PORTRÄT URSINA LARDI

Ein stiller Star

Ursina Lardi gehört zu den prägenden Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters. Auch in TV und Kino brilliert sie. Nun spielt sie in der Volksbühne in der Inszenierung „Unendlicher Spaß“ die Hauptrolle – einen Mann

Text: Georg Kasch

Jetzt sind die Männer dran! Viele große Frauen­figuren hat Ursina Lardi während ihrer Karriere verkörpert, Salome, Gretchen, Ranjewskaja. Zuletzt aber spielte sie markante Männer wie Ödipus. Lenin. Und Hal Incandenza. Das ist jener Teenager-Nerd in John Foster Wallaces Roman „Unendlicher Spaß“, jüngster der drei zentralen Incandenza-Brüder, der plötzlich verstummt, ein Tenniswunder und wandelndes Lexikon.

In Thorsten Lensings Sophiensaele-Inszenierung, die dort vergangenes Jahr immer ausverkauft war und jetzt an der Volksbühne zu sehen sein wird, versucht Lardi erst gar nicht, einen 17-Jährigen zu imitieren. Sie trägt ihr langes blondes Haar nach hinten gekämmt, steckt in einem weißen, hautengen, langärmeligen Trikot und Plateauschuhen. Leise lässt sie die Worte knacken. Der Weg zwischen ihr und diesem halbwüchsigen Überflieger, der an sich und der Welt leidet, ist weit. Wie ­Lardi ihn abschreitet mit wenigen Nuancen der Stimme, einem Schleifen hier, einer Überartikulation da, einem kritisch-wachen Blick, das packt.

Ursina Lardi als Tenniscrack Hal Incandenza in „Unendlicher Spaß“ – Foto: David Baltzer / bildbuehne.de

Seit zweieinhalb Jahrzehnten gehört Lardi zu den prägenden Schauspielerinnen des deutschsprachigen Theaters. Auch in Kino und Fernsehen ist sie regelmäßig zu sehen, war die Baronin in Michael Hanekes „Das weiße Band“, hatte prägnante Rollen in Arthouse-Filmen wie „Lore“, „Traumland“ und „Unter der Haut“, in Tatorten und Polizeirufen. Aus Berlin aber ist sie vor allem als Schaubühnen- und Lensing-Schauspielerin nicht wegzudenken.

Lardi stammt aus der Schweiz, aus Graubünden. Sie wuchs mit drei Sprachen auf, beherrscht heute sechs, dreht auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch. Nach ihrem Studium an der Berliner „Ernst Busch“ war sie in Düsseldorf, Frankfurt, Hannover und Hamburg engagiert, in Berlin am ­Gorki Theater und am Berliner Ensemble. Seit 2012 gehört sie fest zum Ensemble der Schau­bühne.

Offen für verrückte Experimente

Hier drückte sie jeder Produktion, an der sie beteiligt war, ihren unverwechselbaren Stempel auf: In Thomas Ostermeiers Inszenierung „Die kleinen Füchse“ etablierte sie Birdie als zweite Hauptfigur neben Nina Hoss’ Regina Giddens. In Alvis Hermanis’ „Sommergästen“ war ihre Warwara Michailnowna der Lichtblick, eine lässige Herrscherin ohne Reich, deren unterdrückte Weltekel-Hysterie einem großäugigen Entsetzen wich. In Romeo Castelluccis „Ödipus“-Vision ­zeigte sie einen Christus-König mit halb entblößter Brust, brennendem Herzen und Erkenntnis-Tränen. Bei Milo Rau übernahm sie gleich zwei große Rollen: die zunehmend zynische Frau in „Mitleid“.

Und die Titelrolle in „Lenin“. Wunderbar war es, Lardi dabei zuzusehen, wie sie allein mit dem Blick regiert, streng, verständnislos. Große realistische Schauspielkunst, als wär’s ein Stück von Tschechow, die immer wieder ins aufregend Vergröberte kippte. „Das Spiel mit der Entfernung von mir zum Text, zur Figur interessiert mich. Manchmal ist die Distanz sehr groß, das gefällt mir, es verhindert äffische Nachahmung“, sagt sie. In „Lenin“, wo sie sich erst allmählich und vor den Augen des Publikums in den alten Mann mit Halbglatze und Spitzbart verwandelt, wird diese Annährungsarbeit besonders deutlich. Ihr Spiel kennt Uneindeutigkeiten, ist ein vorsichtiges Herantasten an eine Rolle, ein kritisches Aneignen.

Lardi stürzt sich mit einer furchtlosen Unbedingtheit in ihre Aufgaben. Aktuell etwa schaltet sie bei Herbert Fritsch in „Champignol wider Willen“ den Knautsch­gesicht-Turbo ein. „Bei Fritsch zu spielen macht mir eine diebische Freude, das habe ich mir geschenkt“, sagt sie. Eigentlich ist ihr Anliegen, in ihrem Spiel möglichst komplexe Inhalte zu transportieren. „Aber das war jetzt einfach mal dran!“

Ursina Lardi (links) in Herbert Fritschs “Champignol wider Willen“ in der Schaubühne – Foto: Thomas Aurin

Was die Regisseure verbindet, die ja ästhetisch weit auseinanderliegen: „Es sind ­alles Extremisten, die ans Theater glauben. Sie stellen mir künstlerische Aufgaben, auf die ich anspringe. Sie vertrauen mir.“ Wer mit verrückten Experimenten auf sie zukomme, habe gute Chancen, sie zu begeistern. „Das ist, was mir die Energie gibt. Dann ist es auch in Ordnung, wenn es mal scheitert.“

Wie passt Thorsten Lensing in diese ­Reihe, mit dem sie in „Unendlicher Spaß“ zum siebten Mal zusammengearbeitet hat, nach Inszenierungen wie „Karamasow“, „Onkel Wanja“ und „Der Kirschgarten“? „Bei Thorsten stehen starke Charaktere auf der Bühne. Wir versuchen nicht, eine geschlossene Ästhetik zu entwickeln, uns aneinander anzugleichen. Jeder hat seine Art, aber wir spielen zusammen, und tun nicht nur so, als würden wir das tun, was man ja oft sieht.“ Wenn so eigensinnige Schauspieler aufeinandertreffen, ergebe das eine hohe physikalische Energie. „Bei Thorstens Stücken entsteht alles aus dem Spiel. Es gibt nichts, was den Schauspielern Arbeit abnimmt, wie Musik, Atmosphären, Bilder, technische Effekte. Wir sind da sehr nackt, sehr der Sache ausgesetzt.”

Faszinierend findet Lardi auch, dass Lensings Inszenierungen keine fixen ­Gebilde sind, sondern die Premieren Startpunkte, die eine große Entwicklung ermöglichen. „Jede Vorstellung hat Spiel, jede Aufführung verändert sich“, sagt sie. Deshalb müsse man eigentlich öfter gucken kommen. Was dank der Volksbühnen-Gastspiele möglich wird.

„Unendlicher Spaß“, 2.2., 19 Uhr, 3.2., 18 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Regie: Thorsten Lensing; mit Ursina Lardi, Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Heiko Pinkowski, Devid Striesow. Eintritt 10–30 € (nur noch Restkarten an der AK)