ROMANADAPTION

Eine Probe fürs Leben

Bov Bjergs Bestseller „Auerhaus“ wird derzeit an vielen Theatern dramatisiert. Jetzt kommt die Selbstmordstory auf die Bühne des Deutschen Theaters

Vier solidarische Chaoten: Božidar Kocevski, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Elena Schmidt – Foto: Arno Declair

Text: Stefan Hochgesand

Als Bov Bjerg zum Winterende wissen wollte, was mit seiner Geschichte geschieht, klickte er immer wieder auf Instagram. Dort hat eine Künstlerin Zeichnungen von den Proben aus Darmstadt gepostet. Thea­terproben zu „Auerhaus“, dem Bestseller-Roman des Autors aus Prenzlauer Berg, Jahrgang 1965.

„Auerhaus“ ging 2015 schneller durch die Decke, als der Blumenbar-Verlag es drucken konnte: Zwei Wochen lang war es gar nicht mehr lieferbar. Fast 200.000 Mal hat es sich inzwischen allein auf deutsch verkauft. Kein Wunder, dass man da auch an den Bühnen hellhörig wurde und es auf die Bretter hieven will: Seit der Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus im Januar dieses Jahres gab es sieben Produktionen an Profi-Theatern. Zehn weitere sind aktuell in Planung. Die nächste Premiere steht am 21. Mai an den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin an. Eigentlich sollten die Berliner sogar die ersten sein. Das klappte aber wegen Krankheit nicht.

Bov Bjerg, dessen erster Roman sich, zum Vergleich, bloß traurige 244 Mal verkauft hatte, bevor der Rest bei einem Lagerbrand verglühte, kann seinen „Auerhaus“-Erfolg aber nicht fassen: „Weil viel Scheiße Erfolg hat“, sagt er. „Dann denke ich: Bin ich jetzt womöglich bei der Scheiße? Oder ist es doch irgendwie okay?“ Man kann nur sagen: Zwischen all der austauschbaren Stangenware auf den Bestsellerlisten ist „Auerhaus“ eines der wenigen Bücher, denen man den Erfolg von Herzen gönnt.

Es ist die Geschichte einer Utopie: Teenager am Ende ihrer Schulzeit in den 1980ern, die zusammen in ein Haus ziehen, weil einer von ihnen, Frieder, versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Eine WG junger Menschen, die miteinander, aneinander reifen. Außerhalb des Auerhauses sind sie für alle Welt bloß die Nerds und Freaks. In ihrem Haus tragen sie Sorge füreinander. In „Auerhaus“ sind die Jugendlichen erstmals mit dem Tod konfrontiert. Aber auch Frieders Freunde kennen Suizid-Gedanken. „Es spielt im Buch keine große Rolle, warum er das genau gemacht hat“, sagt Bov Bjerg. „Weil es auf eine Art naheliegend ist – so brutal das auch klingt.“

Das Buch rollt die ganz großen Fragen danach aus, wie wir mit uns selbst klarkommen und miteinander leben wollen. So gesehen lässt es sich mit „Nicht“ von Janne Teller zu vergleichen: ebenfalls ein existenzialistischer, letztlich aber anti-­nihilistischer Jugendbestseller, der den Freitod als Lösung durchspielt. „Auerhaus“ aber  tut dies (und das ist Bov Bjergs größte Stärke) auf eine ganz unprätentiöse, witzige Weise. „Witz ist eine Möglichkeit, auf die Zumutungen zu reagieren“, sagt Bjerg. „Eine bessere Möglichkeit als in Depression zu verfallen oder Amok zu laufen.“
Garantiert ohne Happy End

Bjerg tourt mit „Auerhaus“-Lesungen stetig durch die Lande, sodass er bisher nur die Düsseldorfer Bühnenversion sehen konnte. „Über manche Lacher war ich verblüfft oder erfreut“, sagt er. „Ich dachte: ‚Hah! Das funktioniert sogar auf der Bühne.’ Doch gegen Ende hin war’s schon sehr traurig – selbst für mich, obwohl ich wusste, wie’s ausgeht.“ Gesine Pagels vom Verlag Felix Bloch Erben, die mit Bov Bjerg die Aufführungslizenzen vergibt, sagt: „Bov Bjerg ist sehr tolerant, was die künstlerische Umsetzung der Theater anbelangt.“ Man sollte dem Text nur keine Gewalt antun. „Ein Punkt, gegen den er und wir uns sicher wehren würden, wäre ein Happy End. Auf die Idee ist aber glücklicher­weise auch noch niemand gekommen.“

Die Regie am DT übernimmt nun Nora Schlocker, geboren 1983 in Tirol, die ihren Regie-Abschluss an der Ernst-Busch-Schule machte und seit einer Weile zwischen Neukölln und Basel pendelt, wo sie Hausregisseurin ist. „Das Buch erwischt einen auch auf einer sentimentalen Ebene, ohne Allgemeinplätze zu verwenden“, schwärmt sie. „Das ist nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte. Es ist das Ringen um das Leben eines Menschen.“ Sie will nun gar nicht erst versuchen, die Stationen des Romans 1:1 abzubilden, sondern lieber herauskitzeln, was zwischen den Zeilen steckt. Das Tolle an dem Roman findet sie: „Natürlich geht es um Selbstmord, aber vor allem darum, einem Menschen das Leben zu retten. Der Abend dreht sich nicht um den Tod, sondern um das Leben.“ Das Auer­haus sei ein alternativer Lebensentwurf, der sich letztlich als nicht lebbar erweise. „Aber ich möchte etwas Positives kreieren, bevor wir zerstören.“

Dass die Teenager sich ein Jahr lang gewissermaßen in einer Blase (derzeit ja eher negativ besetzt) abschotten, sieht Nora Schlocker positiv: „Es geht um Respekt und Toleranz. Neugierde. Dass jeder so sein darf wie er ist, mit all seinen Schwächen. Auch Menschen, die nicht so gesellschaftskompatibel sind, aber Asyl finden.“ Kiffer Harry zum Beispiel, dem der Vater das Gesicht blau schlug, weil Harry schwul ist. Pauline, die als Brandstifterin aus dem Betreuten Wohnen rausfliegt. Das Auerhaus ist für Nora Schlocker ein zeitloser Ort. Deshalb will sie keine 1980er-Klamotten, keine Holzofenküche, überhaupt möglichst wenig Realismus in ihrer Inszenierung sehen.

Aktuelle Roman-Bestseller auf die Bühne zu bringen ist ein Trend, auf Kosten junger originärer Dramentexte. „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, ebenfalls ein erwachsenentaugliches Jugendbuch (oder: jugendtaugliches Erwachsenenbuch), ist seit Jahren das meistgespielte „Stück“ auf deutschen Bühnen. Man kann das kritisieren. Nora Schlocker winkt ab: „„Wenn es nur um den Erfolg geht, den man versucht aufs Theater hinüberzuretten, ist das natürlich total fraglich. Doch ich finde, dass ‚Auerhaus‘ sich sehr gut für die Bühne eignet. Das Leben auf den Prüfstand zu stellen; eine Probe fürs Leben zu führen – dieser Ansatz passt doch prima zum Theater.“ 

21.5. (Premiere), 1., 7. + 10.6., 20 Uhr, 22.5., 19.30 Uhr, 3.6., 18.30 Uhr, Deutsches Theater – Kammerspiele, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Nora Schlocker; mit Marcel Kohler, Christoph Franken. Eintritt 23–30, erm. 9 €

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