Selbsttest

Ein Tag bei Deliveroo

Essenskuriere sind Helden der Großstadtstraßen. Die Branche boomt. Unser Autor wollte einen Sommer lang Asphalt fressen. Ein kläglicher Selbstversuch.

Ich sah mich schon, mit einer dieser Essensboxen auf dem Rücken, darin feines Sushi oder scharfes Curry oder deftige Burger mit Pommes. Unterwegs, in Mitte, in Kreuzberg oder in Neukölln, da wo die schicken Leute arbeiten und leben und essen. Immer im Kampf mit den Minuten und dem Algorithmus der App unterworfen, die den Takt der Startup-Essenslieferbranche diktiert. Doch es sollte ganz anders kommen. Ich will gleich am Anfang ­sagen, wie es ausgeht: Ich bin gescheitert. Grandios.

Ob am Görlitzer Park, am Rosenthaler Platz oder auf der Karl-Marx-Straße, über all sieht man junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, mit Essensboxen auf dem Rücken oder auf den Gepäckträgern hin und her flitzen oder rumstehen und auf den nächsten Auftrag warten. Ob an Litfaßsäulen oder in U-Bahnhöfen, ob auf Twitter oder Facebook, seit Monaten kämpfen Foodora oder Deliveroo um Aufmerksamkeit und Einfluss, um Klicks und Geld. Die Botschaft: Du beschäftigter Großstadtmensch, fürs Kochen hast du doch gar keine Zeit, klicke hier, bestelle dein Premium-Lieblings-Essen aus deinem Premium-Lieblings-Restaurant, wir liefern es dir, durchschnittlich in 32 Minuten.

Unser Autor testest Liferservices
Karl Grünberg
Foto: Privat

Foodora gibt es in Deutschland in 14 Großstädten mit rund 1.900 Fahrern. Deliveroo taucht in sechs deutschen Städten auf, allein in Berlin nach eigenen Angaben mit 300 Fahrern und 600 Partnerrestaurants. Beide Startups, millionenschwer finanziert von noch größeren Playern, liefern sich ein Rennen um Kunden, die zu Hause essen wollen und bereit sind, dafür 2,50 Euro extra zu bezahlen. Und um möglichst viele namhafte Restaurants, die das Essen kochen, verpacken, zwischen 25 und 30 Prozent Provision für das Vermitteln und Liefern an die Startups zahlen. Die Restaurants hoffen so auf mehr Kunden, einen höheren Bekanntheitsgrad und zusätzliche Einnahmen.

Deliveroo will den Essensmarkt revolutionieren

Auch ich klicke. Aber nicht um Essen zu bestellen, sondern um Fahrer zu werden. Bei Deliveroo. Ich hätte auch Foodora genommen, doch die wollten zum Zeitpunkt meiner Bewerbung keine Fahrer in Berlin. Auf der Website steht, dass ich „gutes Geld“ verdienen würde, eine „großartige Fahrer-App“ bekommen und einfach mit dabei sein könnte, wenn es darum geht, den Essensmarkt zu revolutionieren. Na, dann los.

Ein paar Tage später, Vorstellungsgespräch, Fabriketage, junge Leute an Rechnern. Ich bin aufgeregt. Am Telefon hatte eine Frau mehrmals zu mir gesagt, dass es besser wäre, ich würde als Selbstständiger für sie arbeiten. Es ginge auch auf 450 Euro Basis, aber das wäre nicht so gut, selbstständig sei besser. Warum, das hat sie mir nicht gesagt. Deliveroo gibt an, dass es zur Hälfte mit angestellten und zur Hälfte mit selbstständigen Fahrern „kooperiert“.

Es ist das kürzeste Vorstellungsgespräch meines Lebens. Ein freundlicher Mittzwanziger rasselt die Konditionen für Selbstständige herunter: 7,50 Euro die Stunde. 1 Euro pro Lieferung mehr. Aber: Wenn ich richtig schnell und länger dabei bin, könnten es auch zwei oder drei Euro mehr werden. Das Trinkgeld dürfe ich in jedem Fall behalten. Es gibt einen Wochenendzuschlag und neu auch einen Regenzuschlag, aber erst ab einer Stunde durchgehend Regen und über einer bestimmten Millimeterzahl Niederschlag. Versichern muss ich mich selber. Ich brauche ein gutes Fahrrad. Ein Smartphone mit Internetflat, eine extra Powerbank fürs Akkuaufladen unterwegs. Die Essensbox wird gestellt, gegen einen Pfand, der mir vom Lohn abgezogen wird.

Warum ich für sie arbeiten will, fragt er nicht. Auch nicht, was mich qualifizieren würde. Eines ist ihm wichtig: „Bei uns geht es um Geschwindigkeit, Tempo, Tempo, Tempo. Und freundlich sein. Die Fahrer sind unser Gesicht da draußen.“ Einige Fahrer seien sehr schnell, richtige Freaks, Profis. Andere hingegen knapp an der Grenze oder darunter, da müsse man jetzt sehen, wie es mit denen weitergeht.
Die „Trial Session“, die Prüfung, ob ich fit und gut genug bin für den Fahrerjob, die kommt aber erst noch. Probe­fahren mit meinem „Mentor“, so heißen die Fahrer, die so weit aufgestiegen sind, dass sie für ein paar Euro mehr die Neuen prüfen sollen.

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11.45 Uhr, Rosenthaler Platz. Ich habe mir extra das Fahrrad eines Freundes ausgeliehen. 1.700 Euro teuer. Damit fährt man nicht, damit fliegt man. Mein Mentor ist klein und schlank und bärtig, Mitte oder Ende 20, schätze ich. Die Muskeln an seinen Waden und Oberarmen treten deutlich hervor. Ein Profi. Einer, der sein Fahrrad liebt, der alle seine Wege und Zeiten mit einer App aufzeichnet und sie mit anderen vergleicht. Ich bekomme Angst. Ob ich mit ihm mithalten kann? Schnell wechseln wir ins Englische. Er ist noch gar nicht so lange in Berlin.
Die erste Fahrt soll ich einfach hinter ihm herfahren, die zweite Tour gehört dann mir, das ist dann mein Test. Schon kommt der nächste Auftrag über die spezielle Fahrer-App rein. Mit einem Wisch auf dem Smartphone nimmt er ihn an. Dann erscheinen die Daten des Restaurants und der schnellste Weg auf einer Karte dorthin. Lieferzeit: insgesamt 20 Minuten. In praller Mittagssonne rasen wir den Berg hinauf, dann rechts, dann links, dann wieder rechts, dann sind wir da. Ein Asiate. Mein Mentor hat mich nicht abgehängt. Aber ich bin völlig außer Atem. Er natürlich nicht. Nächster Wisch: Wir haben Kontakt zum Restaurantpersonal aufgenommen. Nun die Bestellung überprüfen. Alles da. Essen in die Box. Nächster Wisch. Jetzt kommen die Daten der Kundin und der Weg zu ihr. Los geht’s.

Tempo, Tempo, Tempo. Jede Minute zählt. Wieder den Berg rauf, rechts, links, große Kreuzung, Ampel rot, er fährt drüber. Ich halte. Ganz instinktiv. Ich musste einmal 180 Euro zahlen, für eine rote Ampel, das passiert mir nicht noch einmal. Mein Mentor muss auf mich warten. Er schaut auf sein Smartphone. Er wackelt nervös mit dem Kopf. Die Zeit läuft. Endlich grün, endlich sind wir da. Treppe, erster Stock, klingeln, „Hallo“, „bitte, Ihr Essen“, „danke“, „tschüss“. Kein Trinkgeld, Auftrag erledigt, Wisch auf dem Smart­phone. Alles gut. Wir waren in der Zeit.

Warten am Rosenthaler Platz, andere Fahrer kommen dazu, fachsimpeln, was die ständigen Fahrradreparaturen kosten, der eine ist krankenversichert, der andere nicht, ­einer will bald aufhören, den anderen Fahrern gefällt es gut. Sechs Tests hat mein Mentor heute noch und es bewerben sich mehr Fahrer als sie nehmen können. Er wird also eine Auswahl treffen müssen.

Ein stressiger Job

Und dann kommt der nächste Auftrag. Ich bin dran. Ich bekomme sein Smartphone mit der App. Oh je, wir müssen zur „Mall of Berlin“ am Potsdamer Platz. Das sind vier ­Kilometer durch den Berliner Berufsverkehr. Normalerweise versucht die App, die Fahrer in einer der insgesamt 15 Zonen zu lassen, um den Lieferweg kurz zu halten. Doch in einer anderen Zone fehlen gerade welche, also müssen wir los. Ich vorneweg, er hinterher, ich trete, ich rase, ich fliege durch die Straßen, schneller, schneller. Ich spüre den Druck der App, der Minuten, die dahinfliegen, während ich trete.

Doch ich habe Pech, immer wieder rote Ampeln. Nach der fünften roten Ampel, an der ich brav halte, sagt mein Mentor zu mir: „Du kannst natürlich immer stoppen, aber dann schaffen wir die Zeit nicht. Wir sind jetzt schon ­Minuten hinterher.“ Mein erster Fehler.

Später frage ich bei den Presse-Verantwortlichen von Deliveroo nach. Diese geben an, dass bei ihnen die „Sicherheit der Fahrer von zentraler Bedeutung“ sei und jeder Fahrer „bezüglich der Straßenverkehrsordnung und der nötigen Sicherheitskleidung geschult“ werde. Außerdem bekommen neue Fahrer bei der „Trial Session“ von erfahrenen Kurieren „noch einmal persönlich erklärt, worauf man achten muss und wie man sich in bestimmten Situationen sowie im Straßenverkehr verhält.“
Endlich bei der Mall. Mein Mentor stellt sein Fahrrad ab, doch mir ist das zu unsicher, jeder könnte es einfach wegtragen, wir sind schließlich in Berlin. Doch um einen guten Platz zu suchen, fehlt mir die Zeit. Ich muss in der Mall ja noch das Restaurant finden. Also nehme ich mein Fahrrad mit hinein. Mein zweiter großer Fehler. Wir müssen die Roll­treppe rauf und natürlich stehe ich mit meinem Fahrrad im Weg rum. Mein Mentor guckt kritisch, später beschwert sich auch noch die Kellnerin, das habe ich verkackt.

Essen in die Box, wischen, zum Kunden. Ein Bürogebäude in der Friedrichstraße. Doch welchen Eingang soll ich nehmen? Welchen Fahrstuhl? Hektik. Endlich stehe ich im richtigen Büro, stolz, „Ihr Essen ist da“, rufe ich in den Raum. Doch der Anzugmann sieht mich nicht an, redet nicht mit mir, zeigt nur mit dem Finger auf den Tisch. Ich bin nur einer dieser kleinen digitalen Fußsoldaten, die ihm sein Essen bringen. Trinkgeld gibt’s auch nicht.

Das war meine Chance. Mein Mentor sagt nur: „Das war jetzt ziemlich hektisch. Ich muss mal sehen.“ Dann ist er weg. Der nächste Test-Fahrer wartet schon.
Ein paar Tage später kommt die Mail: „Hallo Karl, es tut uns leid dir mitteilen zu müssen, dass deine erbrachte Leistung während des Trials nicht unseren Anforderungen entspricht. Wir kamen so zu der Entscheidung, dir deshalb kein Angebot machen zu können. Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!“
Das war’s. Und ein bisschen tut’s weh. Versagt. Jedesmal, wenn ich heute einen der jungen Männer oder eine der Frauen mit den Boxen auf dem Rücken sehe, versetzt es mir einen Stich. Ich bin raus. Der Premium-Essensmarkt wird jetzt ohne mich revolutioniert. Sollte ich mir jemals Essen liefern lassen, werde ich dem Kerl oder dem Mädel, der oder die da an meiner Tür klingelt, ein fürstliches Trinkgeld geben. Versprochen.

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