Berlin lieben

»Ein Geschenk an die Welt«

Redakteur Martin Schwarzbeck traf die Liebe, als er einem Wasserwerfer gegenüberstand

Foto: privat

1999 Verknallt haben Berlin und ich uns auf der Loveparade; die große wilde Stadt zeigte mir einen Hauch ihrer Reize. Musik, Drogen, nackte Haut. Ich war hin und weg und zog so schnell wie möglich her. Dass ich nicht so bald wieder gehen würde, ist mir im Ostgut klargeworden, dem Vorgänger des Berghain. Ich kannte das nicht, einfach bis Montag durchtanzen. Mochte ich. Und auch den Rest. Irgendwann stand ich mal an der Bar, da kniete einer neben mir und ein anderer stand urinierend davor. Ich steh nicht drauf, aber der Grad der persönlichen Freiheit, der da zelebriert wurde, hat mir sehr gut gefallen. Ich dachte mir: Rock’n’Roll.

Wirklich verliebt habe ich mich bald darauf im Lustgarten in Mitte. Da habe ich verstanden, dass Berlin auch ernst kann, dass es nicht nur eine Partybeziehung wird. Die USA waren mal wieder in den Irak einmarschiert, des Öls wegen, so meine Meinung, und ich wollte dagegen protestieren. Es war eine Riesendemo, begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot, so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Gegen Ende gab es am Rande Rangeleien. Einige setzten sich auf die Straße. Und da fuhr er auf. Vor dem Dom, inmitten der kulissenartigen historischen Mitte Berlins. Im Sonnenuntergang. Der Koloss, das Monster, das mächtigste Gefährt, das mir je als Gegner gegenüberstand. In meiner bisherigen Demoerfahrung hatte ich es nur mit Streifenwagen und Kleintransportern zu tun gehabt. Und plötzlich stand dieses massive, schrankwandförmige Ungetüm vor mir. Es glänzte in der untergehenden Sonne, der Fahrer und der Bordschütze trugen Sonnenbrillen, die Rohre tropften vorfreudig. Ich meine, ein hämisches Grinsen auf den Gesichtern der Besatzung gesehen zu haben, während sie sich Schwall um Schwall ihren Weg bahnte.

Foto: David von Becker

Ab dem Moment, an dem sich die Menschen um mich herum vielsagend anschauten und sich Tücher vors Gesicht zogen, war es um mich geschehen. Danach wurden Steine organisiert und geworfen, alles war voller Tränengas, der Wasser­werfer und Polizisten in Kampfmontur pflügten durch die Menschenmasse am Lustgarten, mitten im historischen Berlin. Ich war ziemlich weit hinten, aber die jungen Menschen, die da in vorderster Front ihre Gesundheit für die gute Sache gaben, waren meine Helden. Ich war jung und brauchte den Glauben an die Welt.

Ich habe bis heute keinen Stein geschmissen. Und Berlin hat das auch irgendwie verlernt. Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht, wie lange das mit uns zwei noch gut geht. Wir sind jetzt 18 Jahre zusammen, eine gefühlte Ewigkeit, und wir entwickeln uns auseinander. Ich werde zunehmend bürgerlich, sie feiert immer noch jede Nacht. Früher war sie eher Punk, jetzt macht sie einen auf schick, mit glänzenden Fassaden. Sie hat inzwischen verdammt viele Liebhaber und sie nimmt viel Geld dafür, mit ihr zusammen sein zu dürfen. Aber so lange sie auch noch ungeschminkte Seiten hat, bin ich ihr verfallen. Und ich habe kein Problem mit ihren neuen Lovern. Auch wenn es das Ende von uns zwei beschleunigt: Komme, wer wolle. Berlin ist die Stadt der Freiheit. Und diese Stadt ist ein Geschenk an die Welt.


Hilft gegen Liebeskummer: Landschaftspark Herzberge

Eigentlich glaube ich nicht an Geomantik, aber wenn einem Ort eine spektakuläre Energie innewohnt, dann ist es ja wohl der Tanzplatz der Insassen des damals psychiatrischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge. Ich werde das demnächst mal mit Kopfhörern ausprobieren.

 

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