aufgewachsen. In den frühen Nullerjahren kamen sie und The Shredder nach Berlin. Chamié ist Modedesigner mit eigenem Laden, dem Exit auf der Wienerstraße. An zwei Tagen in der Woche arbeitet er zudem in Vivienne Westwoods Berliner Boutique Worlds End. Über The Shredders Background ist wenig rauszukriegen. Der Mann mit dem weiß-schwarz geschminkten Gesicht insistiert, er sei „from hell“ – ganz die enigmatische Rock-Persona. Tagsüber schlafe er, nachts ist er Host in der Karaoke Bar Monster Ronson und DJ (später in dieser Halloween-Nacht wird er noch Techno im Suicide Circus auflegen).

Der Charme des Berliner Undergrounds ist dagegen ein Schlagwort, auf das die beiden sofort anspringen. Auch wenn sie schon lang hier leben, haben sie sich eine etwas romantisierende Sicht auf die Stadt bewahrt: Berlin sei soghaft, glamourös und punkrockig zugleich, das „akustische Graffito“ der Stadt einzigartig. „Berlin ist geschichtsträchtig – und bringt das mit der Zukunft zusammen. Zugleich ist man freier, als man das etwa in den USA sein kann“, sagt Anita Drink. „In Berlin wird die Zukunft verhandelt“, bekräftigt The Shredder, und Anita Drink ergänzt: „In Kunst, Mode und Musik.“

Auf musikalischer Ebene klingen Eat Lipstick weniger nach Zukunft oder Gegenwart als nach dem Ermächtigungsversprechen, das die transgressiveren Spielarten des Pops vor dreißig oder fünfzig Jahren formulierten. Aber natürlich auch nach den toten Helden, die am Eingang zum Club warten. Ihre Fusion aus hartem Gitarrensound, treibenden Discobeats und einem queeren Glam-Faktor kommt nur mäßig originell daher, einer Neuerfindung ihres Genres wohnen wir hier nicht bei. Aber doch klingen Eat Lipstick eigen und eigenwillig.

Soundtrack zum Lebensgefühl

Auf performativer Ebene steckt tatsächlich sehr viel Berlin in der Band, so nahbar und zugleich exalitiert sie auftreten. Ihre Live-Performances machen einen großen Teil ihrer Appeals auf, sie werden auch gern für private Feiern gebucht. Eat Lipstick gibt es seit 2008. Zunächst traten Anita Drink und The Shredder als DJ-Duo auf. Es gab auch eine frühe Inkarnation der Band nur mit Gitarrist und zwei Sängerinnen. Seit nunmehr fünf Jahren ist man eine vollständige Band mit der Bassistin Citizen Pain und Tom Petersen am Schlagzeug. Vor drei Jahren erschien ihr Debüt. Das neue Album wurde nun von der seit einiger Zeit in Berlin residierenden Electroclash-Ikone Peaches produziert, worauf sie ziemlich stolz sind.

Die Struktur der Songs erarbeiteten Anita Drink und The Shredder zusammen und schmückten sie mit dann mit den anderen aus. Die erzählten Geschichten seien allesamt autobiographisch inspiriert, wie die Texteschreiberin Anita Drink betont. Der Song „Mann oder Frau“ etwa erzählt von einer Begegnung mit Lemmy Kilmister, der ihr einst im ehemaligen White Trash genau diese Frage stellte – aber auch von einer sehr unangenehmen Begegnung. Eines Abends wurde sie von einem Mann belästigt, bis die Security einschritt. Im Video zum Song kommt das nicht vor, es feiert stattdessen die hiesige Drag-Szene. „Gender politics sind in Berlin das künstlerische Salz in der Suppe“, sagt Anita Drink. „Was dieses Thema angeht, ist die Stadt Teil der Avantgarde, wie sie es in den 1920er Jahren schon einmal war. Und wir sind wiederum Teil des Soundtracks zu diesem Lebensgefühl.“

Doch bedeutet Queerness dieser Tage? Dass das Konzept aktuell vereinnahmt und vermarktet wird, aus Ecken auch, in denen bestimmt keine queeren Kämpfe ausgefochten wurden, stört Anita Drink nicht. Identitätspolitische Abgrenzungen braucht ihre Vision von Eat Lipstick nicht, ihre subkulturelle Nische ist für alle da. „In 20 Jahren werden wir solche Gespräche nicht mehr führen müssen. Dann wird auch niemand mehr infrage stellen, ob eine Frau abtreiben haben darf. Die Kultur schafft das Fundament für ein neues Gender-Bewusstsein.“

Ist ein solche Sichtweise nicht arg zukunftsgläubig, angesichts des aktuellen politischen Backlashs? Schließlich wird plötzlich wieder über Dinge diskutiert, die man eigentlich für durchgesetzt hielt. Anita Drink findet, man müsse optimistisch sein und schiebt noch ein – nur leicht modifiziertes – Pop-Zitat hinterher: „Hey, I am the son of a preacher woman.“ Und lacht ihr kehliges Lachen.

Eat Lipstick: „New Wig! No Rules!“ auf Bandcamp
Ronson’s Sparkling 15th“ mit Eat Lipstick, Yung Meekz, Peaches: Sa 30.11., 22 Uhr, Monster Ronson’s Ichiban Karaoke, VVK 15 € zzgl. Gebühren