PREMIERE

Geschlechterfragen-Jukebox

Mit „Eine griechische Trilogie“ inszeniert der australische Regisseur und Stücküberschreiber Simon Stone erstmals in Berlin ­

Text: Anna Opel

BE-Ensemblemitglied Stefanie ­Reins­perger ist an einem kühlen Oktobermorgen auf dem Weg zur Probe. In der Produktion „Eine griechische Trilogie“ steht heute Textarbeit an. Weil Regisseur Simon Stone jede freie Minute ins Schreiben investiert, ist die junge Schauspielerin als Gesprächspartnerin eingesprungen. Knapp zwei Wochen vor der Premiere berichtet sie enthusiastisch von der Probenarbeit mit Simon Stone.

Und was sie erzählt, klingt danach, dass Simon Stone, ähnlich wie Frank Castorf und René Pollesch, zentrale Prinzipien der Perfor­mancekunst in seine Schauspielregie integriert. Zwar verabredet man sich unter der Überschrift eines bekannten Werkes zur Probe – macht sich dann aber daran, es mit den eigenen Persönlichkeiten und Erfahrungen zu überkritzeln. Mit Gegenwart.

Der schreibende Regisseur übernehme in diesem Prozess die Rolle als Jukebox seiner Spieler*innen: „Sagt mir, was euch beschäftigt. Ich versuch, das für euch zu schreiben.“ Reinsperger, eine äußerst kraftvolle Spielerin mit enormer Bühnenpräsenz, wirkt beseelt von der Intensität der Arbeit.

Klassiker-Überschreiber: Der Australier Simon Stone – Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Mit seinen Klassiker-Aktualisierungen, oder „Überschreibungen“, wie er das nennt, hat der 34-jährige Stone in den vergangenen Jahren das Publikum polarisiert. Was einige Theaterfans als Literaturgefledder verachten, schätzen die anderen als zeitgemäßen Zugriff und Neuerfindung des Schauspielertheaters.

Am Berliner Ensemble widmet sich der australisch-schweizerische Regisseur nun mit der Geschlechterfrage einem zentralen Thema der Theatersaison. Wie kommt es, dass Männer und Frauen sich ausschließlich im Schema der Macht begegnen? Und wie genau sieht dieses Schema aus? Um das ausufernde Thema zu fokussieren, hat sich Simon Stone Texte aus dem Fundus der antiken Tragödie vorgenommen. Die berühmte Sexkomödie „Lysistrata“ des Aristophanes, Euripides leidende „Troerinnen“ und der Racheexzess in Euripides’ „Die Bakchen“.

Bezüge zum Hier und Jetzt zu finden, zu Machtmissbrauch und Kriegsverbrechen, dürfte nicht schwer fallen. Dem illustren ­Ensemble (neben Reinsperger spielen unter anderem Caroline Peters, Constanze Becker und Martin Wuttke mit) dienen die antiken Stücke eher als gedankliches Material und Gesprächsanlässe. Ja, man habe das alles zusammen gelesen, aber auch feministische Lite­ratur von Laurie Penny und das Vorwort der „King-Kong-Theorie“ von Virginie Despentes. Wer die antiken Texte gut kenne, sei eventuell in der Lage, zarte Zusammenhänge zu erkennen, glaubt Reinsperger. Im Vordergrund aber steht die Übersetzung in die Gegenwart.

BE-Ensemblemitglied und Nestroy-Preisträgerin Stefanie Reinsperger – Foto: Katharina Poblotzki

Was müsste hier und jetzt geschehen, damit Frauen ihre Männer verlassen, wie es in der Komödie „Lysistrata“ passiert? „Jedes der zwölf Ensemblemitglieder beantwortet das anders. Wir versuchen, eine Grundsituation herauszufiltern, und von da aus schreibt Simon Stone Szenen“, erklärt Reinsperger. „Das Griechische dieser Produktion liegt für mich vor allem in der chorischen Forma­tion, die wir als großes Ensemble darstellen.“

Es klingt, als sei die Probenarbeit ein kollektiver Denk- und Spielprozess, der von allen Beteiligten einen hohen Grad an Offenheit und Geistesgegenwart verlangt. Auch Vertrauen, dass die ­gemeinsame ­Suche am Ende in einen Theaterabend mündet, der sich vielleicht sogar deutlicher auf die antiken Stoffe bezieht als man es von Stone kennt.

11. + 12.10., 19 Uhr, 13. 10., 18 Uhr, 20.10., 20 Uhr, 21.10., 18 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Regie: Simon Stone; mit Constanze Becker, Caroline Peters, Stefanie Reinsperger, Martin Wuttke u.a., Eintritt 13–42, erm. 9 €

Facebook Kommentare

[fbcomments]