Berlin lieben

»Ein Abenteuerspielplatz für Teenies«

Alkopops und heimlich rauchen: Xenia Balzereit, Volontärin in spe, hat sich in Berlins Freiheit und Anonymität verliebt

Görlitzer Park
Im Görlitzer Park
Foto: pixabay

2008 Ich habe mich auf einem Hügel im Görlitzer Park für Berlin entschieden. Mit 16. Rundherum Häuser, es roch nach Berliner Sommer samt Brathähnchen und warmem Müll, Abgasen und Gras. Ich habe mir sogar eine Wohnung ausgesucht, in die ich am liebsten ziehen würde. Mit Dachterrasse, an der Görlitzer Straße. Bioläden und türkische Bäckereien, Kopfsteinpflaster. Ich habe mich verliebt und schnell gelernt, dass es sich auf den breiten Bürgersteigen besser Fahrrad fährt als auf der Straße. Oder dass gebrannte Cashew-Kerne von der Nussrösterei an der Schönleinstraße echt lecker sind, Börek von den Buden auf der Warschauer Brücke dagegen nicht. Vieles davon habe ich von Marlene gelernt. Der Tag, an dem ich mich entschieden habe, war mein letzter Tag bei ihr, der Tochter von Freunden meiner Eltern. Eigentlich kannten wir uns kaum. Egal, es lief trotzdem gut mit uns.

Der Wunsch, nach der Schule hierher zu ziehen, war schon die ganze Woche über gewachsen. Zum Beispiel, als wir tagsüber in der Krummen Lanke schwimmen waren und abends auf dem Dach eines verlassenen Hauses am Ostbahnhof Mischbier getrunken haben. Ganz kitschig, mit Blick auf die Skyline.

Oder als wir auf einer Kellerparty gelandet sind, mit fettem Strobo-Licht und Techno. Ich erinnere mich nur noch an abgehackte Tanzbewegungen und ranzige Sofas, der Rest ist von Alkopops getrübt.

Oder als ich mit dem Fahrrad und Kippe in der Hand durch den Kreisel am Kotti fuhr. Niemals hätte ich das in meiner Heimatstadt Hameln gemacht. Erstens gibt es keinen Kreisel, zweitens hätte mich bestimmt irgendjemand dabei gesehen.

Oder als wir auf dem Baugerüst vor Marlenes Zimmer in der Skalitzer Straße geraucht haben. Wir hörten die Beatles und Seeed. Und nickten mit dem Kopf zu „dann bau’n wa’n dickes Rohr, kommt dann schon mal vor, und blasen dicken Smoke durchs Brandenburger Tor.“ So etwas hat bei mir in Hameln keiner gespielt.

Und dann die Hinterhöfe. Wie faszinierend, wie urban. Die Vorstellung, dass hinter den ganzen Häusern noch Hinterhäuser sind, mit Wohnungen mit Menschen drin, fand ich toll. Ich dachte: So viele Leben und alle gucken auf den gleichen Fleck Beton aus ihren Fenstern. Ich war auch immer etwas ehrfürchtig, wenn Marlene die große Tür zum Vorderhaus aufschloss und wir unsere Fahrräder in den Hinterhof schoben. Die Fliesen im Flur, die mächtigen Flügel der Türen und der muffige Geruch nach Altbau – toll!
Die Graffiti, der Dreck, das Gewusel am Kotti fand ich cool. Ich nahm auch ein paar Sticker von Marlene mit nach Hause. „Die Stadt gehört uns“ stand da drauf und irgendwas mit „Outlaws“. Als ich einen der Sticker zu Hause an eine Dorfbushaltestelle klebte, dachte ich wehmütig an Berlin. Ich nahm auch meine Tasche aus einem Laden in der Bergmannstraße mit nach Hause und trug sie stolz in der Schule, obwohl die Träger in meine Schulter schnitten. Da stand groß „Zossener Straße Berlin“ drauf. Jeder sollte sehen, was für ein aufregendes Leben ich geführt hatte.

Foto: David von Becker

Ein Leben, das nur die führen, die sich in Berlin auskennen, die hier wohnen. Berlin hat sich verändert seitdem, aber diese Atmosphäre, in die ich mich verliebt habe, die gibt es noch. Für mich war Berlin Freiheit und Anonymität, wild sein und Avantgarde. Deutschlands einzige richtige Metropole, ein Abenteuerspielplatz für Teenies und alle, die nicht erwachsen werden wollen. So ein Leben kannte ich aus Hameln nicht. Alles, was in Berlin in war, kam erst zwei Jahre später dort an. Ich bin Marlene bis heute dankbar, dass sie mir ihre Stadt gezeigt hat. Nur wegen ihr und dieser Zeit wohne ich nun hier. Nicht am Görli, natürlich. Kann ich mir nicht leisten. Manchmal stelle ich mich auf diesen einen Hügel im Park und erinnere mich an meinen Berlinbesuch vor zehn Jahren. Und denke an Marlene. Ich nehme mir jedes Mal vor, sie anzurufen. Um danke zu sagen und sie zu fragen, ob die Woche für sie auch so schön war.


Hilft gegen Liebeskummer: Admiralbrücke

Hier habe ich abgehangen, als ich mit 16 zu Besuch in Berlin war – und bis heute liebe ich den Ort. Wegen der Stimmung, die abends aufkommt, wenn gerade die Sonne über dem Kanal untergeht. Wegen der Musiker, deren Musik manchmal schlecht, aber oft auch richtig gut ist. Auch wenn sich die Anwohner am Stimmengewirr und an der Musik stören. 2011 gab es sogar Pläne, die Brücke umzubauen, aber die sind im Sande verlaufen. Jetzt kommt um 10 Uhr abends die Polizei und bittet die Menschen, die Brücke zu verlassen. Meistens machen sie das auch ohne Murren. Am meisten liebe ich den Ort wegen genau dieser Menschen. Und wegen ihrer genervten Blicke, wenn sie ihre Füße hochheben und etwas rutschen müssen, wenn sich ein Autofahrer erdreistet, über die Brücke zu fahren. Um halb 10 Uhr abends! Spinnt der? Kann der nicht bis 10 Uhr warten?

Sieben Liebeserklärungen an Berlin