Parteien auf Partys

Eine Nacht mit den Clubexperten der Parteien

Knaack, Icon, Magdalena, Kiki Blofeld, Stattbad, Morlox und so weiter:  Die Liste der Clubs, die Berlins Veränderung nicht überlebt haben, ist lang.

Für Party ist in der Luxus-Schlafstadt kein Platz. Wir stehen vor dem  Ende der Clubkultur. Und was tut die Politik? Wir wollten es wissen.  ZITTY-Redakteur Martin Schwarzbeck hat sich mit den Clubbeauftragten  aller Abgeordnetenhausparteien getroffen – in einem Club ihrer Wahl


Christian Goiny
Christian Goiny in Zivil, CDU
Foto: Christian Kruppa

Christian Goiny, 52

Trinkt: Löwenbräu
Raucht: nicht (nie getan)
Raver? Nein

Mit der CDU im Yaam

Kifft der etwa auch noch?

Das Berliner Wochenende geht früh los. Der erste Politiker hat sich für Donnerstag, 19 Uhr, angemeldet.

Christian Goiny, 52, erscheint im karierten Hemd und mit Bürstenhaarschnitt vor dem Yaam, einem Reggaeclub in Friedrichshain, auch ein Jugendzentrum mit Flüchtlingshilfe. „Die bringen junge Leute aus Afrika und aus der Karibik mit hiesigen Ureinwohnern zusammen, hier hängt ganz viel Herzblut dran. Wer schnell viel Geld machen will, macht nicht so einen Club auf“, sagt er.

Gemeinsam spazieren wir an den Türstehern vorbei und ein paar Meter die Spree entlang. Auf der sandbedeckten Freifläche dröhnt der Offbeat, es riecht nach Gras. Goiny mag Reggae seit seiner Jugend und war im Yaam auf Konzerten. Und: Er hat das Yaam gerettet. Mit anderen. Als der Laden von seinem Standort ein paar hundert Meter spreeaufwärts verdrängt werden sollte, hat er mit anderen Politikern beim Investor gegen den Rauswurf interveniert und Zeit geschunden, um der Liegenschaftsverwaltung das neue Grundstück abzuringen. Es gehört jetzt dem Bezirk. Das Yaam soll einen Mietvertrag über 25 Jahre und demnächst aus Lottomitteln einen Sportplatz aufs Dach bekommen.

Das Grundstück ist ein innerstädtisches Filet, direkt am Wasser, nicht weit vom Ostbahnhof. Und ein Beispiel für den Wandel Berlins. Einst residierten in der leeren Lagerhalle in seiner Mitte verschiedene Clubs, der letzte Yaam-Vorgänger hieß Magdalena. Dann wollte das Berliner Immobilienmanagement den kompletten Block meistbietend verkaufen, für Abriss und Neubau freigeben. Goiny und andere Politiker aus der Landes-CDU und -SPD sowie dem grünen Bezirk retteten die Halle, in der heute das Yaam Reggae-, Ragga-, Dancehall-Konzerte veranstaltet. Der Club Magdalena musste dafür gehen. Goiny sagt: „Wir nehmen uns die Flächen, die man kriegen kann, und versuchen, sie zu sichern. Immer mal wieder ein kleiner Teich, da hat man am Ende ein funktionierendes Biotop.“

Christian Goiny im Yaam
Foto: F. Anthea Schaap

Christian Goiny, CDU, Reggaefan und Freund kreativer Subkultur. Irre. Kifft der etwa auch noch? Er sagt: „Einige Verwandte waren starke Kettenraucher. Das hat mich so genervt, dass ich, als ich in ein Alter kam, in dem es hieß: ,Willste auch mal?‘ genug hatte. Von daher rauche ich weder Zigaretten noch sonst irgendwas.“

Und wie ist es, wenn andere Reggaefans sich abdichten? „Stört mich nicht. Die Leute wollen abschalten, die wollen entspannen, feiern, den Alltag vergessen. Natürlich ist das Thema Drogenkonsum auch präsent, aber man kann das Feiern nicht darauf reduzieren. Wir als CDU haben Ex-Innensenator Henkel und die Clubcommission an einen Tisch geholt und da gibt es ein großes Miteinander.“ In den Clubs sieht Goiny vor allem eine florierende Branche. „Vieles von dem, was an Strahlkraft und wirtschaftlicher Entwicklung Berlins in den letzten zehn bis 15 Jahren entstanden ist, beruht auf der Attraktivität der Stadt nach Sonnenuntergang.“

Goiny hat sich in der vorhergehenden, rot-schwarzen Koalition erfolgreich dafür stark gemacht, dass jährlich 300.000 Euro aus der City-Tax der Berlin Music Commission und der Clubcommission zur Verfügung stehen. Er hat mit Rot-Schwarz auch die Liegenschaftspolitik umgewälzt, weg vom Höchstgebot hin zum Konzeptverfahren. „Nachhaltige Haushaltspolitik heißt: Ich erziele Einnahmen aus Vermietung, Verpachtung, Erbbaurecht, und kann Nutzern eine Möglichkeit geben, was Interessantes für die Stadt zu machen, nicht nur Shoppingmalls und Luxuslofts.“


Katalin Gennburg
Katalin Gennburg (Linke) auf der Arbeit.
Foto: Sandro Halank

Katalin Gennburg, 33

Trinkt: Moscow Mule
Raucht: Filterzigaretten von Gauloises
Raver? Nur noch sehr selten

Die Linke im Salon zur Wilden Renate

Auf die harte Tür

Der  Salon zur Wilden Renate steht für eine Clubkultur, die aus dem Untergrund gewachsen ist. Katalin Gennburg hat sich diesen Laden ausgesucht. Donnerstag, 22.30 Uhr. Der Macher der Renate hat früher illegale Openairs veranstaltet, er ist einer der Menschen, die immer neue Flächen zum Feiern auftun, anstatt altbekannte abzugrasen. Das fünfstöckige Wohnhaus, in dem sich der Salon zur Wilden Renate befindet, steht auf der Strecke des 17. Bauabschnitts der A100. Wenn der kommt, ist hier Schluss mit Feierei.

Der erste Dancefloor pumpt bereits, das Klo einige Räume weiter scheppert vom Bass. Wir sind umsonst reingekommen, Gennburg hat uns beim Betreiber angemeldet. „Das ist jetzt nicht, weil ich Politikerin bin, ich kenne einfach viele Leute aus der Partyszene. Ich mag das, mich unter Menschen zu bewegen, die nicht nur Feiern, sondern auch andere Räume ermöglichen“, sagt sie. Das letzte Mal war sie am Abend vor der Wahl hier. „Ich werde sowieso nicht gewählt“, dachte sie sich, und: „Dann gehe ich halt aus.“

Dann kam sie doch ins Abgeordnetenhaus, Direktmandat, inzwischen hat sie auch Familie. „Jetzt komme ich überhaupt nicht mehr zum Feiern.“

Gennburg ist seit zwölf Jahren in Berlin und hat sich in dieser Zeit „einmal durch das Nachtleben durchgefräst“. Zunächst mit Reggae, Rock und Drum’n’Bass. Dann lernte sie Techno und andere Vier-Viertel-Elektronika kennen und feierte viel im Salon zur Wilden Renate. „Die Renate hat den Vorteil, dass man hier auch lange sein kann, wenn man das mal möchte“, sagt sie. Zum Sprechen setzt sie sich ohne Scheu auf die siffige Clubtreppe. Die Linken-Frau findet, der CDU-Kollege Goiny habe mit seiner Partyflächenpolitik den richtigen Ansatz gewählt. Aber er geht ihr nicht weit genug. „Jetzt muss man den nächsten Schritt gehen und nur noch nach Konzeptverfahren verkaufen. Und einen strategischen Flächenankauf machen. Wir brauchen eine Abkehr vom Ausverkauf der Stadt.“

Katalin Gennburg
und Katalin Gennburg im Club
Foto: Saskia Uppenkamp

Die Party nebenan ist inzwischen ein richtiger Rave. Einige Tanzende haben sehr große Augen. Was sagt die Linke zum Thema Rausch? „Clubs sind auch Räume des Ausweichens aus dem Alltag, das gehört in dieser harten Arbeitswelt einfach dazu.“

Gennburg ist eine Feierexpertin im Ruhestand. Sie hat noch die Zeit miterlebt, als die Partyszene überschaubar war. Was sagt sie dazu, dass inzwischen so gut wie jede Party von Touristen überschwemmt wird? „Ich finde es ziemlich panne, dass man Berlin als Ort des Feierns verkauft, wir sehen ja, was das mit den Nachbarschaften macht. Ich glaube, wir müssen die Touristenzahlen viel restriktiver nach unten schrauben.“

Moment mal. Zeigt hier gerade ausgerechnet die Vertreterin der Linken ausgrenzende Tendenzen? Müsste man dem Touristenansturm nicht eigentlich die Clubtüren weit aufreißen? Hoch die Internationale Solidarität? „Eine harte Türpolitik ist nervig für Leute, die ausgehen und was Neues sehen wollen. Aber wenn man länger dabei ist, lernt man die harte Tür auch zu schätzen.“

Wow. Die AfD würde dieses Bild lieben. Wenn Europa ein Club ist, und es dürfen alle rein, macht das Feiern keinen Spaß mehr. Ich werde das Frank-Christian Hansel vorstellen, dem AfD-Sprecher, den ich auch noch treffen werde. Aber zuerst muss ich schlafen. Ich verabschiede mich von Katalin Gennburg, es ist Freitag früh um 1 Uhr, sie bleibt „noch ein bisschen.“


Florian Kluckert
Florian Kluckert von der FDP
Foto: Sandro Halank

Florian Kluckert, 41

Trinkt: Wodka-Redbull oder Mai Tais
Raucht: Nicht (Nie Getan)
Raver? Anfang der 90er

Mit der FDP im Haubentaucher

Willkommen, Touristen

Die FDP ist die Partei der Besserverdienenden und der Haubentaucher in Friedrichshain ist der neueste Abenteuerspielplatz ihrer Kinder.

Ein Sonntag, 22.30 Uhr. Ich bin etwas zu früh da und treffe den Partyveranstalter vor der Tür. Anfang 20, zurückgegeltes blondes Haar, Hemd zu Jeans. Im Eingangsbereich stehen Champagnerflaschen in Kübeln. Angemeldet seien wir nicht, wir könnten trotzdem rein, möchten aber bitte den Namen der Party nennen. Ich lasse mir ein Radler ausgeben und setze mich vor die Tür. Kurz darauf kommt ein Sicherheitsdienstleister und fragt nach der Dort-Sitz-Berechtigung. Ich werde aus dem Vorgarten entfernt.

Vor dem Gartentor treffe ich Florian Kluckert. Jackett zu Jeans: Er kommt gerade aus der Oper. Der Politiker begehrt Einlass. Dann, den Geschäftsführer zu sprechen. Der Sicherheitsmann holt den Chef ans Telefon, reicht es Kluckert, der spricht, reicht es zurück, die Securitymänner besprechen sich. Dann öffnen sie die Gartentür für uns.

Florian Kluckert
Wie auf Ibiza – Florian Kluckert im Haubentaucheer
Foto: Patricia Schichl

Drin läuft R’n’B. Kluckert trifft einen Bekannten. „Bist du noch eine Weile hier?“ Ja. „Super, dann trinken wir gleich einen zusammen.“ Kluckert fühlt sich wohl an dem palmenumsäumten Pool. Erinnert mich an Ibiza. Urlaubsfeeling mitten in der Stadt.“

Früher war Kluckert Raver, Drogen genommen habe er nie. „Ich hatte Freunde, die sehr intelligent waren, die haben Kokain für sich entdeckt und ihre Firmen den Bach runtergezogen. Da wusste ich, das Zeug muss schweinegut sein, und ich bin nicht besser als die.“

Aus der Feierei solle sich der Staat weitestmöglich heraushalten, sagt er. „Was Politik tun muss: Rahmenbedingungen bereitstellen. Sicherheit, wie hier am RAW.“ Er nickt in Richtung des von Sport und Kultur bespielten ehemaligen Bahngeländes. „Und eine ordentliche Verkehrsanbindung.“ Kluckert weist hinter sich, Richtung S-Bahn-Trasse.

Sorgt er sich um die Partyszene? „Ich sehe keine Verdrängung, ich sehe eine Veränderung.“ Die Touristenhorden heißt er herzlich willkommen. „Die lassen ja nicht nur Geld an der Clubkasse, die müssen auch Hotelzimmer bewohnen, gehen hier Essen, nutzen Verkehrsmittel. Man sollte damit werben: Berlin, die Partystadt.“

Ich verlasse den Haubentaucher mit dem Gefühl, es eilig zu haben. Die FDP will ein Party-Disneyland, die CDU mag Kiffer und die Linke möchte am liebsten alle Grenzen dichtmachen. Ich bin verstört.


Clara West
Clara West von der SPD
Foto: privat

Clara West, 36

Trinkt: Berliner Pilsener
Raucht: Filterzigaretten von Gauloises
Raver?  Ende der 90er

Mit der SPD im Duncker

Clubs mit Konflikten

Ich treffe Clara West vor der Tür einer der letzten Partystätten im durchgentrifizierten Prenzlauer Berg. Hinter dem schweren Stahl ist es dunkel und es wummert Rock. Ein Freitag, 23 Uhr. Der Club hat gerade erst aufgemacht. Hier wird eher derbe Gitarrenmusik gereicht. Zum Gespräch gehen wir in den Garten, zwischen Bahnschienen, einer Schule und einem Wohnneubau. Letzterem ist das Schild an der Tür zu verdanken: „Nach 24 Uhr im Garten bitte leise sein.“ Es gibt Ärger. „Manchmal reicht ein Anwohner, um einen Club zu killen“, sagt West. „Und die Nachbarn, die Ärger machen, sind meist Menschen, die sich frisch in die Gegend eingekauft haben. Genau das, was das Clubkataster verhindern sollte.“

Das Verzeichnis legaler Tanzstätten, aufgelegt vom rot-schwarzen Vorgängersenat, soll dafür sorgen, dass Bauprojekte in der Umgebung von Clubs nur mit Lärmschutzauflagen genehmigt werden. Mit einem unverbindlichen Rundschreiben bat der Senat die Bezirksverwaltungen um Rücksichtnahme. Viel mehr ist auf Landesebene nicht drin.

Außer man nimmt Geld in die Hand und installiert beispielsweise einen Lärmschutzfonds.

Clara West
Früher Raves, heute Familie: Clara West von der SPD im Duncker
Foto: Lena Ganssmann

Clara West ist als einzige der sechs Clubkultur-Sprecher in der vergangenen und der aktuellen Wahlperiode in Regierungsverantwortung. Sie muss erklären können, warum Staatsekretärin Regula Lüscher, SPD, in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Grünen schreibt, dass – obwohl der Koalitionsvertrag einen Lärmschutzfonds für gefährdete Musikspielstätten vorsieht – ein solcher nicht geplant sei. „Das sagt mehr darüber aus, wie Verwaltung funktioniert, und weniger, ob jemand ernsthaft an dem Thema arbeitet“, sagt West. Ihre Koalition sei dran am Thema. Laut Koalitionsvertrag will sie angeblich auch Orte entwickeln, „die unbürokratisch für nicht kommerzielle Musik- und Partyveranstaltungen unter freiem Himmel genutzt werden können.“

Clara West sagt: „Wir haben in der letzten Wahlperiode mit Spandau ein Pilotprojekt gefördert. Jetzt warten wir dessen Ausgang ab.“ Auf der Fläche wurden zwei Openairs beantragt, eins unter Auflagen genehmigt, weitere werden nicht erlaubt, schreibt das Bezirksamt.

Ende der 90er hat West nur zu elektronischer Musik gefeiert. „Mir hat die Atmosphäre gefallen. Die Leute waren kuschelig, freundlich, zugewandt“, sagt sie. jetzt ist sie Abgeordnete, hat Familie und geht eigentlich nicht mehr aus. Im Wahlkampf war sie zuletzt im Duncker. Sie hat diesen Laden heute lieber als den großen Rave. „Er erinnert mich an den Club, in dem ich als Teenager angefangen habe auszugehen, familiär, gemütlich, bisschen verklebt.“

Ok, Frau West, ein Schlusswort zur Partypolitik? „Ausgelassen sein gehört zum Leben dazu. Und zu Berlin noch einmal spezieller. Das hat ja Geschichte bis in die 20er Jahre zurück: In Berlin wird gefeiert.“

Ich ziehe den Hut und begebe mich ins Bett. Es ist gerade mal 1 Uhr. West bleibt noch eine Weile, sie hat einen alten Kumpel getroffen.


Georg Kössler
Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/ Stephan Röhl/ Flickr/ Creative Commons BY-SA 3.0

Georg Kössler, 32

Trinkt: Karlsberg Natur-Radler
Raucht: Selbstgedrehtes
Raver? Etwa einmal im Monat

Mit den Grünen in der Pampa

Drogen und Verbote

Georg Kössler ist der enthusiastischste Partypolitiker Berlins. Wo die anderen als Treffpunkt einen einzelnen, meist eher ruhigen Club nennen, will er ins Herz der Bestie: „Erst Keller, dann Rummels Bucht, dann Sisyphos, dann schauen wir weiter“, ist sein Vorschlag. Einmal Samstagabend komplett, bitte. Er will eine Tour machen, um anhand verschiedener Clubs Brennpunkte der Clubpolitik zu besprechen.

Ich habe ehrlich gesagt allmählich schon genug vom Ausgehen mit Politikern. Richtig privat wird es sowieso nicht und wenn, dann wollen sie trotzdem immer im besten Licht erscheinen. Eine ernstzunehmend dreckige Party scheint da kaum möglich. Also verschiebe ich den Termin mit Kössler. Statt mit ihm die Nacht durchzuheizen, treffe ich ihn schon am frühen Abend auf der Pampa. Das gerade neu eröffnete, semiöffentliche Spreegrundstück gehört mit dem Club Kater Blau zusammen. Die Ex-Bar25-später-KaterHolzig-später-KaterBlau-Macher haben das Areal mit einer Schweizer Stiftung gekauft und bauen sich hier gerade ihr Wunderland mit Arbeiten, Wohnen, Kita, Riesengarten und Club. Letzterer hat ein Schiff als Terrasse und ist Kösslers „zweites Wohnzimmer“, wie er sagt. Dass er dort mal bis 10 Uhr morgens unterwegs sei, komme durchaus vor.

Kössler ist wohl der erste Politiker im neuen Abgeordnetenhaus, der sich seit Veröffentlichung des Koalitionsvertrags ernsthaft mit der Clubkultur beschäftigt hat. Er hat die Anfrage gestellt, mit der ich die SPD konfrontiert hatte. Den Lärmschutzfonds hält er für unabdingbar: „Wenn ein Club Lärmschutzauflagen bekommt, könnte er ja nicht mal einen Kredit dafür aufnehmen. Denn welcher Club hat einen langfristigen Mietvertrag?“

Georg Kössler
Gern auch mal bis 10 Uhr morgens. Georg Kössler von den Grünen im Kater
Foto: Patricia Schichl

Schon mal Drogen genommen Herr Kössler? „Ich komme aus der Grünen Jugend, da hat man durchaus inhaliert.“ Aber sind Drogen nicht gefährlich? „Radfahren in Berlin ist auch gefährlich. Wir wollen den Konsumenten zumindest anbieten, ihre Drogen im Labor testen zu lassen. In Berlin ist es Konsens, dass Hilfe mehr bringt als Repression. Aber es könnte natürlich der konservative Roll-back kommen. Wir werden das nach der Bundestagswahl im September sehen.“

Herr Kössler, was ist der Reiz an elektronischer Musik? „Dass man darin verloren gehen kann.“ Und der Reiz am Kater Blau? „Hier kommen unterschiedlichste Leute zusammen, auch viele Touristen. Das finden nicht alle Berlinerinnen und Berliner, die schon ewig raven, cool. Ökologisch ist das auch Mist, wenn die zum Feiern nach Berlin fliegen. Aber für mich zeigt sich da eine globalisierte, friedliche Menschheit.“

Kössler wohnt an der Partymeile Weserstraße in Neukölln. Er sagt: „Ich finde es schön, Leute zu sehen, die Spaß haben. Nervig ist, wenn ich das Strullern an der Hauswand höre. Aber ich würde das nicht auf die Feierkultur schieben. Das sind ja nicht die Clubgänger, sondern das ist generell Tourismus und deswegen ist es wichtig, den besser zu verteilen.“

Er fände es gut, wenn in Schöneweide endlich coole Clubs aufmachen würden. Die Touristen müssten dann nicht alle in der Weserstraße rumhängen. „Anfangs war das ja noch: Super, da kommt ein Restaurant, das ist besser als der Tauschladen, weil das mehr Gewerbesteuer bringt. Das ist die nichtsahnende Politik, die es erlaubt hat, dass sich solche Hotspots bilden. Man muss Anträge auf neue Restaurants nicht genehmigen.“


Frank Christian Hansel
Frank Christian Hansel von der AfD
Foto: AfD Fraktion Berlin

Frank-Christian Hansel, 52

Trinkt: Champagner
Raucht: Nicht
Raver? 89/90, Berghain bis 2011

Mit der Afd im Club der Visionaere

Der Unerwünschte

Frank-Christian Hansel von der AfD hat sich den Club der Visionaere ausgesucht, eine Holzterrasse mit Mini-dancefloor. Techno, junge Hipster, Blick aufs Wasser. Wir treffen uns davor. Hansel wippt schon vor dem Eingang zum Bass.

Der Eintritt kostet fünf Euro. Auch für Hansel. Der Politiker hat als einziger der sechs Parteivertreter seinen Besuch nicht im Club angemeldet. Vermutlich befürchtete er, dass seine Partei hier nicht sonderlich willkommen ist. Zu Recht. Der Laden will auf Nachfrage keinesfalls mit der AfD in Verbindung gebracht werden.

Dabei ist Hansel hier angeblich sehr gern zu Gast. „Der Club hat Wasserbezug und macht immer Spaß.“ Sein letzter Besuch, im Sommer vor zwei Jahren, mit AfD-Freunden, sei auch sein schönster gewesen. „Wir haben einen schlechten Ruf, aber sind deutlich besser.“ Ah ja, der Ruf. Schwulenfeindlich? „Normalerweise hätte ich meinen Partner mitgebracht, wir sind seit 2011 verheiratet, aber er hat gesagt: Wenn du über Politik redest, habe ich keinen Bock.“ Rauschfeindlich? „Meine Droge ist Champagner. Ich kann mich selbst euphorisieren. Andere brauchen dazu Chemie. Wir als AfD sehen das kritisch. Aber Drogen sind in der Gesellschaft leider immer noch verbreitet.“  Intolerant? „Die Deutschen beschweren sich viel. Selbst bei Geburtstagspartys. Da ist dann um halb elf schon die Polizei da. Ich finde, das sollte man nicht so eng sehen.“

Herr Hansel, wenn Europa ein Club wäre und jeder darf rein, was passiert dann? „Dann ist die Party vorbei.“ Warum? „Wenn die Islamisierung immer weiter zunimmt und die Scharia kommt: Islamisierung und Partys, das geht nicht. In islamischen Ländern wird nicht gefeiert.“ In islamischen Ländern wird wohl gefeiert! „Man hört, dass in Teheran geile Partys stattfinden, aber privat und geheim. Das ist Closed Shop, da weiß jeder, wer wer ist.“

Frank-Christian Hansel
Nein, das ist nicht der Club der Visionaere. Der hat ZITTY keine Fotogenehmigung erteilt
Foto: AfD-Fraktion Berlin

Und die partytauglichen Muslime sind dann doch willkommen? „Es kommt darauf an, ob sie sich integrieren wollen. Ich habe libanesische Freunde, aber die sind hier angekommen und haben sich psychisch und sexuell verwirklicht. Die haben gebrochen mit der Clankultur, mit der Familie.“ Soll Berlin etwa allen Partywütigen dieser Welt eine Zuflucht bieten? „Wenn es jungen Leuten hier gefällt, kommen die wieder, wenn sie CEOs sind oder eine Firma aufmachen. Und sie bringen ihre Kinder zum Studieren hierher. Das ist die Zukunft der Stadt.“

Die AfD will viele Ausländer. Und wie CDU und FDP offensiv um Ravetouristen werben. Nur die Linke ist bereit, die Partyszene vor der Übernahme durch fremde Nationalitäten zu schützen. Politiker beim Ausgehen, das ist irgendwie verdrehte Welt.

 

Die Userumfrage mit den überraschenden Ergebnissen:

Wo gehen Politiker tanzen? Die Umfrage

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