Faszination der Abgründe

Ehrenmord

Matthias Deiß und Joachim Goll haben ein Buch und einen Film über den Ehrenmord an Hatun Sürücü veröffentlicht. Hier sprechen sie über das Treffen mit dem Mörder und ihre Schlüsse aus dem Fall

Herr Deiß, Herr Goll, sie haben Ayhan Sürücü, der seine Schwester ermordete, um die Familienehre wiederherzustellen, im Gefängnis interviewt. Was war seine Motivation mit ihnen zu sprechen?
Deiß: Er will überzeugen, dass er kein schlechter Kerl ist. Wenn Sie zu ihm ins Gefängnis kommen, dann begrüßt er Sie total höflich, sagt “schön, dass Sie da sind”, und bietet Ihnen Tee an. Aber wenn man ihm in die Augen guckt, hat man immer im Hinterkopf: Der hat seine eigene Schwester erschossen. Das ist ein Mörder. Er weiß, dass er das den Rest seines Lebens mit sich herumtragen wird.

Ayhan wirkt sehr emotionslos, wenn er von der Tat erzählt.
Goll: Er kommt so kalt rüber, wenn er sagt: Ich war danach mit mir selbst zufrieden.

Ist es da schwer, objektiv zu bleiben?
Goll: Wenn man es nicht schafft, die Emotionen außen vor zu halten, kann man solche Stoffe gar nicht angehen.
Deiß: Wir wollten das Wertesystem der Brüder Sürücü aufzeigen und wenn man anfängt, sie anzugreifen, geht das nicht. Wir haben offene Fragen gestellt wie: Finden Sie es in Ordnung, wenn eine Frau gesteinigt wird?
Goll: Wir halten uns auch im Text zurück, da muss man die ganzen Schlagworte nicht benutzen, das Wort “Parallelgesellschaft” fällt kein einziges Mal. Der Zuschauer ist ja nicht dumm, der kann das selber sehen. Da muss man die Leute nicht mit der Nase auf den Bildschirm drücken und sagen: Böse, böse, böse.

Sie haben gleichzeitig das Buch “Ehrenmord: Ein deutsches Schicksal” und den Film “Verlorene Ehre – Der Irrweg der Familie Sürücü” veröffentlicht. Warum diese Doppelverwertung?
Deiß: Der Film hat eine besondere Stärke: Sie können dem Mörder ins Gesicht schauen oder auch das Haus in diesem rückständigen ostanatolischen Dorf sehen, in der die Sürücü-Eltern groß geworden sind. Das kann man mit Worten nicht rüberbringen. Im Buch gibt es dafür die ganzen Akten, die akribische Aufarbeitung, das kann der Film nicht leisten. Und trotzdem ist das Buch kein langweiliges Aneinanderreihen von Fakten, sondern voller emotionaler Geschichten, zum Beispiel über Hatun und ihren bewundernswerten Kampf für ein freies Leben.

Fassen Sie das Projekt doch mal in einem Satz zusammen.
Deiß: Wir wollten uns an der aufgeregten Integrationsdebatte nicht beteiligen, sondern klären, was damals in der Familie passiert ist, was diesen Mord möglich gemacht hat. Man könnte fragen, warum sind da keine Stimmen drin, die sagen: 99 Prozent der Muslime in Berlin verurteilen diese Tat. Aber das ist für uns und den Zuschauer klar, das müssen wir nicht extra betonen.

Hatun Sürücü wurde vor über sechs Jahren ermordet. Warum berichten Sie gerade jetzt darüber?
Deiß: Wir haben ihren Bruder und Mörder Ayhan 2008 im Gefängnis getroffen, als wir für die Tagesschau einen Bericht über ein neues Jugendstrafgesetz gemacht haben. Wir haben in der Tischlerei des Jugendgefängnisses gedreht und da stand er an der Hobelbank. Man ist ja nicht so oft im Gefängnis, da fragt man schon: “Was hast du gemacht?” Wir haben dann über eine Stunde in seiner Zelle mit ihm gesprochen. Aber dann hat es zwei Jahre gedauert, Ayhan Sürücü und die Justiz von dem Projekt zu überzeugen.

Sie haben ja auch schon Filme über Hooligans und Neonazis gemacht, warum immer diese Extremthemen?
Goll: Mich faszinieren einfach die menschlichen Abgründe.

Wie reagieren ihre Interviewpartner auf die Veröffentlichungen?
Goll: Das ergibt teilweise bedrohliche Situationen, aber damit muss man klarkommen. Auch bei Ayhan Sürücü wissen wir noch nicht, wie er den Film und das Buch aufnimmt. Natürlich sind da Sachen drin, die ihm nicht gefallen werden. Aber wir versuchen Konflikte zu vermeiden, indem wir immer mit offenem Visier auf das Gegenüber zugehen und ehrlich sagen, was wir vorhaben.

Auch bei Ayhan Sürücü?
Goll: Wir haben gesagt, das einzige was wir ihm bieten können, ist eine faire, saubere Aufarbeitung. Er darf sagen, wie er die Dinge sieht und wir werden das senden. Er kann unterscheiden, was Boulevard ist und was öffentlich-rechtliches Fernsehen. Ihm war klar, wenn er das macht, dann mit uns. Es hat länger gedauert und er hat immer wieder hin und her überlegt.
Deiß: Er dachte am Anfang, wir machen ein Buch zusammen, da haben wir klargestellt: Es ist unser Buch, unser Film. Sie kommen darin vor, aber Sie werden eingeordnet. Sie bekommen die Gelegenheit ein ausführliches Interview zu machen, alles andere machen wir.
Goll: Wir haben ihm auch immer gesagt: Wir werden ein kritisches Buch schreiben, einen kritischen Film machen.

Zu den Geschehnissen rund um den Mord an Hatun Sürücü gibt es viele verschiedene Versionen, woher wussten Sie, wem Sie glauben können?
Deiß: Wir hatten viele Gesprächspartner und haben sie immer wieder gegenseitig mit ihren Aussagen konfrontiert. Nach den Interviews haben wir uns zusammengesetzt und diskutiert, was wir glauben können und was nicht. Und wir hatten fast alle Gerichtsakten, alle Anwaltsakten.

Wie schwer war es, dass sich die Protagonisten ihnen als Außenstehenden, ja sogar Ungläubigen öffnen?
Deiß: Das Allerwichtigste war, das alle wussten, dass der Mörder uns sehr lange Interviews gegeben hat. Aber wir mussten noch literweise Tee trinken und uns stundenlang ohne Stift und Block, ohne Kamera hinsetzen und das Projekt erklären. Es gab Wochen, wo wir nur Absagen kassiert haben.
Deiß: Die Frauen werden zum Beispiel abgeschirmt, das gehört zu dem Kulturkreis. Natürlich haben wir gesagt: So, jetzt würden wir gerne ihre Schwester treffen, geben Sie doch mal die Nummer, dann kam: Hab ich nicht.
Goll: Dass zum Beispiel Mutlu (der große Bruder und Mitangeklagte von Ayhan, Anm. d. Red.) so ein islamistischer Dogmatiker ist, damit haben wir in der Schärfe nicht gerechnet. Der hat uns ganz klar gemacht, dass wir Ungläubige sind. Dann haben wir gelacht und gemeint: Das klingt nicht so richtig freundlich, aber damit müssen wir leben. In Ostanatolien war das Glück, dass wir den Berliner Politiker Giyasettin Sayan dabei hatten, jemanden, der aus der Region kommt, der uns Türen öffnen konnte.

Eigentlich ist Mutlu ein Musterfall der Integration. Ein junger Türke, der zur Bundeswehr geht und dort seinen Eid auf die Verfassung leistet.
Deiß: Es gab eine Radikalisierungsphase, als er in seiner Bundeswehrzeit überlegt hat: Wo geht mein Leben hin? Das spürt man bei vielen aus der Familie, dass sie diese Frage nicht beantworten können. Die sind ohne Schwimmflügel im Wasser, haben totale Identitätsprobleme. Bin ich deutsch? Bin ich türkisch?
Goll: Es ist nicht so, dass man diese Familie als homogenen, mafiösen Clan ansehen darf. Da gibt es unterschiedlichste Lebenswege, das ist ein Punkt, der für Zündstoff sorgt.

Die Kronzeugin Melek A. lebt inzwischen im Zeugenschutzprogramm, wie sind sie an sie herangekommen?
Deiß: Wir schützen die Zeugin, indem wir über diesen Punkt nicht reden. Die Anwältin sagt: Wenn Melek gefunden wird, wird sie erschossen. Aber natürlich hat man auch seine Tricks, wie man ohne offenes Visier an Akten und Informationen rankommt. Viele haben uns Informationen gegeben, um Hatun Sürücü einen letzten Dienst zu erweisen. Weil sie ihren Tod bis heute nicht begreifen können.

Wurden ihnen während der Arbeit an dem Projekt Steine in den Weg gelegt?
Deiß: Die Staatsanwaltschaft ist immer vorsichtig, wenn es darum geht, Akten freizugeben. Das mit dem offenen Visier war bei denen schwierig. Und das Gefängnis war auch nicht sofort kooperativ. So ein Dreh stellt für Tage den ganzen Betrieb auf den Kopf. Die haben eine Fürsorgepflicht für ihre Häftlinge. Dass die nicht einfach jeden einladen, mal mit Kamera vorbeizukommen, ist klar. Und es hieß auch: Ayhan Sürücü ist ein Mörder, der soll erst ein bisschen nachdenken. Aber letztlich ist es zustande gekommen.

Dank Machtwort von ganz oben?
Goll: Am Ende war es so, dass die Justizsenatorin Gisela von der Aue gesagt hat: Dieses Konzept ist gut, ich glaube daran. Das setzt auf Information und Aufklärung und wird kein hitziger Beitrag zu dieser Integrationsdebatte. Wir machen das.

Warum sind Sie das Projekt zu Zweit angegangen?
Goll: Man kann solche Geschichten nur im Vieraugenprinzip machen. Das ist wichtig, wenn man ein Interview über sieben, acht Stunden führt, dass der eine mal nur beobachtet, nur auf Reaktionen schaut, der andere sehr konzentriert am Fragen ist. So ist auch die Struktur des Buches zustandegekommen, in dem Zitate sehr eng mit Beobachtungen verwoben sind. Und wenn der eine sich zu schnell mit einer Antwort zufrieden gibt, kommt der andere vorgeschossen. Man braucht auch jemanden, mit dem man sich nach solchen Gesprächen noch einmal austauschen kann. Als Faktencheck.

Wie konnte es gerade im weltoffenen Berlin zu einem Ehrenmord kommen, während in dem ostanatolischen Dorf aus dem die Sürücüs stammen, so etwas angeblich ewig nicht mehr passiert ist?
Goll: In der Türkei gibt es nach wie vor Ehrenmorde, aber die soziale Kontrolle in den Communitys hier ist teilweise höher als in den Herkunftsländern. Diese Menschen sind vor vierzig Jahren hierhergekommen, viele haben sich gut integriert, aber es gibt immer noch einige, die diese archaischen Traditionen genauso leben wie vor 40 Jahren. In den Herkunftsländern hat man in der Zwischenzeit angefangen, nach links und nach rechts zu gucken, in die großen Metropolen wie Istanbul und Ankara. Das sind ja total weltoffene Städte. Nur in Berlin wurde das Wertesystem konserviert, weil es ja teilweise das Einzige ist, was diese Menschen noch an Identität haben.
Deiß: Wir haben in den Städten ein Anonymisierungsproblem, man kennt nicht mal mehr die Menschen in seinem Haus. In der typisch deutschen Vorstadt wird hingegen genau geguckt, wer seinen Rasen mäht, das ist sozialer Druck. Und so läuft es in der migrantischen Community auch. Da geht es eben nicht um den Rasen, sondern um die Frau. Die benimmt sich nicht so, wie es allgemein erwartet wird  – und plötzlich gucken alle. Es wird viel geredet, aber nicht mit den Betroffenen.

Inwiefern hat der Fall Sürücü die Integrationsdebatte angestoßen?
Deiß: Innensenator Körting hat uns gesagt, für ihn war das damals ein politisches Erdbeben, es hat ihn geschockt, zu sehen: Da sind Leute, die vertreten ein radikales Wertesystem, lehnen Deutschland ab und an die kommt man nicht ran.

Hat sich die Situation für junge Frauen wie Hatun Sürücü bis heute verbessert?
Deiß: Jugendamt, Familienhilfe, Mutter-Kind-Heim haben damals alles getan, um ihr zu helfen. Das finde ich ein wichtiges Signal, denn es gibt bestimmt eine Menge Mädchen, die sich auch ein anderes Leben erträumen und die sehen können, es gibt eine Riesenunterstützung, wenn sie wollen. In den Jugendämtern gibt es wirklich unglaublich couragierte Mitarbeiterinnen. Die haben heute noch Tränen in den Augen, wenn Sie über Hatun sprechen. Deshalb ist ja auch so tragisch, dass die Hilfeschreie von Hatun nicht richtig bewertet werden konnten. Sie selbst wusste, dass sie in Gefahr war. Aber niemand konnte es glauben. Heute wäre das anders.

Welche Schlüsse ziehen sie aus der Recherche – wie muss man Integration angehen?
Deiß: Ayhan hat sein ganzes Leben in Berlin verbracht und ist trotzdem stolz, wenn er sagt, dass er kein Deutscher ist. Ich habe für mich den Schluß gezogen, dass diese Parallelgesellschaft, von der alle reden, wirklich so hermetisch abgeriegelt ist und es keinerlei Kontakt zur Mehrheitsgeselllschaft gibt. Ayhan hatte Zeit seines Lebens so gut wie keinen Kontakt zu Deutschen. Und er sagt heute selber: Das ist traurig.
Goll: Ich fühle mich bestätigt, das beide Seiten seit 40 Jahren mit einer Lebenslüge leben. Die wurde so weit kultiviert, dass wir Schulen haben, auf die kein deutsches Kind mehr geht und wir reden trotzdem noch von Integration. Da fragt man sich, wer hat da geschlafen? Ich sage: Wir alle.
Deiß: In der Politik herrscht dazu eine gewisse Ratlosigkeit. Wir haben eineinhalb Stunden mit Herrn Körting geredet und dem sind die Probleme sehr bewusst. Es wird ja versucht, Brücken zu bauen, aber es geht eben kaum jemand rüber. Zu wenige Menschen haben das Gefühl, das ist meins hier. Mein Land, Mein Kiez. Und das Gefühl muss man erzeugen.

 

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Ehrenmord an Hatun Sürücü
Am 7. Februar 2005, an einer Bushaltestelle in Tempelhof, schießt Ayhan Sürücü seiner Schwester Hatun dreimal ins Gesicht. Ein Ehrenmord, der verhindern soll, dass die 23-Jährige Schande über die Familie bringt. Sie hatte ihr Kopftuch abgelegt und sich mit Deutschen getroffen. Der Fall sorgte deutschlandweit für Diskussionen. Matthias Deiß und Joachim Goll rekonstruieren das Geschehen in dem Film „Verlorene Ehre – Der Irrweg der Familie Sürücü“ (22.8., 21 Uhr, RBB) und dem Buch „Ehrenmord: Ein deutsches Schicksal“ (Hoffmann und Campe, 18,99 Euro).