Stahltropolis

Ein Besuch im historischen Stahlwerk

Brandenburg an der Havel hat sich optisch herausgeputzt. Doch der wichtigste Arbeitgeber
bleibt die Schwerindustrie. Ein Besuch im historischen Stahlwerk

Bitterkalt sind die Temperaturen in der Halle. Der Atem gefriert in der Luft. Eine Atmosphäre wie in einem Endzeitfilm. Metallträger ragen in die Höhe, von der Decke rieseln Eiskristalle. Früher brachten die Öfen Hitze. Bei 1.800 Grad schmolzen sie Schrott zu Stahl. Bis zu 50 Grad herrschten dann hier. Brandenburg an der Havel ist bis heute ein wichtiger Standort der Schwerindustrie. Bis zu 1,6 Millionen Tonnen Stahl werden jährlich produziert. Der örtliche Fußballverein nennt sich FC Stahl Brandenburg. Die Stadt ist ein industrielles Schwergewicht, wenngleich das Zentrum beschaulich wirkt mit seinen frisch geputzten Fassaden und schmucken Kirchen. Brandenburg war, anders als Eisenhüttenstadt, nie eine reine Arbeiterstadt. Noch bis in die 90er-Jahre prägten zwölf Schornsteine den Stadtrand. Sie gehörten zum Stahl- und Walzwerk Brandenburg, dem mit 2,3 Millionen Tonnen größten Stahlproduzenten in der DDR. Ein mächtiger Koloss: 30 Meter hoch, gute 500 Meter lang. Im Innenraum arbeiteten 10.000 Beschäftigte an zwölf Öfen. Dann kam die Wende und mit ihr die Effizienz. Schon vorher war die Produktionsweise des Werkes veraltet. Sie beruhte auf dem sogenannten Siemens-Martin-Verfahren, entwickelt Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Franzosen Pierre-Émile Martin und den Siemens-Brüdern. Fast 100 Jahre lang waren diese Öfen weltweit im Einsatz, bis sie durch das Elektrostahlverfahren ersetzt wurden, nur die in Brandenburg blieben übrig. Elf demontierte man nach 1992. Der verbliebene Siemens-Martin-Ofen ist der letzte in ganz Europa.

Der Besucher durchschreitet somit ein einmaliges Industriedenkmal und mit ihm eine der Hauptsäulen der modernen Gesellschaft. Denn erst die industrielle Stahlproduktion ermöglichte den Bau der Eisenbahnen, Containerschiffen und Panzern. All das erfährt der Besucher in dem angeschlossenen Museum, wo auch die Schattenseiten der Stahlproduktion beleuchtet werden. Beispielsweise waren die Werke seit den 20er-Jahren Teil des Flick-Konzerns, dessen Inhaber Friedrich Flick in den Nürnberger Prozessen zu sieben Jahren Haft als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Tausende Zwangsarbeiter mussten damals in dem Brandenburger Werk arbeiten. Nach dem Krieg kamen Maschinen und Öfen als Reparationszahlungen in die Sowjetunion. Die dunkle Vergangenheit ist aber nicht der Grund, warum die Arbeiter in den 70er- Jahren unter anderem Holzspielzeug produzieren mussten. Ein kostspieliges Vorhaben, das wirtschaftlich sinnlos war. Die SED wollte der Bevölkerung zeigen, wie fürsorglich sie ist. Irgendwann lernte jedoch jemand Rechnen. Die Produktion wurde auf Gartenmöbel aus Stahl umgestellt.  

14770 Brandenburg an der Havel, August-Sonntag-Str. 5, Tel. 03381-30 46 46,
Di-So 10-16 Uhr, Eintritt 4, erm. 2 Euro, www.industriemuseum-brandenburg.de