Interview

»Eine falsche Abzweigung genügt ja oft schon«

Der Schauspieler Jamie Bell über Tätowierungen und die schwierige
Vorbereitung auf seine Rolle als Neonazi in „Skin“

Interview: Patrick Heidmann

Jeder soll den Hass sehen – Jamie Bell als Bryon „Babs“ Widner
Foto: Ascot Elite Entertainment / 24 Bilder

Facettenreicher als die von Jamie Bell kann eine Schauspielerkarriere kaum sein. Mit 14 gab der im nordenglischen Billingham Geborene sein Debüt als Balletttänzer im grandiosen Sensationserfolg „Billy Elliot – I Will Dance“ (2000), anschließend war er in so unterschiedlichen Filmen wie „Dear Wendy“, „King Kong“ und „Jane Eyre“ zu sehen. Für Steven Spielberg spielte er die Hauptrolle in „Die Abenteuer von Tim und Struppi“, für Lars von Trier stand er in „Nymphomaniac“ auf Sadomaso-Sex. Im Frühjahr war er als Bernie Taupin in „Rocketman“ (ab 10.10. auf DVD) zu sehen. Nun spielt der 33-Jährige, der in zweiter Ehe mit Kollegin Kate Mara verheiratet und Vater von zwei Kindern ist, in „Skin“ einen brutalen Neonazi.

Herr Bell, in Ihrer Rolle in „Skin“ sind Sie über und über mit Tattoos übersät. Haben Sie in echt auch welche?

Ja, ein paar. Allerdings ist keines von denen mit irgendeiner Ideologie verbunden. Sie erinnern eher an private Momente, wie etwa die Geburt meines ersten Sohnes. Ich finde den Schmerz, der mit Tätowierungen einhergehen kann, nicht ohne. Mich im Gesicht tätowieren zu lassen, könnte ich mir daher echt nicht vorstellen.

Wie lange saßen Sie bei den Dreharbeiten morgens im Make-up-Stuhl, um sich all die Tätowierungen aufmalen zu lassen?

Gesicht und Hände dauerten etwa zweieinhalb Stunden. Wenn Szenen dran waren, in denen ich mit freiem Oberkörper zu sehen war, konnten es auch schon mal über fünf Stunden sein.

Sie sind in diesem Look auch raus auf die Straße gegangen. Wie waren denn die Reaktionen?

Das war eine interessante Erfahrung. Den ehemaligen Neonazi Bryon Widner, den ich im Film spiele, gibt es ja wirklich, und die Tattoos in seinem Gesicht ließ er sich natürlich nicht zuletzt stechen, um den Leuten Angst zu machen. Und um in Ruhe gelassen zu werden. Eigentlich hätte er sich auch „Fuck Off“ auf die Stirn tätowieren lassen können. Ich selbst fand jedenfalls interessant, dass die Leute gar nicht unbedingt so sehr gestarrt haben. Eher haben sie entweder einen Bogen um mich gemacht – oder das Zeug in meinem Gesicht ganz bewusst ignoriert.

Die Geschichte von „Skin“ ist verdammt starker Tobak. War dies die schwierigste Rolle Ihrer Karriere?

Es war auf jeden Fall die, auf die ich mich am gründlichsten vorbereiten musste. Angefangen mit den rein physischen Aspekten, also den Tätowierungen, aber auch Perücken oder Zahn- und Nasenprothesen. Gleichzeitig arbeitete ich in Los Angeles aber auch mit einer Frau zusammen, die Schauspieler psychologisch auf ihre Rollen vorbereitet. Sie ließ sich von mir meine Lebensgeschichte erzählen und erklärte mir dann, dass ich darin alles finden würde, um diese Rolle zu verkörpern. Erst wollte ich mich beschweren, schließlich habe ich mit einem brutalen Neonazi eigentlich nichts gemeinsam. Aber dann zeigte sie mir Momente, Erfahrungen und Beziehungen in meinem Leben, die eben doch irgendwie mit denen von Bryon korrespondierten. Das war unglaublich hilfreich. Genauso wie meine persönliche Begegnung mit ihm selbst.

Sie haben ihn getroffen?

Ja, er lebt im Zeugenschutzprogramm. Vier Tage lang saß ich bei ihm in der Garage und er rauchte in der Zeit ungefähr 3.000 Zigaretten. Am liebsten wollte ich immer die Garagentür aufreißen und frische Luft hereinlassen, aber dafür war er viel zu nervös, weil er ständig fürchtet, erschossen zu werden. Vor der Vergeltung seiner ehemaligen Kameraden hat er wirklich Angst – ich fühlte mich dann auch nicht sonderlich sicher.

Wie hat er auf Sie gewirkt?

Er war ausgesprochen eloquent und kultiviert, ein guter Gastgeber und interessierter Gesprächspartner. Er bereut seine Vergangenheit zutiefst und weiß genau, dass er die Schuld, die er auf sich geladen hat, sein Leben lang nicht loswerden wird. Ich dachte die ganze Zeit darüber nach, wie anders sein Leben hätte verlaufen können. Denn er hätte das Zeug gehabt zu einem positiven, glücklichen Leben. Und im gleichen Atemzug habe ich mir dann die Frage gestellt, wie schnell wohl auch mein Leben ein ganz anderes hätte werden können, wäre ich nicht als Junge für „Billy Elliot“ besetzt worden. Eine falsche Abzweigung genügt ja oft schon …

Können Sie die Negativität einer solchen Rolle von der eigenen Psyche fernhalten oder färbt die ab?

Natürlich muss man versuchen, all die Emotionen der Figur möglichst nicht zu nah an sich heranzulassen. Mir vor Augen zu führen, dass mein Leben ein ganz anderes ist und ich einen kleinen Sohn habe, für den ich ein toller Papa sein will, hilft dabei schon mal. Aber gleichzeitig kann man sich natürlich nicht vollkommen frei davon machen, schließlich muss ich die Rolle ja mit Haut und Haar verkörpern. Das Körperliche ist in diesem Fall sehr wichtig gewesen, auch jenseits der Tattoos. Ich war viel im Gym, um mich so aufzupumpen wie es Skinheads oft tun. Außerdem wollte ich unbedingt zunehmen, deswegen habe ziemlich viel ungesundes Zeug gegessen, Erdnussbutter, Eis, all solche Sachen. Aber der Zucker hat mich echt depressiv gemacht. Und allzu erfolgreich war die Sache auch nicht, denn kaum fingen wir mit dem eigentlichen Dreh an, purzelten automatisch wieder die Kilos.

Hatten Sie gar keine Bedenken, einen solchen Neonazi zu spielen?

Oh doch, und wie. Insgesamt habe ich dem Regisseur Guy Nattiv sicherlich viermal abgesagt. Nicht zuletzt, als im Sommer 2017 diese unfassbare rechtsextreme Demonstration durch Charlottesville zog. Ich hatte das Gefühl, es könnte unangebracht sein, eine solche Geschichte zu erzählen. Warum sollten wir diese Menschen noch mehr ins Rampenlicht rücken? Eine Frau war in Charlottesville getötet worden, jemand hatte seine Tochter verloren. Musste man das noch mit einem Kinofilm befeuern? Aber dann begann ich zu überlegen, ob es nicht doch Sinn machen könnte, davon zu erzählen, dass sich Menschen ändern können. Und dass es gerade in Zeiten wie diesen hilfreich sein könnte, Geschichten zu sehen, die auch davon handeln, welche Wirkung die Güte und Großzügigkeit von Fremden haben kann. Denn wir sehen ja auch Menschen wie den Antifaschisten Daryle Lamont Jenkins, die Bryon dabei geholfen haben, sein Leben zu verändern.

Skin USA 2018, 117 Min., R: Guy Nattiv, D: Jamie Bell, Danielle Macdonald, Vera Farmiga, Bill Camp, Start: 3.10.