Echte Berliner?

Ausserkontrolle aus dem Wedding mischen Straßenrap auf

Erst Raubzüge mit der Gullydeckelbande, nun Rap-Karriere mit AK Ausserkontrolle: die unglaubliche Geschichte einer Straßengang aus dem Wedding

Beim Konzert von AusserKontrolleFoto: Andrea Hahn
Beim Konzert von Ausserkontrolle
Foto: Andrea Hahn

Ein Samstagabend am Mauerpark, der Wind schneidet kalt. Im Mauersegler soll ein Konzert  stattfinden. Der schmucklose Saal füllt sich langsam mit Menschen, besser gesagt mit jungen Männern, zum Teil eher Jungs. Unter den rund 150 Besuchern werden heute kaum mehr als fünf Frauen sein. In kleinen Gruppen stehen die Jungs da, dunkel gekleidet. Die Atmosphäre ernst, die Blicke misstrauisch. Statt Bier trinken sie Cola, die Gespräche sind verhalten, kaum ein Lachen ist zu hören. Vor der Bühne stehen drei Ordner, wie Banditen mit Tüchern maskiert. Den Blick auf das Publikum gerichtet, registrieren sie jede schnelle Bewegung. Ein Besucher trägt eine schusssichere Weste.

AK AusserkontrolleFoto: Saskia Uppenkamp

AK Ausserkontrolle
Foto: Saskia Uppenkamp

Nach zwei Stunden des Wartens, drei Cola und einem Supportact, geht es los. Auf der Bühne: Zwei Männer im Rampenlicht, die selbst nur Phantome bleiben. Auch sie sind maskiert mit einem Tuch vor dem Mund, Sonnenbrille, Basecap, Handschuh und Holzfällerhemd. Jubel im Publikum, der sich aber immer wieder zu einem gespannten, stillen Lauschen abflacht. AK (Ausserkontrolle) nennen sich die Musiker und sie machen deutschen Gangsterrap, wie er im Buche steht. ­Düstere Melodien, Brecher-Beats und böse, böse Texte. Einen der Songs grölt das Publikum besonders laut mit, es ist der heimliche Hit von AK: „Echte Berliner“. Worüber sie rappen ist durch und durch justiziabel und vor ­allem eines: wirklich passiert.

Wer sind die Kings? Wer machts den
Gangstern vor? / Wer sitzt am Lenkrad
und brettert in den Apple-Store? /
Echte Berliner…
(Song : Echte Berliner)

AK, das steht für ein Phänomen. Es steht für ­Kriminelle aus dem Wedding, die ihren Lebensunterhalt in der Vergangenheit mit Einbrüchen bestritten. Und die nun musikalisch durchstarten wollen. Was sie zuvor an den Rand der Gesellschaft drängte, soll ihnen zum Durchbruch verhelfen. Ihre kriminelle Karriere wollen sie hinter sich lassen. Aber sie bleibt im Rap-Business ihre Währung im Streben nach Glaubwürdigkeit und Anerkennung. Ihre fünf in Eigenregie gedrehten ­Musikvideos wurden innerhalb kurzer Zeit viele Hunderttausend Mal geklickt, „Vice“ dreht eine Dokumentation über sie, ein Album folgt und der vorläufig größte Triumph: ein Plattenvertrag mit Universal.

AK werden dem Umfeld der sogenannten „Gullydeckelbande“ zugerechnet. Eine Gruppe von rund 50 Männern aus dem Wedding, die mit teils spektakulären „Blitzeinbrüchen“ für Schlagzeilen gesorgt hat. Ihre Serie begann vor knapp vier Jahren, Anfang 2012. Die Spezialität: Mit einem Gullydeckel die Scheiben von Geschäften, Handyläden, Juwelieren oder Tankstellen einschmeißen, ganz gezielt die Beute greifen, in Kopfkissenbezüge verstauen und nach zwei bis drei Minuten wieder in die Nacht entschwinden, mit dem Auto und 180 Sachen durch die Stadt.

AK AusserkontrolleFoto: Saskia Uppenkamp
AK Ausserkontrolle
Foto: Saskia Uppenkamp

Zeugen gab es bei den nächtlichen Überfällen meist keine, Spuren auch nicht. Die Täter gingen überlegt vor, es herrschte Arbeitsteilung. Die Blitzeinbrüche wurden zahlreicher. Die Polizei fahndete, observierte
polizeilich bereits bekannte Personen, hörte Handys ab, erstellte Bewegungsprofile und ließ Autos mit Peilsendern versehen. Michael Kallin ist Inspektionsleiter bei der Berliner Polizei, zuständig für Eigentumsdelikte im Bereich Tiergarten, Wedding und Mitte. Er hat gegen die Bande ermittelt. „Der Name Gullydeckelbande ist ein medialer Begriff“, sagt er. „Wir haben unsere Ermittlungsgruppe ‚Fußball‘ genannt. Denn so haben die in Gesprächen untereinander die Gullydeckel bezeichnet.“

Ob MediaMarkt, Saturn, Juweliere oder
Tankstellen / 2 Minuten anstreng‘, Wir gehn durch die Wand denn / Wir kommen mit
der Flexscheibe
(Song: Flexscheibe)

Bald schon trifft es nicht mehr nur Handyläden und Tankstellen. Die zuvor gut ausgespähten Ziele werden größer – gewinnbringender. Neues Tatwerkzeug wird das Auto. Und so rasen die Täter zwei Tage vor Weihnachten 2013 mit einem gestohlenen Wagen in den Apple-Store am Ku’damm. Nur wenige Tage zuvor gibt es einen ähnlichen Einbruch in einen Saturn-Markt in Zehlendorf und am 9. Dezember 2013 im Alexa am Alexanderplatz. Mit einem Auto durchbrechen die Täter den Haupt­eingang des Centers, fahren rund 45 Meter durch das Foyer und überwinden auch das Rolltor des Media Marktes. Sie erbeuten fast 300 Mobiltelefone und flüchten in einem zweiten Fahrzeug. Der Schaden beträgt über 100.000 Euro.

Bullen im Siebener abgehängt / Skimasken
abgesetzt, Mietwagen abgestellt / Steig in den privaten Mafia Benz
(Song: Läuft)

„Die Einbrüche mit dem Auto waren das Ende der Eskalationsstufen. Das haben sie ja auch nicht nur in Berlin gemacht, sondern bundesweit“, sagt Kriminal­oberrat Kallin. Weil in Berlin die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt wurden, weichen die Blitzeinbrecher auf andere Städte aus. Fast 500 Einbrüche bundesweit werden der Bande zugesprochen. Die Autos stammen von kleinen Mietwagenfirmen, die ihre Wagen selbst aus zweifelhaften Quellen beziehen und sie für einen Wochenpreis von 1.500 bis 2.000 Euro an die Einbrecher vermieten. Die Beute wird bei Hehlern zu Geld gemacht. Die Diebe selbst haben das Geld meist schnell ausgegeben. In der RBB-Dokumentation „Hauptstadt der Diebe“, die die Gullydeckelbande porträtiert, erzählt einer der Einbrecher: „Wenn du 3.000 an einem Tag verdient hast, hast du 3.000 am nächsten Tag ausgegeben. Weil du weißt, am nächsten Tag kommen wieder 3.000, deshalb.“

Observiert, Tage lang / Wir laufen
durch die Straßen, Cops sprechen uns
mit Namen an
(Song: Echte Berliner)

Die Täter stammen aus dem Wedding, junge Erwachsene mit Migrationshintergrund, die alle ganz klassische kriminelle Karrieren durchgemacht haben. „Keiner von denen ist nicht vorher schon in irgendeiner Form polizeilich aufgefallen“, sagt Kallin. Und das führt letztlich auch zu vereinzelten Festnahmen. Im Sommer 2012 kann die Polizei eine achtköpfige Bande, samt Anführer verhaften. Einige von ihnen werden bei der Polizei bereits als Intensivtäter geführt. Das Strafmaß liegt zwischen 2,5 und 3,5 Jahren Haft für die kleineren Lichter und 7,5 Jahren für den Bandenchef. Oft ist davon die Rede, dass der Knast als eine Art Ritterschlag empfunden wird. „Die jungen Burschen machen sich ihr Leben kaputt“, ­widerspricht Kallin. „Wenn man einen Anfang 20-Jährigen für sieben Jahre wegsperrt, und der sieht Sommer für Sommer vorbeiziehen, und weiß, was seine Kumpels draußen alles machen können: Glauben Sie mal nicht, dass der das einzig als Auszeichnung empfindet.“

Herkunft Kurdistan, Wohnort
Wedding / 65, Ausbildungscamp des
Verbrechens
(Song: Echte Berliner)

Laut Ermittler Kallin stammt die Klientel der Bande aus dem Gebiet rund um die Weddinger Bellermannstraße und Gesundbrunnen. Ein sozialer Hotspot mit einer hohen Arbeitslosigkeit, häufiger Schulabstinenz und Langeweile und dem Gefühl von Perspektivlosigkeit unter Jugendlichen. Eine Formel, die auch AKs Werdegang trifft.

In jenem Kiez soll die Begegnung mit den Rappern stattfinden. In einem kleinen Raum auf einem Werkstattgelände richten sich AK gemeinsam mit ihrem Produzenten Sonus gerade ein Studio ein. Anwesend sind: DramaKing, sein Bruder, der Manager – ein langjähriger Freund der beiden – und Produzent Sonus. Der zweite AK-Rapper Undercova fehlt. Aber bald schon wird klar, dass DramaKing das Mastermind hinter AK ist. Er schreibt die Songs, spricht für die Crew und wird meist sogar selbst AK genannt.

Im Umgang sind die Herren freundlich und professionell. AK lässt für die Fotos extra seinen Audi S5 vorfahren. Das sei ein Privatfahrzeug, betont er. Die Posen sitzen, sichtbar wird aber auch die Fähigkeit, über sich zu sprechen, sein Tun zu reflektieren. Sie wissen die ­ungewohnte Aufmerksamkeit für sich und ihre angestrebte Karriere zu nutzen. Eistee wird ausgeschenkt, die Luft ist rauchgeschwängert, sie scherzen und ziehen sich gegenseitig auf.

Die Geschäfte laufen gut, die Geschäfte
laufen gut / Königskette um meinen Hals
und der Benzer steht mir gut
(Song: Läuft)

In seinen auf Youtube hundertausendfach geklickten Songs geht es um dreiste Blitzeinbrüche, Verfolgungsjagden mit der Polizei, den Umgang mit der Flex. „Die Leute feiern mich, weil sie fühlen, dass ich es ernst meine“, sagt AK. „Aber hätte ich schlechte Beats und eine kack Stimme würde sich das auch keiner anhören.“ ­Sonus erzählt von Rappern, die mit einem künstlichen Gangster­image hausieren gehen und damit sechsstellig verdienen. „Da hat AK angesetzt, an der Stelle, wo die Waage zwischen Image und Wirklichkeit kippt. Denn die Leute trachten nach Real Rap.“

Der Weddinger Bellermannblock im Gesundbrunnenkiez. Hier sind viele der Gullydeckel-Räuber aufgewachsen Copyright: imago/Jürgen Ritter
Der Weddinger Bellermannblock im Gesundbrunnenkiez. Hier sind viele der Gullydeckel-Räuber aufgewachsen Copyright: imago/Jürgen Ritter

Authentizität also. Aber ist das nicht Wahnsinn, über reale Taten zu rappen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn auch vermummt? „Dafür braucht man schon Eier“, sagt AK. „Aber ich rappe halt über mein Leben.“ Dieses sah lange Zeit nicht viel anders aus als das derer Gullydeckelbanden-Mitglieder, die jetzt in Haft sitzen. Auch AK war wegen serienmäßiger Einbrüche im Gefängnis, hat eine Negativkarriere vom Schulschwänzer und Kellerschloss-knackenden Teenie zum bundesweit agierenden Einbrecher durchlaufen.

„Es gibt viele Gründe, warum man so wird“, beginnt er. „Mir wurden Türen verschlossen. Ich will ja gar nicht sagen, dass ich gar keine Chance hatte. Aber ich hatte so oft die Chance nicht.“ AK redet schnell, drückt sich gewählt aus und bewegt sich dabei viel. Er spricht wie jemand, der viel loszuwerden hat. Er ist Kurde, seine Eltern stammen aus Mardin in der Türkei, lebten aber im Libanon, bevor sie nach Deutschland flohen. Nur kurze Zeit später wurde er in Berlin geboren. Er erzählt, dass sein Vater hier nie wirklich angekommen ist. „Stell dir vor, du kommst aus einem Dorf, wo alles grün und bio ist, fast noch wie in der Steinzeit, und dann landest du in so einem Hightech-Land. Er wusste gar nicht, wie er mich und meine Geschwister auf diese Welt vorzubereiten hatte. Was ich gelernt habe, habe ich in der Schule gelernt.“ Und doch begann AK früh zu schwänzen. „Weil ich mich geschämt habe, mich anders gefühlt habe, und auch anders behandelt wurde.“

Goldketten, Armbänder, Goldringe,
Edelsteine / Weißgold, Platin, Brillanten,
Geldscheine  (…)  Ich will sie alle haben,
ich will sie alle haben
(Song: Ich will alles)

Schon früh habe er sich ein eigenes Bild von diesem Land gemacht. „Mir war es irgendwann egal, ich habe das Verhalten gezeigt, das die Menschen von mir erwartet haben.“ Mit einem Aufenthaltsstatus, der alle drei Monate verlängert werden muss – eine Folge seiner Vorstrafen – ist die Arbeitssuche einigermaßen hoffnungslos. „Wichtig ist für uns aber immer gewesen, dass wir nie Menschen verletzen und nie arme Menschen beklauen. Wenn, dann schaden wir dem Staat.“ Bei den ersten Einbrüchen mit 12, 13 sei man noch dumm gewesen und sei vielleicht mal in den Zeitungsladen eingebrochen. Aber als sie erwachsener wurden, hätten sie sich diese Grenzen gesetzt.

AK spricht von den Kontrasten im Wedding. Absolute Armut auf der einen Seite „und in der nächsten ­Sekunde fährt ein S600 vorbei, der 80.000 kostet.“ Wenn jemand durch „Aktionen“ zu Geld gekommen ist, dann brodelt die Gerüchteküche im Kiez. „Das kriegen dann alle mit. Und dann willst du auch auf die andere Seite.“ Denn die andere Seite bedeutet „Geld, Macht und Respekt“.

Die Musik soll nun ein neuer Weg sein, um an Geld, Macht und Respekt zu kommen. Das sei das Beste daran, dass das alles legal sei und er sich endlich mal keinen Kopf machen müsse. „Man schläft mit einem anderen Gefühl ein.“ AK spricht euphorisch und stolz über seine Musik, über sein Talent, die richtigen Worte auszuwählen, mit komplexen Songstrukturen zu arbeiten. Fragen zum kriminellen Inhalt seiner Texte scheinen ihn zu nerven. So auch die Frage nach der Verantwortung. „Klar, habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht. Ich will niemanden dazu animieren, so ­etwas zu machen. Ich erklär auch immer die Kehrseite des Ganzen. Dass man in den Knast kommen kann.“

Und dann redet er sich zum Ende des Gesprächs doch noch in Rage, schimpft über andere, die über Koks und Nutten rappen. So wie der Berliner Sido zum Beispiel, der in seinem 100.000-Euro-Video Drogen nehme und nackte Frauen auf dem Tisch liegen habe und trotzdem Jurymitglied bei der Fernsehsendung „Popstars“ war. „Und dann komm’ ich mit meinem Leben, ein Typ, der keine Drogen verherrlicht, und da wird mit dem Finger drauf gezeigt. Ich habe ja Einbrüche nicht erfunden. Ich geb’ mir also nicht die Schuld, wenn jemand anderes Scheiße baut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Musik die Jugend verdirbt. Ich kann sie nicht noch schlechter machen, als sie ohnehin schon ist.“

Was die Polizei dazu sagt? Michael Kallin: „Natürlich haben wir da ein Auge drauf. Aber wenn ich über Einbrüche rappe, dann ist das zumindest eines nicht: nämlich strafbar. Klar weiß ich, dass die über ihre ­Taten sprechen, aber ich muss es eben verurteilungsreif nachweisen können. So lange ich das nicht kann, ist das Kunst.“