Realität einer Revolution

Ein Jahr #MeToo

Vor einem Jahr eroberte der Hashtag #MeToo die Welt – und entfachte eine Debatte über sexuelle Gewalt und männlichen Machtmissbrauch.

Was hat die Lawine bewirkt?  Zehn Berliner*innen geben Antworten – von  der Aktivistin bis zur Tischlermeisterin in der JVA,  vom Familienvater bis zum Uni-Dozent


Protokolle: Erik Heier, Julia Lorenz, Jasna Zajcek

»Pop hat in der Debatte seine Vorreiterfunktion unter Beweis gestellt«

Sandra und Kerstin Grether sind feministisch in allen Lebenslagen – als Popmusikerinnen, Autorinnen, Aktivistinnen (z.B. SlutWalkBerlin) und Betreiberinnen des Record-Labels Bohemian Strawberry.
Foto: Volker Issbrücker

„Als Kerstin 2014 den ersten #MeToo-­Roman in deutscher Sprache schrieb, der in der Popwelt spielt, gab es die Bewegung noch nicht. Begriffe wie Slutshaming, Rape Culture und Victim Blaming kamen aus der von uns mit-initiierten Slut-Walk-Bewegung von 2011, dem Vorläufer von #MeToo. Für die breitere Öffentlichkeit waren diese Begriffe und das dahinter stehende Denken, das sich gegen die Opfer-Täter-Umkehr wendete, völlig neu. Es war undenkbar, dass ein großer Verlag dieses Buch drucken würde, selbst wenn viele Verleger es stilistisch brillant fanden. Aber doch nicht dieses Thema, noch dazu aus der Pop-Perspektive! Jetzt ist dieses Thema das Thema des Jahrzehnts! Und es kam aus der Unterhaltungsindustrie. Und das sagt alles über die Bedeutung von #MeToo. Es hat in den 10er-Jahren mehrere Wellen des Aktivismus gebraucht, in denen sexualisierte Gewalt thematisiert wurde, bis #MeToo schließlich die Welt verändern konnte und auf einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel aufbauen konnte. Die Popwelt hat das ganze Jahrzehnt über schon mobil gemacht. Als dann #MeToo in den Medien hochkochte, waren es aber eher Schauspielerinnen, die das Thema auf seinen Zenit brachten. Typisch Hollywood und typisch für die Vorreiterfunktion des Pop.“


»Es gibt noch viel zu tun für eine Welt ohne Gewalt gegen Frauen und Mädchen«

Gesa Birkmann, Referatsleiterin bei Terre des Femmes, einer Organisation, die weltweit für Frauen die Stimme erhebt.
Foto: Nastassja Lutz Sorg TERRE DES FEMMES

„Es wird wieder über die täglichen Demü­tigungen gegenüber Frauen, mächtige Männernetzwerke und Machtstrukturen selbstgefälliger Männerseilschaften gesprochen. Die Debatte hat ausgelöst, dass #MeToo uns alle angeht. Unsere ­Gesellschaft ist wieder sensibilisiert ­dafür, dass Männer sexualisierte Gewalt als Machtinstrument einsetzen. Wir hoffen, dass die Debatte die Öffentlichkeit wachrüttelt, genauer hinzuschauen, ­Betroffenen zur Seite zu stehen, nicht wegzusehen und mehr Frauen ermutigt, sich zu wehren. Der Diskurs zeigt auf, wie wichtig es ist, an der Gleichberechtigung zu ­arbeiten; verankert seit bald 70 Jahren im Grundgesetz. ­Mächtige Männer haben versucht, die Debatte kleinzureden, Aussagen von Frauen zu verunglimpfen. Aber die Verbreitung im Netz ist ein ­klares ­Indiz (175.000.000 Hits unter dem Stichwort #MeToo) dafür, dass die Debatte aktuell und wichtig ist. Die #MeToo-Debatte hat eine viel größere Reichweite als nur in den sozialen Medien oder im ­Internet. Sie ist mehr als ein Hashtag, denn sie hat viele Aktionen, ­Demonstrationen und Diskussionen ausgelöst.“


»Von den gesellschaftlichen Veränderungen profitieren alle. Auch wir Männer«

Ingo Werren träumt als Single-Vater einer Teenager-Tochter von einer gender-gerechten Welt.
Foto: Ingo Werren

„Ich finde, die Debatte hat wieder Aufmerksamkeit auf die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen ­gelenkt. Sie hat meiner Meinung nach ein kritisches Reflektieren über eigenes Handeln bewirkt. ‚Habe ich vielleicht auch einmal eine sexistische Bemerkung rausgelassen? Habe ich vielleicht auch mal ‚übergriffig‘ gehandelt, ohne dass es mir bewusst war? Oder war es mir bewusst und dann egal? Habe ich damit eine Frau verletzt, verunsichert?‘ Sie löst bei vielen Männern auch eine bestimmte Vorsicht im Kontakt mit Frauen aus. Man merkt teils, dass manchmal abgewogen wird, was man ­sagen oder tun kann, bevor man es tut. Sie hat Bewusstsein aufs ­Thema gelenkt. Sie hat vielen Frauen – und, wie man sieht, auch anderen Belästigten und Missbrauchten – Mut gegeben über das zu ­reden, was Ihnen angetan wurde. Die ­Debatte hat, glaube ich, aber auch zu einer Verunsicherung des Mannes in seiner Rolle geführt. Der Mann muss sich jetzt, mit ziemlicher Verspätung, auf einen Weg machen, auf dem die Frau schon lange ist. Nämlich die eigene Rolle neu zu definieren und ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ein Selbstbewusstsein, das auf etwas anderem fußt als dem alten Narrativ ‚Mann stark und mächtig – Frau schwach, emotional und nicht so leistungsfähig‘. Der Mann merkt, dass man bzw. Frau eigentlich auch ganz gut ohne ihn klarkommt.

Ich habe das Gefühl, dass dies eine Debatte war, die nicht einfach weggelächelt wurde, sondern schon von allen ernst genommen wurde. Man bemerkt auch einen Generationswechsel. ­Heutige Menschen an den Schaltstellen von Politik und Presse haben eine aufgeklärtere Erziehung hinter sich. Frauen werden als gleich­berechtigt wahrgenommen. Gewalt gegen Frauen wird immer ­inakzeptabler. Und die Macht der sozialen Medien macht es möglich, dass Dinge schnell eine viel größere Öffentlichkeit und Dynamik kriegen können. Von den gesellschaftlichen Veränderungen profitieren denke ich alle. Auch wir Männer.“


»Man merkt: Hoppla, das kann  ja echt Konsequenzen haben«

Leander Wattig, HU-Dozent, nimmt als Unterstützer von #men4equality nicht an rein männlich besetzten Podien teil.
Foto: Sebastian Mayer flickr.com CC BY SA 2.0

„Die #MeToo-Welle hat dem Thema sexu­elle Belästigung eine Aufmerksamkeit gegeben, die es vielleicht noch nie hatte. Man merkt: Hoppla, das kann ja echt Konsequenzen haben – sogar für mächtige Männer. Viele Männer ­haben durch #MeToo zumindest eine ­leise ­Ahnung davon bekommen, was für ­Frauen völlig normal ist: dass sie regelmäßig belästigt werden. Selbst wo es ­keine aktive Ignoranz ist, ist es Männern oft nicht bewusst, in welchem Maße Frauen strukturell mit so etwas zu kämpfen haben und wie sehr es den Job und Alltag ­beeinflusst. Es gibt natürlich genug Männer, denen die ganze Richtung nicht passt und die versuchen, #MeToo ins Lächerliche zu ziehen. Hier fand ich schade, dass zuweilen wenig differenziert wurde und plötzlich Verbrechen wie die von Harvey Weinstein mit missglückten Dates wie bei Aziz Ansari gefühlt in einem Topf landeten. Damit macht man es den Gegnern leicht. Das größere Thema ist ja Feminismus, was letztlich nichts anderes bedeutet als eine Gleichbehandlung von Menschen. Eigentlich ist es ja völlig absurd, dass wir auch 2018 noch über so simple Dinge sprechen müssen. ­#MeToo hat uns diesem Ziel näher gebracht. Insofern hat die Debatte auf ­jeden Fall geholfen. Jetzt muss sie in Strukturen überführt werden.“


»Unsere Grenzen und unser Begehren sind von Person zu Person und von Augenblick zu Augenblick unterschiedlich«

Hergen Wöbken, Geschäftsführer des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE), das den Gender Pay Gap in der Bildenden Kunst untersucht hat.
Foto: Christoph Neumann

„Der Hashtag #MeToo war ein wichtiger Schritt für Opfer sexualisierter Gewalt. Die Debatte ermöglicht darüber hinaus uns allen, über bisher tabuisierte Erfahrungen und Anliegen sowie persönliche Wünsche und Grenzen zu sprechen. Eine längst überfällige Diskussion wurde ausgelöst, wie wir uns ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern in Freiheit und auf Augenhöhe vorstellen. Außerdem trägt der Hashtag hoffentlich dazu bei, dass Opfer sexualisierter Gewalt sich anderen mitteilen, und die Gesellschaft diese Art von Gewalt ernster nimmt. Der Hashtag ist nur eine Überschrift. Dahinter stehen jeweils individuelle Geschichten. Um die geht es eigentlich! Der Hashtag ermöglicht eine Diskussion, er ist nie ein Ersatz dafür. Unsere Grenzen und unser Begehren sind von Person zu Person und von Augenblick zu Augenblick unterschiedlich. Wichtig ist, ein Nein stets als ein Nein zu akzeptieren und zu respektieren. Sie hilft uns allen, den Opfern, den Nutzern des Hashtags ebenso wie den anderen, die beginnen, über dieses Thema nachzudenken.“


»Es geht um Machtstrukturen, unter denen nicht nur Frauen leiden«

Zoë Beck, Schriftstellerin, Verlegerin und Übersetzerin, kämpft seit Jahren um Gleichberechtigung im Literaturbetrieb.
Foto: V Tomaschko

„Die #MeToo-Debatte hat sehr schnell sehr viele Menschen in vielen Teilen der Welt erreicht. Vor ein paar Jahren gab es beispielsweise #ichhabnichtangezeigt, eine tolle, große Aktion, die allerdings nicht in die breite Öffentlichkeit gefunden hat. #MeToo hat deutlich mehr auslösen können, wahrscheinlich auch, weil Feminismus gerade wieder stärker im ­Fokus steht. Ich denke, es kamen hier einige Faktoren zusammen: Aufschwung feministischer Themen, breitere Diskussion um Frauenquoten, z.B im Medien-und Filmbereich, verändertes Strafrecht – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ich persönlich merke, dass im beruflichen Umfeld Menschen sehr viel aufmerksamer mit diesen Themen umgehen, vielleicht auch vorsichtiger miteinander sind – im besten Sinne, nicht aus Angst. Natürlich gibt es genügend Menschen, die das alles belächeln und für überflüssig halten, aber unterm Strich tut Durchrütteln überall sehr gut. Es geht schließlich um Machtstrukturen, unter denen nicht nur Frauen leiden, sondern letztlich alle, die nicht in einer Macht­position sind. Wenn diese Strukturen aufgebrochen werden, wenn Menschen nicht mehr einfach so ungestraft ihre Macht missbrauchen können, wenn diejenigen, die nicht so weit oben in den Hierarchien sind, weniger Angst haben müssen, dann haben wirklich alle etwas davon. Auch die, die keine Hashtags nutzen.“


»Ein, zwei Mal im Jahr haben wir eine Grenzüberschreitung«

Linda Starke, Geschäftsführerin der Cinnamon– Agentur für Promotion und Messehostessen, wird im beruflichen Alltag mit Sexismus konfrontiert.
Foto: cinnamon

„Ich denke, durch die Debatte ist es ­gelungen, auf beiden Seiten eine ­größere Achtsamkeit zu schaffen. Früher, vor zehn Jahren, da gab es wahrscheinlich auf der Wiesn öfter mal einen Klaps auf den Hintern für die Kellnerinnen. ­Heute wird sich das geändert haben. Es ist ja für jeden unterschiedlich, wann ein Kompliment zu viel wird, wann jemand aufdringlich wird. Das empfindet jeder und jede anders. Ein-, zwei Mal im Jahr haben wir eine Grenzüberschreitung. Neulich hatten wir einen Fall: Es ging um verbale Belästigung zunächst. Das fing damit an, dass ein Mann im Eingangsbereich von ­unseren Hostessen begrüßt wurde, und er sagte: ‚Ihr seht ja so gut aus, ich muss mal meine Brille aufsetzen‘. Das ging dann so weiter. Der Vorfall wurde von der Compliance Abteilung unseres Auftragsgebers bearbeitet. Dabei war man dort schon erschrocken, als sie den Spruch mit der Brille hörten. Das ging für sie schon nicht mehr. Ich denke, besonders im Arbeitsbereich sind alle noch weiter sensibilisiert worden, das ist wichtig. Privat ist es etwas anderes, da kann jede Frau, zum Beispiel im Club oder in einer Bar, sich ganz anders auch verbal zur Wehr setzen. Ich denke, dass jeder mehr darauf guckt. Und man merkt, dass gerade in größeren Unternehmen noch mehr hingeguckt wird – das war zwar vorher auch schon so, nun aber trauen sich die Frauen mehr. Durch die öffentliche Debatte sind sie sich ihrer Rechte bewusster geworden.“


»Jetzt gilt es, die Debatte von Twitter in die Breite der Gesellschaft zu tragen«

Nina Stahr, Landesvorsitzende der Berliner Grünen, setzt sich als Politikerin für Emanzipation und Gleichberechtigung ein.
Foto: Reiner Kurzeder

„Die #MeToo-Bewegung hat eine breite gesellschaftliche Debatte über sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt angestoßen – weit über die Film- und Kulturbranche hinaus. Nie zuvor hat das Thema so viel Aufmerksamkeit bekommen. Das Bewusstsein und die Sensibilität für diese Art von struktureller Gewalt ist gestiegen. Es ist viel schwerer geworden, so zu tun, als gäbe es kein Problem – hunderttausende Stimmen beweisen das Gegenteil. Dass wir endlich öffentlich über das Thema diskutieren, ist ein richtiger und wichtiger erster Schritt. Aber wir stehen ganz am ­Anfang. Wir müssen weiter für Aufklärung, Gerechtigkeit und eine andere Kultur kämpfen. Hunderttausende Berichte von Betroffenen ­lassen sich nicht weglächeln. Die flächendeckende Sichtbarkeit des ­Themas und die ernsthafte Auseinandersetzung damit helfen allen Betroffenen. Sie merken, dass sie nicht alleine sind und trauen sich dadurch eher, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen. Jetzt gilt es, die Debatte von Twitter in die ganze Gesellschaft zu tragen, in Institutionen, in die Arbeitswelt und in die Politik – nur so können wir etwas verändern. Weil Übergriffe im Internet ebenso zerstörerisch wirken wie physische Gewalt wird es künftig eine stabile frauen­spezifische Beratung geben. Damit werden Prävention, Aufklärung, Opferschutz und Strafverfolgung besser verzahnt.


»An bildungsfernere Frauen ist #MeToo vorbeigegangen!«

Jouanna Hassoun ist Geschäftsführerin von Transaidency e.V., einem Hilfsverein, der besonders Frauen mit migrantischem Hintergrund in schwierigen Situationen unterstützt.
Foto: Transaidency

„Die #MeToo-Debatte hat für viele ­Frauen gar nichts gebracht. Sie fand auf der digitalen Ebene statt und ist für eine intellektuelle Schicht angelegt. Für die Frauen, mit denen ich über meine ­Arbeit in Kontakt bin, hat sich nichts geändert. Es sind meist bildungsfernere Frauen, aus prekären Verhältnissen, oft auch Analphabetinnen. Auch an den Neugeflüchteten die seit zwei, drei Jahren in Deutschland sind, ist #MeToo vorbeigegangen. Aber an anderen anscheinend auch – schauen wir doch mal auf die aktuellsten Ereignisse! Beim Oktoberfest in München gab es mehrere Vergewaltigungsversuche und Übergriffe, die bekannt wurden. Da hat #MeToo doch nichts zu sagen, und es wird auch nicht in den Fokus genommen. Wären die Täter in München muslimische Männer gewesen, hätte es mehr Aufmerksamkeit bekommen. Da es mutmaßlich keine muslimischen waren, gab es keinen Aufschrei. Aber aus meiner Sicht ist jeder Fall einen Aufschrei wert, egal welcher kulturellen oder religiösen Herkunft der Täter ist. Ich kenne durch meine Beratungsarbeit viele Fälle, bei denen Frauen, sei es von Fremden oder von Familienmitgliedern, belästigt oder missbraucht wurden. Das Thema ist immer noch verpönt, es ist nicht so einfach, darüber zu sprechen. In der Berufswelt ist es genauso: Nicht jeder Vorgesetzte hat ein ­offenes Ohr für Vorfälle jeglicher Art und reagiert sofort. Die ­Debatte um die Vorfälle in der Silvesternacht 2015/16 in Köln ­wurde auf dem ­Rücken der muslimischen Männer ausgetragen, sie sind nicht ­weniger schuldig. Ich denke aber, dass die Mehrheitsgesellschaft vor einem muslimischen Mann mehr Angst hat. Darüber muss man auch sprechen, denn mir berichten viele ­neugeflüchtete Männer, dass sie angstvoll und als ‚die Bösen‘ auf der Straße angeschaut werden. Und darunter leiden sie!“


»Sie lernen bei mir nicht nur das Tischlern, sondern auch den Umgang mit Frauen«

„Ich hab die Diskussion nur in einer TV-Talkshow mitbekommen und muss sagen: Das nervt. Für meine Arbeit hat das keinen Ansatzpunkt, und mein privates Umfeld ist da längst weiter, die sind alle links bis ultra-links und fast schon zu genderperfekt im täglichen Umgang. Da wird eine Frau, die auf einem heißen Konzert ihren Pulli auszieht und T-Shirt-­Dekolletee zeigt, schon mal schief angeguckt, nach dem ­Motto: ‚Sie provoziert, dass die Männer gucken‘ – was ­genauso verpönt ist, wie es für Männer nicht geht, sexistische Sprüche zu reißen. Bei der Arbeit gibt es noch strengere Regeln: Ich stehe jeden Tag meinen Mann in der JVA, und natürlich gucken die Knackis nicht schlecht, wenn es dann zu Beginn der Ausbildung im Knast heißt: ‚Das hier ist Frau Tischlermeister, folgen Sie ihren Anweisungen, sonst ist die Tischlerausbildung für Sie schnell beendet.‘ Da ist klar, dass keiner sich irgendwas traut zu sagen oder zu machen, schließlich würde nur eine Beschwerde von mir den Gefangenen-­Azubi schnell wieder weg von der abwechslungsreichen und zukunftsträchtigen Beschäftigung an der Werkbank hin in seinen lahmen Zellenalltag bringen. Macht Spaß zu sehen, wie die Jungs mitmachen, gehorchen, sich zurücknehmen und zum guten ­Gelingen ihres Zieles und des gesamten Projektes beitragen. Und ja, ich glaube, sie lernen bei mir nicht nur das Tischlern, sondern auch den zurückhaltenden und respektvollen Umgang mit Frauen. Und das sogar, obwohl keiner ein Smartphone hat. Und die wenigsten, glaube ich, überhaupt das Hashtag #MeToo kennen.“

Ela Klenz arbeitet als Tischlermeisterin in einer JVA – und damit in einer testosterongeschwängerten Umgebung.