Bühne

Im Zweifel für die Freiheit – Ein Theaterstück zu Willy Brandts 100. Geburtstag

Inkognito im Nazi-Berlin: Ein Theaterstück erinnert zum 100. Geburtstag Willy Brandts an ein frühes Heldenstück der Politikone

Text: Friedhelm Teicke

1936 kommt ein junger Mann nach Berlin. Er ­reist inkognito, denn  wenn die Nazis wüssten, wer er ist und was er vorhat, wäre es um ihn geschehen.

Das NS-Regime gibt sich angesichts der Olympischen Spiele in Berlin gegenüber der  Weltöffentlichkeit konziliant, die sich von der Organisation und von „Hitlers Wirtschaftswunder“ beeindruckt zeigt. „99 von 100 Leuten, die in jenem Sommer Deutschland besuchten“, schreibt der britische Autor Duff Hart-Davis in seinem Buch „Hitler’s Games“, „erschien das Nazi-Regime gar nicht so schlimm, wie es die Gerüchte behaupteten“.

Einer der sich von den vermeintlichen Erfolgen nicht beeindrucken ließ war Willy Brandt, der als Mitglied der von den Nazis verbotenden linkssozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands aus dem norwegischen Exil mit falscher Identität als Gunnar Gaasland nach Berlin kommt, um den Widerstand zu organisieren.

Diese bislang kaum bekannte Episode aus dem Leben der SPD-Ikone steht nun im Zentrum des Theaterstücks „Willy 100 – Im Zweifel für die Freiheit“, das der Schauspieler, Regisseur und Dramatiker Johann Jakob Wurster anlässlich Brandts 100. Geburtstag geschrieben und inszeniert hat. Doch Wurster geht es nicht um eine weitere Verklärung des Politikers, Regierenden Bürgermeisters und Kanzlers, des ­Visionärs, der symbolträchtig mit dem Kniefall von Warschau die Aussöhnung und die Entspannung mit dem Osten betrieb. Für Wurster und seinen Ko-Produzenten, den Kabarettisten Arnulf Rating, steht diese Episode beispielhaft für die „Sozialdemokratisierung Brandts“ (Rating) und für die Frage, wie man sich selbst in brenzligen Situationen verhalten würde.

Zwei Monate bleibt Brandt damals in Berlin, er gibt sich als Norweger aus, sein Pass auf den falschen Namen wird von der Polizei eingezogen, er weiß nicht, ob er Deutschland je wieder lebendig verlassen wird. Doch zum Glück fliegt seine wahre Identität nicht auf. Brandt muss aber feststellen, dass der Widerstandswille der Berliner Genossen kaum vorhanden ist. „Wir haben Vollbeschäftigung. Alle stehen in Lohn und Brot und dürfen wieder arbeiten. Wir haben ein famoses Straßennetz, Zucht und Ordnung“, wird ihm beschieden.

Der 22-Jährige reist schließlich wieder ab, desillusioniert, aber um eine Erkenntnis reicher, die für seine spätere Politik prägend sein wird: „Ich bin überzeugt, dass für einfache Menschen das Leben nicht nur aus Ismen besteht, sondern aus Essen, Schlafen, Fußballspielen, Kanarienvögeln, Schrebergärten und anderen schönen Dingen.“

Der junge Schauspieler Lorris André Blazejewski, derzeit Hospitant am Maxim Gorki Theater, spielt diesen jungen idealistischen Widerständler. Absichtlich hat man kein „Look-alike“ gecastet. Schließlich soll es in dem mit Musik von Thomas Lotz und in raschen Szenenwechseln als Episodenreigen erzählten Stück um Grundsätzliches gehen.

Brandt hatte damals mit seinem konspirativen Besuch im Nazi-Deutschland viel Mut bewiesen, dennoch will die Inszenierung keine Heldengeschichte erzählen. Durchaus ambivalent sieht etwa Produzent Rating den Poli­tiker, der mitverantwortlich war für die Notstandsgesetze, die demokratische Rechte im Krisenfall eingeschränkten, und der als Kanzler den Radikalenerlass durchsetzte. Doch Brandt stehe auch für das Bild eines glaubwürdigen Politikers, der zu seinen Überzeugungen steht, der unfaire Beschimpfungen wegen seiner unehelichen Geburt und als „Vaterlandsverräter“ wegen seiner Emigration aushalten musste, meist von politischen Gegnern, die lieber nicht „mehr Demokratie wagen“ wollten.

Der Saal des Neuen Stadthauses an der Paro­chialstraße, in dem das Stück aufgeführt wird, spielt mit. Denn der Mitte der 1930er-Jahre errichtete Nazibau gibt den authentischen Rahmen, begrenzt die Zuschauerzahl jedoch auf 200 pro Vorstellung.

Ursprünglich wollte man größer aufschlagen, nämlich im ab 1936 entstandenen Abfertigungsgebäude des Flughafen Tempelhof. Das scheiterte nicht nur an den Kosten, sondern ausgerechnet auch an der fehlenden Unterstützung eines Sozialdemokraten und Amtsnachfolgers des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt: „Klaus Wowereit und seine Kulturverwaltung haben für das Stück kein Interesse gezeigt“, sagt Rating. „Von einer finanziellen Förderung ganz zu schweigen.“

12.12. (Premiere), 13.-15., 17.-22.12., 19.30 Uhr, Neues Stadthaus, Parochialstr. 1–3, Mitte. Regie: Johann Jakob Wurster; mit Lorris André Blazejewski, Natascha Petz, Juliane Köster, Thomas Lotz. Eintritt ab 18 Euro
www.willy100.de

zitty-Kritik (01/2014)

Zur Premiere gaben sich die SPD-Parteichefs Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig die Ehre. Zur Pause sind beide schon wieder weg, wegen dringender Termine, heißt es, und nicht weil sie die Szenenfolge über eine weitgehend unbekannte Episode ihrer Ikone Willy Brandt unerträglich gefunden hätten.

Das Stück von Johann Jakob Wurster zeigt den 22-jährigen Brandt (Eindrücklich: Lorris André Blazejewski), der 1936 mit falschem norwegischen Pass aus Oslo nach Berlin reist, um den Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Collageartig, in schnell wechselnden Rollen und Szenen sowie mit dem Spielort als Kulisse, dem Otto-Suhr-Saal im Neuen Stadthaus in Mitte, wird ein Kolorit des Nazi-Berlins gezeichnet.

Eine Stimmung aus Misstrauen, Willkür und Einverständnis mit der diktierten Zucht und Ordnung erlebt Brandt, und einen Rückzug in  kleine private Freuden bei den zunehmend widerstands­unwilligen Genossen. Das zwischen Kaba­rett und Drama schwankende Stück zeichnet den späteren Kanzler behutsam nicht als überlebensgroßen Held sondern als bangenden und suchenden Menschen. Gut so. Friedhelm Teicke

28.12., 2.-4.1., 19.30 Uhr,
29.12.+5.1., 17 Uhr, Neues Stadthaus
Regie: Johann Jakob Wurster
Eintritt 26-29, erm. 18-20 Euro

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