Berlin

Ecke Prenz: Der Sound des Thälmann-Parks

Die Rapper Roman und Martin von Ecke Prenz haben dem Ort, an dem sie aufwuchsen, ihr Debütalbum gewidmet: „Nachts im Thälmann Park“.

Am S-Bahnhof Greifswalder Straße ist Schluss. „Endstation Greifswalder“ heißt ein Song, den Roman (aka Breaque) und Martin (aka V.Raeter) produziert haben. Und da stehen sie nun, am Ende ihres Kiezes, am Eingang zum Bahnhof, und wirken verschlafen. Martins runde Brille sitzt ein wenig schief, genauso wie Romans Basecap. Das passt ganz gut zur verqueren Instrumentalmusik, die die beiden produzieren. HipHop-Einflüsse sind herauszuhören, genauso wie TripHop, Sample-House und der Post-Dubstep von Mount Kimbie. Spannend klingt sie, so eine Nacht im Thälmann-Park.

Der 1986 eröffnete Ernst-Thälmann-Park im Prenzlauer Berg sollte zum Vorzeigeprojekt der DDR werden – mit viel Grün, modernen Wohnanlagen und den besten Spielplätzen. Vorher befand sich dort ein Gaswerk, das 1981 schloss. Der letzte Gasometer wurde 1984 gesprengt
Foto: Oli Kristen

Lange bevor Roman und Martin in einem Alter waren, in dem man nachts mit Freunden in Parks herumhängt, waren beide fasziniert von diesem Ort. Denn besser spielen ließ es sich nirgendwo. „Es gab einen Indianerspielplatz mit Hängebrücke aus Holz und einer breiten Rutsche. Das war was Besonderes. Sonst gab es im Osten nur irgendwelche Metallgerüste zum Spielen“, sagt Martin, der Anfang der 80er geboren wurde und im Prenzlauer Berg seine Kindheit verbracht hat. Roman bevorzugte dagegen den Spielplatz am Zeiss-Planetarium. Ein Schiff mit einem Fernrohr steht dort noch immer. Es ist besetzt mit bunten Kacheln, wirkt etwas verlebt, aber stabil. Später werden wir daran vorbei spazieren und Roman wird lächelnd „Ich fand das damals total futuremäßig“ sagen und zuerst auf das Boot, dann auf das Planetarium blicken. „Astro Date“ heißt deswegen einer ihrer Songs.

Das Lieblingscafe, die Lieblingsclubs und die Lieblingskneipen der beiden sind inzwischen geschlossen. Die Gründe: Vermieter, Nachbarn, Lärm. Wann sie das letzte Mal im Prenzlauer Berg feiern waren, daran können sie sich beide nicht erinnern. Die Subkultur, in die sie eintauchten, als sie längst zu alt für Indianerspielplätze waren, die ist verschwunden. Clubs wie das Bastard oder das Icon machten dicht. Auch die Freestyle-Kneipe H2O, in der die Ost-Berliner zum ersten Mal auf die West-Berliner HipHop-Szene trafen, gibt es nicht mehr.

Doch „Nachts im Thälmann Park“ ist kein wehmütiges Anti-Gentrifizierungsalbum und Roman und Martin sind keine verkappten Lokalpatrioten. Sie akzeptieren die Veränderung, Roman vermisst nur die nachbarschaftliche Solidarität von früher. Seine Mutter, sagt Martin dann, fände die Veränderung im Viertel sogar ziemlich gut. „Sie weiß ja, wie es vorher war: alles zerschossen, alles grau, überall bröckelnde Fassaden.“ Auch Roman sagt, dass der Prenzlauer Berg der Wende-Jahre sicher auch glorifiziert werde und Menschen damals unter prekären Bedingungen hausten. Sein Onkel zum Beispiel. Eines Tages öffnete er eine leer stehende Wohnung, brachte ein Namensschild an und lebte von da an dort.

„Das Riot-Level war höher“

Solche Geschichten und eigene Erinnerungen an den Prenzlauer Berg sind die Basis für „Nachts im Thälmann Park“. Erinnerungen, in denen die beiden sich jeweils mit Freunden an Straßenecken trafen und loszogen. Bis zum Jugendhaus Königstadt auf der Saarbrücker Straße zum Beispiel, wo Roman seine ersten Partys veranstaltete. Oder bis zum Helmholtplatz, wo es legendäre HipHop-Jams gab. Als sie vor kurzem wieder einen Abend dort verbrachten, kam irgendwann die Polizei. Zu laut, also wirklich, das ginge nun mal gar nicht! Früher, da seien in solchen Situationen schon mal Steine geflogen, sagt Martin. „Das Riot-Level war definitiv höher.“

Doch der Prenzlauer Berg ist längst ein friedlicher Ort. Die Trauerweiden im Thälmann-Park schaukeln über dem künstlich angelegten Teich. Frauen schieben Kinderwägen über Pfade, die sich durch das Dickicht winden. In seinen bewucherten Ecken wirkt der Park wie ein Miniatur-Dschungel. Kurz dahinter erblickt man die umliegenden Plattenbauten. Von dort geht es weiter in Richtung Prenzlauer Allee – zu dem Entstehungsort von Ecke Prenz.

Roman und Martin lebten immer wieder an und auf Straßen, die nicht nur nahe am Park lagen, sondern auch die Prenzlauer Allee kreuzten. Ab 2011 nahmen sie unter dem  Namen Ecke Prenz eine Radiosendung für den ehemaligen Piratensender Twen.FM auf. Sie erscheint noch immer regelmäßig, mittlerweile als Podcast über die eigenen Onlinekanäle von Ecke Prenz. Beide spielten sich als DJ-Duo ein, gingen mit Audio88 & Yassin auf Tour. Das eigene Album ist die logische Konsequenz aus dem bisherigen kreativen Schaffen, dessen Basis immer der Prenzlauer Berg war.

Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre habe sich das Klima dort langsam verändert, da sind sich beide einig. Die Häuser wurden schöner, die Freiräume weniger. Auch der schon erwähnte Radiosender Twen.FM musste damals zwischenzeitlich dran glauben. Durch eine Luke erreichte man das Studio im Keller eines Geschäfts. „Eines Tages ging die Luke auf und ein Überfallkommando der Polizei kam runter. Wir mussten eine Stunde lang breitbeinig an der Wand stehen und die Plattenspieler wurden beschlagnahmt“, sagt Martin. Diese Ära ist vorüber, aber das ist ok. Auf „Nachts im Thälmannpark“ haben Roman und Martin sie ja ganz unprätentiös konserviert.

Konzert mit Ecke Prenz, Kobito, Mädness&Döll: Do 18.10., 20 Uhr, Gretchen, Obentrautstr. 19, Kreuzberg, VVK 20 €